Die Ein-Mann-Show der BW-Grünen

Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir: Der Hoffnungsträger für den Machterhalt

Winfried Kretschmann wird sich nach der Landtagswahl im März 2026 aus der Politik verabschieden. Für die Grünen möchte der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir dessen Nachfolge antreten.

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Stand

Von Autor/in Knut Bauer

Noch liegen die Grünen deutlich hinter der führenden CDU, aber nach der letzten Umfrage von Infratest dimap im Auftrag von SWR und "Stuttgarter Zeitung" holen sie auf. Die CDU bleibt mit 29 Prozent auf Platz eins, die Grünen machen jedoch Boden gut und gewinnen 3 Punkte hinzu. Mit 23 Prozent verringern sie den Rückstand und setzen sich vor der AfD wieder auf Platz zwei.

Wohl auch wegen Cem Özdemir, dem weithin bekannten Spitzenmann, der neun von zehn Baden-Württembergern ein Begriff ist. Seine Partei setzt voll auf die Bekanntheit des Spitzenkandidaten. 39 Prozent würden sich für ihn entscheiden, wenn der Ministerpräsident direkt gewählt werden könnte. Nach Bundestag, Europaparlament, Parteivorsitz und Ministeramt hat er jetzt eine neue Mission: "Ich habe meine Bereitschaft erklärt, für dieses wunderschöne Land Baden-Württemberg als Minischterpräsident zu kandidieren - und dann schau mer mal."

Keine Rückfahrkarte nach Berlin

Es gibt in diesen Tagen und Wochen wohl keine Veranstaltung, keinen Termin und keine Podiumsdiskussion, wo Özdemir nicht sein Ziel formuliert, die Nachfolge von Winfried Kretschmann anzutreten und Ministerpräsident zu werden. Und immer spricht Özdemir dies schwäbisch aus: "Minischterpräsident".

Dabei hat er nach seinem Wechsel von Berlin nach Stuttgart immer betont, dass es für ihn keine Rückfahrkarte gebe. Es setze alles auf Baden-Württemberg und plane keine Rückkehr nach Berlin in die Bundespolitik. Ob er auch in der baden-württembergischen Politik bleiben will, wenn er sein Ziel, Ministerpräsident zu werden, nicht erreichen sollte, das ließ er offen.  

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Landeskind mit Aufstiegs-Karriere

Der anatolische Schwabe - wie sich Cem Özdemir selbst nennt - ist vor 60 Jahren in Bad Urach (Kreis Reutlingen) am Rande der Schwäbischen Alb geboren und als Kind türkischer Gastarbeiter aufgewachsen. Auf seine Aufstiegsgeschichte und die schwäbische Herkunft weist Özdemir regelmäßig hin, in Baden-Württemberg gerne in breitem Dialekt.

Özdemir ist gelernter Erzieher und hat Sozialpädagogik studiert. 1994 zog er für die Grünen als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Bundestag ein. Acht Jahre später gab er das Mandat ab, weil er dienstlich erworbene Bonus-Flugmeilen privat genutzt hatte. Das Comeback folgte 2004 im Europaparlament. 2008 wurde er Bundesvorsitzender seiner Partei.

Als Parteichef der Grünen bekannt geworden

Fast zehn Jahre lang war Özdemir Parteichef der Grünen und ist in diesem Amt bundesweit einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Auch weil er häufig in Talkshows eingeladen wird und ein guter Redner ist, der kleine Dinge groß darstellen kann, wie bei der Eröffnung eines Start-Up-Unternehmens in Heilbronn. Da sagte er im Herbst 2024: "Dieser Gründergeist passt zu Baden-Württemberg und in unser Bundesland. Die Weltunternehmen, für die wir heute in der ganzen Welt geachtet und respektiert werden, haben auch mal klein angefangen. Das waren auch Erfinder, die ausgelacht wurden, und wo man gesagt hat: das wird doch nichts. Und daraus wurde dann ein Mercedes, daraus wurde ein Bosch und viele großartige Unternehmen."

2013 zog Özdemir erneut in den Bundestag ein, dem er bis im Frühjahr 2025 angehörte. 2017 war er gemeinsam mit Katrin Göring-Eckhardt Spitzenkandidat seiner Partei für die Bundestagswahl. Und bei der Wahl 2021 holte Özdemir im Wahlkreis Stuttgart 1 erstmals das Direktmandat für den Bundestag. Mit 40 Prozent der Stimmen, das beste Erststimmenergebnis aller Grünen-Bundestagsabgeordneten. Im Dezember 2021 wurde er erster Bundesminister mit türkischen Wurzeln.

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Bescheidene Bilanz als Agrarminister

Dreieinhalb Jahre war Cem Özdemir Mitglied der gescheiterten Ampelregierung. Seine Bilanz als Bundeslandwirtschaftsminister ist jedoch überschaubar. Starke Worte, schwache Taten urteilt die Umweltschutzorganisation Greenpeace und kritisiert, dass Özdemir als Agrarminister wenig erreicht habe. Außer einem Tierhaltungs-Kennzeichen für die Schweinehaltung bleibt nicht viel auf der Habenseite.

Was der Grünen-Politiker auf Altlasten der Vorgängerregierungen zurückführt. In drei Jahren sei es nicht möglich gewesen, alles rückgängig zu machen, was 16 Jahre lang schiefgelaufen sei. Zumal er es habe gegen die durchsetzen müssen, die 16 Jahre in die falsche Richtung gearbeitet hätten, so Özdemir. Im Konflikt um die Agrardiesel-Subventionen hat sich der frühere Landwirtschaftsminister allerdings den Bauernprotesten gestellt und wie schon in seiner Jugend im Handball-Tor in Bad Urach Nehmerqualitäten bewiesen. "Dass er dahingegangen ist, wo es für ihn unangenehm wird, zeigt, dass er hinsteht", findet Ministerpräsident Kretschmann.

Özdemir will einer sein wie Kretschmann

Hinstehen muss Cem Özdemir jetzt im Wahlkampf, wo er sich als Neuauflage des Noch-Ministerpräsidenten inszeniert. Wie Kretschmann liegt er häufig quer zur Linie der Bundes-Grünen. Beim Thema Migration hat Özdemir schon früh eine Wende gefordert: In einem Gastbeitrag für die "FAZ" schrieb er vor eineinhalb Jahren, seine kurz vor dem Abitur stehende Tochter und ihre Freundinnen würden von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert. Seine Schlussfolgerung für die Asylpolitik: "Wir müssen wissen, wer im Land ist. Wir müssen dafür sorgen, dass nur die im Land sind, die hier sein dürfen."  Gleichzeitig betont Özdemir, dass alle, die sich hier integrieren und die Sprache lernen, zu unserer Gesellschaft gehören.

Beim Verbrenner-Aus plädiert er für Flexibilität: Es gelte klar zu sein im Ziel Elektromobilität, aber offen im Weg dorthin. Und wie seine Konkurrenten von den anderen Parteien stellt er vor der Landtagswahl das Thema Wirtschaft in den Mittelpunkt.

Ärger wegen Mercosur-Abstimmung

Unfreiwillig muss sich der Vater zweier Kinder, der mit einer kanadischen Juristin liiert ist, jetzt allerdings mit einem neuen Thema herumschlagen: Im Europaparlament haben die Grünen gemeinsam mit Rechtsextremisten für eine juristische Überprüfung des Freihandels-Abkommens Mercosur gestimmt. Sehr zum Ärger des Spitzenkandidaten, der hervorhebt, dass dies nicht die Position der baden-württembergischen Grünen sei: "Die Ansage ist klar: das dulden wir nicht." Wie sich das auf Özdemirs Wahlchancen auswirkt, wird sich zeigen. Der Wahlkampf der Grünen ist jedenfalls voll auf ihren Spitzenkandidaten ausgerichtet: Auf den Özdemir-Plakaten taucht eine winzige Sonnenblume auf, der Parteiname nicht. 

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Knut Bauer
SWR-Reporter und -Redakteur Knut Bauer

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