Ein eingestürztes Dach, verkohlte Balken und Brandflecken an den Wänden. Viktoria schaut sich auf dem Smartphone Fotos von ihrem zerstörten Haus in ihrer ukrainischen Heimatstadt Isjum an. Sie wohnt inzwischen in Trier, doch die Erinnerungen an den Krieg sind ihr noch immer präsent.
Im August 2022 überlebten sie und ihr Ehemann einen Raketenangriff. "Wir hatten großes Glück", sagt die 45-Jährige. Ihre Hunde hätten erst gebellt und seien anschließend in den Keller gerannt. "Wir sind ihnen nach und plötzlich war ein lauter Knall zu hören".
Ukraine-Krieg spaltet Familie aus Isjum
Ihr Sohn Nikita war zu diesem Zeitpunkt bereits aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet. "Wir haben ihn kurz nach Kriegsausbruch im Februar an die polnische Grenze gefahren", sagt Viktoria. Er sei von dort aus zusammen mit zwei Verwandten mit dem Bus nach Trier gereist.
Nachdem sie ihn in Sicherheit gebracht hätten, waren Viktoria und ihr Mann nach Isjum zurückgekehrt. "Wir waren Landwirte in der Ukraine und haben Getreide angebaut", erzählt Viktoria. Sie hätten ihre gesamte Altersvorsorge in ihren Betrieb gesteckt. "Alles aufzugeben, war für uns keine Option", so die Ukrainerin weiter.
"Ich hatte Angst um meine Eltern, weil sie in der Ukraine bleiben wollten", erzählt Nikita. Es hätte ihn aber beruhigt, dass seine Großmutter und Tante nach Trier mitkamen.
Gewalt, Angst und Zerstörung: Leben unter russischer Besatzung
Als Viktoria und ihr Mann nach Isjum zurückkamen, sei die Stadt bereits von den Russen eingenommen worden. "Überall hingen russische Flaggen und alle bezahlten mit Rubel", berichtet Viktoria. Die Eroberung hätte ihre Spuren hinterlassen. "Es war schrecklich. Isjum war zerbombt. Die Menschen waren abgemagert".
Einige Tage nach ihrer Ankunft in Isjum hätten russische Soldaten ihr Haus gestürmt. "Sie dachten, dass wir ukrainische Soldaten bei uns verstecken", erzählt Viktoria. Die Soldaten hätten ihren Mann geschlagen und sie mit einer Waffe bedroht. "Dann haben sie meinen Mann entführt und ihn erst nach Tagen wieder freigelassen".
Wir haben unser Leben riskiert.
Einmal pro Monat hätten sie mit ihrem Sohn in Trier telefoniert. "Wir mussten fünf Kilometer zu einem Berg fahren, um ihn anrufen zu können. In der Stadt gab es kein Netz", erzählt die 45-Jährige. Dieser Ort hätte sich unweit des Schlachtfeldes befunden. "Wir haben unser Leben riskiert", so Viktoria weiter.
Im September 2022 befreite die ukrainische Armee Isjum. Die Gefechte drumherum gingen weiter: "Es wurde Tag und Nacht geschossen", sagt Viktoria. Nach einem Jahr zwischen den Fronten hatte sie genug. "Im Oktober 2023 ging ich auch nach Trier". Ihr Mann sei in Isjum geblieben, weil er den dortigen landwirtschaftlichen Familienbetrieb nicht aufgeben wollte.
Ukrainerin flüchtet aus Isjum nach Trier
Viktoria will sich in Trier ein neues Leben aufbauen: "Ich möchte eine Ausbildung zur Krankenschwester machen und hier arbeiten". Bis dahin ist es für sie aber noch ein langer Weg. "Es ist nicht einfach, weil ich die Sprache noch nicht so gut kann". Sie besucht aktuell eine Trierer Sprachschule, um Deutsch zu lernen.
Sie will nicht mehr in ihr Heimatland zurückkehren. "Ich wäre in der Ukraine arbeitslos. Dort gibt es derzeit wegen des Krieges keine Perspektive mehr". Auch ihr Sohn Nikita will in Deutschland bleiben. "Ich möchte später Jura studieren und Anwalt werden". Er geht in Trier noch zur Schule.
Trierer Verein hilft Flüchtlingen aus der Ukraine
Damit sich ukrainische Flüchtlinge wie Viktoria und Nikita schnell zurechtfinden, greift ihnen die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Trier unter die Arme. "Wir helfen Ukrainern eine Wohnung oder eine Arbeit zu finden", sagt Vereinspräsident Tobias Schneider (FDP).
Hauptziel sei aber, Ukrainer und Deutsche zusammenzubringen. "Wir wollen Brücken zwischen den Menschen bauen", so Schneider. Dafür arbeite der Verein mit verschiedenen Organisationen aus Trier zusammen.
Zudem organisiere die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft in Trier Veranstaltungen wie zum Beispiel einen deutsch-ukrainischen Stammtisch. "Dort können sie sich untereinander austauschen", betont der FDP-Politiker.
Neue Angriffe auf Isjum: Sorgen um Familie bleiben
Obwohl sich Viktoria, Nikita und ihre Verwandten inzwischen in Trier gut eingelebt haben, lassen sie die Sorgen um ihre ukrainische Heimat nicht los. Erst vor wenigen Wochen gab es wieder schlechte Nachrichten aus Isjum. Bei einem russischen Raketenangriff starben fünf Menschen und 30 wurden verletzt.
"Ich war geschockt. Alte Erinnerungen an den Krieg kamen zurück", sagt Viktoria. Sie hätte direkt ihren Mann in Isjum angerufen. "Ich wollte sichergehen, dass ihm nichts passiert ist", so die Ukrainerin. Er sei bei dem Angriff nicht zur Schaden gekommen. Sie mache sich Sorgen um Freunde und Familie in Isjum. "Ich habe täglich Albträume", so Viktoria.