Nur wenige Zentimeter groß: Hunderte graue, runde Steine mit einem Loch in der Mitte. Siegbert Eickelkamp aus Densborn im Kreis Vulkaneifel schaut sich mit einer Lupe seine Fundstücke an. "Das ist Schmuck aus der Steinzeit und somit fast 6.000 Jahre alt. Die Steine wurden damals in Ketten eingearbeitet und später getragen", erzählt der 89-Jährige.
Er ist fasziniert davon, wie Schmuck früher gemacht wurde. "Die Menschen hatten nur Steine als Werkzeuge, um sowas herzustellen. Dennoch haben sie es hinbekommen, durch dieses harte Gestein ein Loch zu bohren. Das ist unglaublich", so der Eifeler weiter.
Eifeler Bergarbeiter als Hobby-Archäologe in Afrika unterwegs
Eickelkamp hat den historischen Schmuck vor fast 40 Jahren aus Ägypten mitgebracht. Dort hat er fünf Jahre lang als Bergmann in der Mine Abu Tartur im Süden des Landes gearbeitet und sich in seiner Freizeit auf die Suche nach archäologischen Schätzen gemacht.
"Ich bin nach Feierabend mit dem Auto in die Wüste gefahren und dort mehrere Stunden bis zum Sonnenuntergang geblieben", erzählt Eickelkamp. Mit Erfolg: Im Umkreis der Mine findet er etwa Pfeilspitzen, Reibschalen und Schmuckperlen aus der Steinzeit, die aus Straußeneiern gemacht wurden.
Es ist für ihn jedes Mal ein besonderes Erlebnis, sobald er im Sand etwas Neues entdeckt hat. "Ich habe Dinge gefunden, die vor mir niemand gesehen hat. Das ist der Traum jedes Archäologen und nicht jeder hat dieses Glück", berichtet der Eifeler.
Keine Ausgrabungen, nur Funde an der Oberfläche
Der Hobby-Archäologe ist bei seiner Suche nach historischen Schätzen jedes Mal methodisch vorgegangen. Er hat sich die Koordinaten zu jeder seiner insgesamt 150 Fundstellen aufgeschrieben, hat Karten dazu gezeichnet und sich zu jedem gefundenen Artefakt ausführliche Notizen gemacht.
Er hat aber nicht gegraben, um die Sachen zu finden. "Ich habe nur den Sand an der Oberfläche abgesucht. Sobald ich etwas gefunden hatte, habe ich den Archäologen vor Ort Bescheid gesagt. Die Fundstelle war danach immer intakt. Ich habe nur auf dem Boden alles abgesammelt", betont der Eifeler. Die Ausgrabungen hat er den Forschern überlassen.
Große Sammlung: Fast 40.000 Steinzeit-Funde
Eickelkamp hat in seiner Zeit in Afrika aber nicht nur in Ägypten unter Tage gearbeitet und sich nicht nur dort in seiner Freizeit auf die Suche nach archäologischen Überresten aus der Steinzeit gemacht. In den 1970er- und 1980er-Jahren ist er in insgesamt elf Ländern unterwegs gewesen, darunter Marokko, Niger und Tunesien.
Er ist auch dort als Hobby-Archäologe erfolgreich gewesen. "Ich habe in meiner Zeit in Afrika fast 40.000 Artefakte aus der Steinzeit gefunden. Darunter 4.000 Pfeilspitzen", berichtet Eickelkamp. Das Highlight seiner Sammlung: Mehrere Faustkeile aus Tunesien. "Sie sind zwischen 300.000 und 600.000 Jahre alt", betont der 89-Jährige.
Das alles hütet er heute bei sich zuhause in der Eifel. Einige seiner Funde befinden sich in Schaukästen, die in seinem Büro an den Wänden hängen. Andere bewahrt er in Schubladen, Vitrinen, Schachteln sowie in Tüten auf.
Zusammenarbeit mit Experten aus Köln
Seine große Sammlung aus Afrika bleibt nicht unbemerkt. In den frühen 2000er-Jahren ist Eickelkamp mit Archäologen des Kölner Heinrich-Barth-Instituts wieder nach Ägypten gereist. Dort haben sie gemeinsam einige seiner Fundstellen besucht. Mit dabei waren Vertreter des ägyptischen Supreme Council of Antiquities. Diese Behörde kümmert sich um Kulturgüter.
Die Forscher sind Eickelkamp für seine Entdeckungen bis heute dankbar. "Die Archäologie hat von interessierten und engagierten Laien wie Siegbert Eickelkamp profitiert. Als Bergbauingenieur war er der erste überhaupt, der archäologische Fundstellen in der Region entdeckt und sorgfältig dokumentiert hat", sagt Karin Kindermann vom Heinrich-Barth-Institut.
Ist die Steinzeit-Sammlung in der Eifel illegal?
Angesichts der Diskussionen um geraubte Kulturgüter aus Afrika, stellt sich aber die Frage, ob Eickelkamp seine Funde damals nach Deutschland hätte einführen dürfen und ob er sie heute weiterhin besitzen darf. Er selbst sieht darin kein Problem: "Ich hatte sie den Menschen vor Ort angeboten. Sie wollten nichts haben. Daher habe ich alles mitgenommen", so der Eifeler.
Einer, der es wissen muss ist Rechtsanwalt Yannick Neuhaus. Er kennt sich mit Kunststrafrecht gut aus. "In Deutschland gibt es das sogenannte Kulturgutschutzgesetz. Das besagt, dass Kulturgüter aus anderen Ländern nicht ohne Genehmigung oder unter Verstoß gegen die dortigen Exportvorschriften nach Deutschland gebracht werden dürfen", erklärt Neuhaus.
Die Vorschrift gelte aber erst für Importe ab dem Jahr 2007 und betreffe damit keine Kulturgüter, die vorher eingeführt wurden. Das heißt, Eickelkamps Sammlung ist legal. Es gebe hierzulande keine allgemeine Meldepflicht für solche Fundstücke. "Er darf die Sammlung, auch wenn sich das ungewöhnlich anhört, in seinem Haus aufbewahren. Sie darf nicht sichergestellt werden", betont der Anwalt.
Neuer Besitzer für historischen Schatz gesucht
Siegbert Eickelkamp erfreut sich auch heute noch an seiner Steinzeit-Sammlung. "Das ist wichtig für mich. Ich habe immer noch Spaß daran. Ich schaue mir die Sachen mehrmals in der Woche an. Als Bergmann interessiere ich mich für Mineralien und Gesteine", sagt der Eifeler.
Der 89-Jährige denkt darüber nach, was nach seinem Tod mit dem historischen Schatz passiert. "Ich habe nur den Wunsch, dass er in gute Hände kommt", so Eickelkamp weiter. Seine Familie und Freunde wollen ihn nicht. Daher will er ihn an ein Museum abgeben. Das könnte aber schwierig werden.
Solche Sammlungen drohen auf dem Müll oder auf dem Trödelmarkt zu landen.
"Museen oder Institute lehnen solche Sammlungen wegen möglicher rechtlicher Probleme, fehlender Papiere oder Überlastung ab", sagt Karin Kindermann vom Kölner Heinrich-Barth-Institut. Herkunftsländer wie Ägypten seien an Artefakten aus der Steinzeit kaum interessiert. Es gehe ihnen häufig nur um "spektakuläre Kunstobjekte".
Kölner Forscher wollen Steinzeit-Artefakte retten
Sollte niemand gefunden werden, der die Sammlung des Eifelers künftig übernehmen will, besteht die Gefahr, dass seine Artefakte mitunter verloren gehen. "Wenn Sammler sterben, drohen solche Fundstücke auf dem Müll, im Internet oder auf dem Trödelmarkt zu landen", sagt Kindermann.
Damit das nicht passiert, sucht das Heinrich-Barth-Institut nach Wegen, um solche archäologische Privatsammlungen zu retten. Derzeit sei das aber noch nicht möglich. "Aktuell haben wir nicht die Kapazität, solch umfassende Sammlungen zu archivieren und fachgerecht aufzuarbeiten. Wir bleiben aber dran", so die Forscherin weiter.