Bahn-Gipfel in Berlin

Mehr Sicherheit für Bahnbeschäftigte nach dem Tod von Serkan Çalar

Bodycams für alle noch in diesem Jahr, 200 zusätzliche Sicherheitsmitarbeiter - die Bahn will ihre Angestellten besser schützen. Anlass ist der gewaltsame Tod eines Zugbegleiters in Rheinland-Pfalz.

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Stand

Von Autor/in Susanne Weber

Ein Zugbegleiter ist tot, weil er seinen Job machte. Serkan Çalar wurde bei einer Fahrscheinkontrolle so schwer gegen den Kopf geschlagen, dass er an einer Hirnblutung starb. Der Tod des 36-Jährigen aus Ludwigshafen löste bundesweit Entsetzen aus - und hat eine politische Debatte über mehr Sicherheit für das Bahnpersonal angestoßen.

Dabei ist das Problem nicht neu. Die Zahl der Angriffe auf Bahnbedienstete - verbal oder körperlich - hat in den letzten Jahren zugenommen.

Für zwei Lokführer, die Serkan Çalar persönlich kannten, ist die zunehmende Respektlosigkeit und Gewalt in Zügen Alltag. Serkans Tod macht sie fassungslos:

Du stehst da und kannst das erstmal nicht glauben: Ein Kollege von uns wurde niedergeschlagen, wegen einer Fahrkarte!

Tod in der Bahn: Kollegen von Serkan Çalar packen aus

Im Gegensatz zu den Zugbegleitern, die durch die Abteile gehen und direkten Kontakt zu Fahrgästen haben, könnten sich die Lokführer noch eher zurückziehen. Aber das schützt nur bedingt vor aggressiven Kunden: "Das Personal wird beleidigt, man wird von außen durchs offene Fenster angespuckt, es fliegt auch mal ein heißer Kaffee durchs offene Fenster."

Einer der beiden erzählt, dass eine Frau ihn aufgefordert hat, die Toilette zu putzen - als er ablehnte, flog eine benutzte Windel ans Fenster. "Dann steht da die Frau, zeigt mir schön den Mittelfinger und sagt: Ei ja, das hast du verdient."

Draußen im Fahrkartendienst bist du halt aufgeschmissen, wenn was passiert. Das hat man ja beim Serkan gesehen: Der dreht sich um und der Schlag saß. 

(Anmerkung der Redaktion: Beide interviewten Lokführer baten um Anonymität. Ihre Namen sind dem SWR bekannt.)

RLP will mehr für Sicherheit tun

Schon vor dem Bahn-Sicherheitsgipfel am Freitag hatte Rheinland-Pfalz reagiert. Nach einem Treffen mit Gewerkschaften und Verkehrsverbänden kündigte die zuständige Ministerin Katrin Eder (Grüne) an, mehrere Millionen Euro bereitzustellen. Davon sollen unter anderem Bodycams für den flächendeckenden Einsatz angeschafft werden. Den Verkehrsunternehmen wird zudem die Doppelbesetzung von Zugbegleitern ermöglicht - damit diese nicht allein kontrollieren müssen. Auf allen Linien zu allen Zeiten ist das aber aufgrund von Personalmangel gar nicht möglich.

Bahn lädt zum Sicherheitsgipfel - Maßnahmen beschlossen

Die neue Bahnchefin Evelyn Palla hatte angesichts des tödlichen Vorfalls bei Landstuhl zu einem hochrangig besetzten Gipfeltreffen in Berlin geladen. Einig waren sich dabei Bund, Länder, Bahn und Gewerkschaftsvertreter, dass mehr für die Sicherheit der Beschäftigten getan werden muss. Konkret kündigte Palla an, dass noch in diesem Jahr alle Mitarbeitenden, die das wünschen, mit Bodycams versorgt werden.

Mehr Bodycams und mehr Personal

Die Bahn werde mehr Personal einstellen, dass in Zügen und Bahnhöfen für Sicherheit sorgen soll - von 200 Stellen ist die Rede. Außerdem soll die verpflichtende Ausweiskontrolle in Regionalzügen ausgesetzt werden - dies berge immer Konfliktpotential, so Palla. Die Eigensicherung gehe vor.

Wir müssen in den Spiegel schauen und sagen können: Wir haben alles dafür getan, um den Schutz unserer Kolleginnen und Kollegen und der Reisenden in unseren Zügen und Bahnhöfen zu gewährleisten.

Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) sagte, er wolle sich für den verstärkten Einsatz von Zweierteams bei Fahrkartenkontrollen in Zügen einsetzen. Im Beschlusstext wird allerdings nicht von Doppelbesetzung gesprochen, sondern lediglich von "mehr Personal".

"Bahn und Politik müssen was tun"

Was nun beim Bahngipfel angekündigt wurde, fordern die Bahnbeschäftigten schon lange. Es müsse mehr gemacht werden, sagt einer der beiden Lokführer. "Sei es mehr Personal einstellen oder die Züge so besetzen, dass immer eine Doppelbesetzung stattfindet." Oder man müsse die Leute mit stichsicheren Westen, Pfefferspray oder sonst etwas ausstatten, damit man sich im Gefahrenfall wehren könne.

Familie von Serkan Çalar hofft auf Aufklärung

Serkan Çalar ist inzwischen in der Türkei beerdigt worden. Seine beiden Kinder sollen künftig bei seinem Bruder leben. Serkans Familie hat ausdrücklich darum gebeten, seinen vollen Namen zu nennen, was in der Berichterstattung sonst nicht üblich ist. Seine Familie wünscht sich nun, dass der Ablauf der Ereignisse im Zug aufgeklärt wird. Beim Prozess gegen den mutmaßlichen Täter wollen sie als Nebenkläger auftreten.

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Autor/in
Susanne Weber
Bild von Susanne Weber, Redakteurin bei SWR Aktuell in Rheinland-Pfalz

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