Ein Jahr nach der Katastrophe

Hoteleinsturz in Kröv: Immer noch "offene Wunde" in der Moselgemeinde

Ein Jahr nach dem Hoteleinsturz in Kröv ist die Katastrophe noch lange nicht aufgearbeitet. Wir haben mit Menschen gesprochen, die am Unglückstag vor Ort waren.

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Stand

Von Autor/in Christian Altmayer

Der 6. August 2024 hat das Leben von vielen Menschen, nicht nur in Kröv, verändert. Während die einen alles beim Einsturz des Hotels verloren haben, haben andere sogar etwas gewonnen - Freundschaften zum Beispiel und eine zweite Heimat.

Die Ursache der Katastrophe ist noch nicht vollständig aufgeklärt, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Trier ziehen sich hin. Was das mit den Überlebenden macht, mit den Anwohnern und den Einsatzkräften haben wir drei Menschen gefragt, die am Unglückstag vor Ort waren:

Gastwirt hat bei Hoteleinsturz in Kröv viel verloren

Wenn Rainer Müllers auf der Terrasse seiner Weinschänke steht, blickt er direkt auf das eingestürzte Stockwerk der "Reichsschenke". Ein Teil des Anbaus wurde inzwischen abgerissen. Doch noch immer türmen sich Berge von Schutt auf dem Gelände auf. "Das ist eine offene Wunde im Dorf", sagt der Gastwirt.

Rainer Müllers betreibt die Weinschenke neben dem eingestürzten Hotel. Er war einer der ersten Helfer am Unglücksort.
Rainer Müllers betreibt die Weinschenke neben dem eingestürzten Hotel. Er war einer der ersten Helfer am Unglücksort.

Müllers erinnert sich noch genau an den Abend, als es passiert ist. "Wir haben ein Krachen gehört und konnten erstmal vor lauter Staub nichts sehen", erzählt der Gastwirt. Seine Frau war es, die den ersten Notruf absetzte.

Rainer Müllers lief mit zwei Nachbarn sofort zu dem eingestürzten Stockwerk. Er trat die Tür ein und rettete die ersten fünf Menschen aus den Trümmern. "Du denkst da nicht nach in so einem Moment", sagt der Gastronom.

Kellerlokal nach Unglück zerstört

Inzwischen ist ein Jahr seit dem Hoteleinsturz vergangen, bei dem zwei Menschen gestorben sind. Und Müllers hatte viel Zeit, nachzudenken. "Unsere Nachbarin hat hier alles verloren - ihren Mann und ihre wirtschaftliche Existenz", sagt er. Und auch sein eigenes Kellerlokal wurde unter den Trümmern begraben - samt der großen Küche und dem Saal für die Weinproben.

Von seiner Terasse aus kann Rainer Müllers das eingestürzte Stockwerk sehen.
Von seiner Terasse aus kann Rainer Müllers das eingestürzte Stockwerk sehen.

Der Gastronom schätzt seinen Schaden auf mehr als 100.000 Euro: "Und solange nicht geklärt ist, wer Schuld war, redet keine Versicherung mit uns." Weil die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, hängt Müllers in der Schwebe.

Aber auch, weil noch nicht geklärt ist, wie es mit dem Traditionshaus weitergeht - ob es stehenbleiben kann oder abgerissen werden muss: "Wir brauchen da Klarheit, damit wir das abhaken können."

Noch immer liegen Trümmer, wo einmal der Anbau der Reichsschenke in Kröv war.
Noch immer liegen Trümmer, wo einmal der Anbau der Reichsschenke in Kröv war.

Überlebende wünschen sich schnelleres Verfahren

Auch Erika Sorm wüsste gerne den Grund für das, was ihr vor einem Jahr widerfahren ist. Sie war einer der sieben Menschen, die stundenlang unter den Trümmern lagen. "Ich und mein Hund sind zum Glück gut rausgekommen", sagt die Frau aus Baden-Württemberg. Überhaupt blickt sie versöhnlich in die Vergangenheit.

Erika Sorm war seit dem Unglück schon viermal in Kröv. Ihr helfen die Besuche an der Mosel, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.
Erika Sorm war seit dem Unglück schon viermal in Kröv. Ihr helfen die Besuche an der Mosel, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.

Viermal hat sie Kröv seit dem Unglückstag besucht: "Der Ort tut mir einfach gut." Noch nicht einmal, wenn sie auf das eingestürzte Hotel blickt, kommen bei ihr schlechte Erinnerungen hoch, sagt sie: "Ich fühle einfach nur Dankbarkeit, dass ich ein zweites Leben geschenkt bekommen habe." Und: eine zweite Heimat. Denn inzwischen verbindet sie viel mit dem Dorf und den Menschen, die hier leben.

Sie hält Kontakt zur Hotelbesitzerin, zu den Müllers nebenan und auch zu den Einsatzkräften. Manche sind inzwischen sogar Freunde geworden. Ein niederländisches Ehepaar, das die Katastrophe ebenfalls überlebt hat, hat sogar seinen Sohn nach einem der Feuerwehrleute benannt.

Feuerwehrleute blicken positiv auf Einsatz

Bei Jörg Teusch, dem Brand- und Katastrophenschutzinspekteur im Kreis Bernkastel-Wittlich, war Erika Sorm vergangene Woche zum Grillen eingeladen. "Dass solche Freundschaften aus dem Kontakt mit Überlebenden entstehen, ist außergewöhnlich", sagt Jörg Teusch: "Das habe ich in meinem langen Einsatzleben noch nie erlebt."

Inzwischen gute Freunde: Feuerwehrchef Jörg Teusch und die Überlebende Erika Sorm.
Inzwischen gute Freunde: Feuerwehrchef Jörg Teusch und die Überlebende Erika Sorm.

Was für ihn ebenfalls neu war: Das mediale Interesse. Ob Fernsehen, Radio, Zeitung oder Online-Medium: Jeder wollte nach dem Hoteleinsturz ein Interview mit dem Mann, der den Einsatz geleitet hat. "Ich bin da mittlerweile gar nicht mehr nervös", sagt Teusch - anders als vor den Treffen mit den Betroffenen.

"Da ist immer etwas freudige Aufregung dabei", sagt der Katastrophenschutzinspekteur: "Die Situation, die uns zusammengebracht hat, war dramatisch. Und dass wir hier so in Ruhe zusammensitzen können, fühlt sich immer noch unwirklich an."

Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Jörg Teusch ist stolz darauf, dass seine Truppe bei dem Einsatz in Kröv sieben Menschen retten konnte.
Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Jörg Teusch ist stolz darauf, dass seine Truppe bei dem Einsatz in Kröv sieben Menschen retten konnte.

Auch bei seiner Truppe bleibe der Einsatz positiv in Erinnerung. Ein paar Feuerwehrleute hätten zwar unmittelbar nach dem Unglückstag psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um das Trauma zu bewältigen: "Aber inzwischen überwiegt das positive Gefühl, dass wir sieben Menschen retten konnten."

Keine Gedenkveranstaltung am Jahrestag

"Die zwei verlorenen Menschenleben bringt niemand mehr zurück", sagt Feuerwehrchef Teusch. Doch nach einem Jahr zeigt sich trotzdem, dass Menschen selbst aus der schlimmsten Tragödie noch etwas Positives herausziehen können. Schmerz und neuer Lebensmut liegen nach dem Hoteleinsturz in Kröv eng beieinander.

Und auch für Trauer ist Platz. Eine Gedenkveranstaltung ist für heute zwar nicht geplant. Wer Anteil nehmen will, kann vor Ort aber Blumen abstellen.

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