Eineinhalb Wochen vor der BW-Landtagswahl

Zwei gegen einen - So war die Dreier-Debatte mit Özdemir, Hagel und Frohnmaier

Drei Spitzenkandidaten am Buzzer, vorgezogene Koalitionsverhandlungen und ein ausgegrabenes Video: Bei der Debatte des SWR vor der BW-Landtagswahl gab es einige spannende Momente.

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Stand

Von Autor/in Hannah Vogel, Henning Otte

Es ist ein Novum in der baden-württembergischen TV-Geschichte: Statt eines Duells gibt es eine Debatte der Spitzenkandidaten der drei absehbar stärksten Parteien. Im Stuttgarter Römerkastell ringen Manuel Hagel (CDU), Cem Özdemir (Grüne) und Markus Frohnmaier (AfD) am Dienstagabend um die besten Lösungen für BW. Dass die AfD, die als rechtsextremistischer Verdachtsfall gilt, vom SWR zu der Debatte eingeladen wurde, war vorher hochumstritten.

Buzzern, wenn der Kragen platzt

Gastgeber sind die Moderatoren Hendrike Brenninkmeyer und Florian Weber. Besondere Spielregel der Sendung: Die Spitzenkandidaten dürfen in jeder Themenrunde einmal auf den Buzzer drücken, um ihren Kontrahenten zu unterbrechen. "Wenn ihnen der Kragen platzt" erklärt Weber. Sonst: "Den anderen ausreden lassen." Das gelingt - wie schon erwartet - nicht immer.

Zwei gegen einen

Nicht völlig überraschend heißt es in der Debatte immer wieder: Zwei gegen einen. Hagel und Özdemir versuchen öfter, ihren Kontrahenten aus der Deckung zu locken. Als Frohnmaier erklärt, die Chinesen bekämen es hin, schnell Atomkraftwerke zu bauen, höhnt Hagel: "Mao, Moskau, Maga." Und meint damit auch die Nähe der AfD zu Russland und der "Make America Great Again"-Bewegung um US-Präsident Donald Trump. Als Frohnmaier wenig später erklärt, er liebe es in Deutschland und BW zu leben, geht Özdemir dazwischen und sagt: "Ich bin froh, dass er gesagt hat, dass er Deutschland liebt und nicht Russland." Gegen Ende resümiert der Grünen-Politiker die Argumentation der AfD so: "Es sind immer die Migranten schuld, wahrscheinlich auch daran, dass wir zu wenig Medaillen bei Olympia geholt haben." Frohnmaiers Replik: Das sei "peinliche Polemik". 

Was ist dran, an den Aussagen der Kandidaten? Die Faktenbasis dazu finden Sie in unserem Blog zur Sendung:

Baden-Württemberg

Das war "Die Debatte - wer überzeugt Baden-Württemberg?" Live-Blog: ++ Hagel muss sich für altes Interview rechtfertigen ++ Kandidaten äußern sich zum Thema Migration ++ Die Aussagen auf dem Prüfstand ++

Endspurt im BW-Landtagswahlkampf: Die Spitzenkandidaten von CDU, Grünen und AfD debattieren live im SWR. Ihr Schlagabtausch und ihre Äußerungen auf dem Prüfstand hier im Blog.

Die Debatte - wer überzeugt Baden-Württemberg? SWR BW

Vorgezogene Koalitionsverhandlungen

Fast von der ersten bis zur letzten Minute hat Özdemir keinen Zweifel daran gelassen, dass er gerne weiter mit der CDU regieren würde. Er wolle nicht, dass man sich wegen des Wahlkampfs entschuldigen müsse, "wenn man dann möglicherweise Koalitionsgespräche führt", sagt er und schaut Hagel dabei an. "Wir sind Wettbewerber, Konkurrenten, aber keine Feinde." Özdemir spricht immer wieder von "wir". Als das Moderator Florian Weber auffällt, setzt sich Hagel auch mal etwas ab: "Herr Özdemir spricht für sich, ich spreche für mich." Aber auch der CDU-Spitzenmann weiß, dass - geht man nach den derzeitigen Umfragen - keine Koalition mit SPD und FDP für ihn möglich ist. Und so lehnt er in grüner Manier eine Rückkehr zur Atomkraft vehement ab. "Wir hinterlassen unseren Kindern einen strahlenden Haufen Müll." Das gehe gar nicht. Özdemir vernimmt es gern. Später als Hagel einmal Frohnmaier "ausbuzzern" will, sein Knopf aber nicht mehr geht, lässt der Grüne ihn auf seinen drücken. "Ich helf‘ gerne."

Frohnmaiers Stiche

Frohnmaier setzt Stiche. Sein Lieblingsvorwurf an Hagel und Özdemir lautet: "Alles, was Sie sagen, hätten Sie längst machen können." Schließlich hätten Grüne und CDU die vergangenen zehn Jahre zusammen in BW regiert. Daraufhin Özdemir: "Ich gehöre der Landesregierung nicht an, ich war Bundesminister." Und dann, fast am Ende der Sendung, dürfen die Spitzenkandidaten jeweils eine Frage an einen der anderen in der Runde richten. Frohnmaier sucht sich Özdemir aus, um ihn mit einem acht Jahre alten Interview von Hagel zu konfrontieren. Frohnmaier erzählt, dass der CDU-Mann darin über junge Mädchen schwärme. "Ich fand das sehr, sehr irritierend." Dann fragt er Özdemir, ob dieser sich unter diesen Umständen eine weitere Zusammenarbeit mit der CDU vorstellen könne. Özdemir, wieder treu an Hagels Seite, antwortet: "Ich bin mir sicher, Herr Hagel würde das heute nicht mehr so formulieren."

Das von einer Grünen-Politikerin ausgegrabene Video zeigt ein Stammtischgespräch Hagels mit einem Lokalsender. Hagel berichtet von einem Termin in einer Realschule. "Eine Klasse, 80 Prozent Mädchen! Also, da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen", sagt er lachend. Dann beschreibt er eine der Schülerinnen genauer: "Ich werd‘s nie vergessen, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen." Heute sagt er dazu, das sei "Mist" gewesen. Seine Frau habe ihm damals noch an dem Abend "ordentlich den Kopf gewaschen". So etwas würde er heute nicht mehr sagen.

Die gesamte Debatte zum Nachschauen:

Nur ein Landespolitiker

Etwa zur Hälfte der Sendung entfährt es Hagel: "Ich bin ja der einzige Landespolitiker hier in der Runde." Und tatsächlich geht es sowohl bei dem früheren Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir als auch beim Bundestagsabgeordneten Frohnmaier oft darum, was Brüssel oder Berlin tun müssten. Der Kommunikationsexperte Frank Brettschneider sagt dazu: "Hier ist einer, Herr Frohnmaier, der sich selbst als 'Außenpolitiker' bezeichnet hat. Dann ist ein anderer da, Cem Özdemir, der sich als 'Bundesminister' öfter bezeichnet hat." Und Hagel habe eben "sehr konkrete" landespolitische Vorschläge gemacht. Zum Beispiel: eine deutliche Ausweitung der Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Nun sei die Frage, ob Landeskompetenz für Wählerinnen und Wähler die entscheidende Frage ist. Womöglich achteten sie mehr darauf, wer am meisten Führungsstärke ausstrahle.  

Das Gehirn der Welt

Die momentane Wirtschaftskrise im Autoland BW ist der inhaltliche Schwerpunkt der Debatte. Auch da liegen Hagel und Özdemir nicht so weit auseinander. Sie zeigen sich optimistisch, dass die Wirtschaft die momentanen Probleme mit Innovationen und Tatkraft überwindet. Hagel sagt: "Strukturwandel ist bei uns überhaupt nichts Fremdes." Die Geschichte zeige: "Danach stehen wir besser da als vorher." Er will der Industrie in "Sonderwirtschaftszonen" ermöglichen, sich ohne große Bürokratie zu entfalten. Der Grüne Özdemir ergänzt: "Wir sind immer noch das Gehirn der Welt, vieles wird in BW erfunden, aber wir sind nicht immer das Geschäftsfeld." Man müsse Erfinder und Start-ups früher und besser unterstützen, damit sie nicht abwandern. Dagegen erklärt Frohnmaier: "Ich will keinen Strukturwandel." Er will an älteren Technologien wie dem Verbrennermotor festhalten - nur so könnten Jobs in der in BW so wichtigen Autoindustrie erhalten werden.

Der SWR berichtet über die Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg auch in Leichter Sprache. Hier finden Sie den passenden Artikel:

Leichte Sprache | Baden-Württemberg Debatte von den Spitzen·kandidaten vor der Land·tags·wahl

Im SWR Fernsehen hat es eine Debatte der Spitzen·kandidaten gegeben. Was ist dabei passiert? Das können Sie hier nachlesen.

Atomkraftwerke ohne Atommüll?

Frohnmaier würde auch gern zur Atomkraft zurückkehren - und behauptet, "dass Kernkraftwerke neuer Generation fast keinen Atommüll mehr produzieren". Diese und elf andere Behauptungen hat das SWR-Faktenteam im Blog zur Sendung unter die Lupe genommen: Fünf Behauptungen von Frohnmaier, vier von Özdemir und drei von Hagel. Sie waren unter anderem pauschalisierend, teilweise richtig oder irreführend. Und so hält auch die Behauptung des AfD-Politikers zu den Reaktoren ohne Atommüll der Überprüfung nicht stand.

Drinnen Diskussion, draußen Protest

Während drinnen diskutiert wird, wird draußen - zumindest am Anfang noch - protestiert. Es ist laut, aber friedlich. Die Demonstrierenden schwenken Regenbogenfahnen, auf einem Plakat steht: "Klare Kante gegen rechts". Die Kritik richtet sich gegen den SWR und die Teilnahme von Frohnmaier. Man dürfe nicht einem "Antidemokraten, der den Sender am liebsten abschaffen würde, unreflektiert eine Bühne bieten", sagt ein Organisator. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte die Einladung des AfD-Politikers kritisiert. "Der wird ja nun auf keinen Fall Ministerpräsident", meinte er. Die FDP hatte sogar gegen die Sendung geklagt. Der SWR argumentiert mit dem Prinzip der abgestuften Chancengleichheit. Die AfD liegt in Umfragen nur knapp hinter den Grünen auf Rang drei, während die CDU klar führt.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Hannah Vogel
SWR-Redakteurin Hannah Vogel
Henning Otte
SWR-Reporter und -Redakteur Henning Otte, SWR Landespolitik

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