Trojanischer Krieg in der Ouvertüre als Animationsfilm
Mit der Ouvertüre zu Wolfgang Amadeus Mozarts „Idomeneo“ geht es am Theater Ulm zur Sache. Im Krieg spritzt das Blut, mit der List eines Holzpferdes wird die Stadt erobert und Geiseln nach Kreta transferiert.
Diese Bilderflut eines rasanten Comicstrips der Vorgeschichte des trojanischen Kriegs als Animationsfilm zeigt schon den Weg der Inszenierung Kobie van Rensburgs: die Wiedergewinnung des zauberischen Barocktheaters.
Die Kulisse ist eine zauberhafte Postkartenwelt
Wenn der Vorhang sich hebt, befinden wir uns in der Welt des scheinperspektivischen Kulissenzaubers. Wie Bühnenmalerei wird sie auf hintereinander gelagerte Gazeschleier projiziert.
Eine grau in grau gehaltene Postkartenwelt der Antike mit Patina. Diese Nachrichten aus der alten Welt stammen schon zu Mozarts Zeiten aus dem längst Verschwundenen der rituellen Magie von Blutopfern, des Sohnesopfers zur Befriedung der Welt.
Regisseur Kobie von Rensburg weiß, was er tut
Die Figuren bewegen sich mit diesen von Kobie van Rensburg gestalteten virtuellen Bildwelten verschmelzend. Das macht ihre berückende Qualität aus.
Das Multimediale ist kein appliziertes Spektakel, sondern ein künstlicher Raum in dem gleichsam stilisiert und doch emotional natürlich agiert wird. Denn es ist Oper, die unnatürlichste aller Kunstformen, die doch durch ihre emotionale Kraft wirkt, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt.
Kobie von Rensburg weiß genau, was er tut. Denn als früherer Sänger hat er die Titelpartie selbst unzählige Male auf den Bühnen der Welt gesungen. Agiert wird im Puls der Musik, dezent, aber mit der Präzision der treffgenau, sparsam akzentuierten Bewegungsgestik und -choreografie.
Bildschön und voller Details
Man möchte all die Details dieses bildschönen Illusionstheaters nennen: die antiken Säulenreihen, die Ruinen auf ihren Hügeln, die Naturschilderungen oder den mit dem Zorn des Gottes Neptun ausbrechenden Vulkan. Oder den entzückenden Elefanten, der bei den Triumphmärschen geritten wird und all die Zaubertricks, die Elettra als Magierin erotischen Verführungswillens aufführt.
Und die raffinierte Technik der ansonsten leeren Bühne mit den hoch- und niederfahrenden Podien, mit denen die Figuren perfekt auf den projizierten Treppen stehen, obwohl es diese Architektur im realen Bühnenraum gar nicht gibt. Das ist keine Minute langweilig, optisch so verführerisch wie Mozarts musikalisches Füllhorn dieser Oper.
Das Ende ist überraschend
Der Bildraum ist Spiegelung. Wenn Idomeneo von den Wellen seines emotionalen Auf-und-Ab singt, dem stummen, monströs steinernen Gott den eigenen Sohn opfern zu müssen, dann tobt das Meer um ihn herum, umspülen ihn die bewegten Fluten.
Überraschend das so nie gesehene Ende. Obwohl das göttliche Orakel die standhafte Verweigerung des Blutopfers würdigt und den Sieg der standhaften Liebe von Vater und Sohn, von Idamante und Ilia belohnt, durchbohrt Idomeneo die als Furie der alten Welt eifersüchtig rasende Elettra mit seinem Schwert.
Schön und erschreckend gleichzeitig
Die sie begleitenden, schamanistischen Furiengestalten der alten Welt nützen hier nichts. Dann pflanzt der König einen erblühenden Baum. Der Preis des Friedens bedarf doch des Blutopfers.
Eine niederschmetternde Aktualität in dieser ganz der Welt des Barocks verpflichteten Deutung. So schön wie erschreckend zugleich ist diese Idee des Tragischen.
Das Ensemble in Ulm ist toll
Musikalisch ist es eine Feier. Das Ensemble in Ulm ist toll und großartig, dass ein solches Haus über diese Kräfte verfügt. Markus Francke in der Titelpartie steigert sich enorm und lässt ausgefeilt klare Stimmpsychologie hören.
Bewundernswert die Homogenität: Josy Santos' leidenschaftlich sinnlicher Idamante, die sanft-samtige IIia von Maria Rosendorfsky und Joshua Spinks Arbace als strahlender, das tragische Gefälle reflektierender Vertrauter Idomeneos mit wunderschön blühenden Arabesken.
Maryna Zubko als Elettra: endlich mal keine Furie, sondern eine Tragödin mit der warm glühenden Ambivalenz des Untergangs einer vergehenden Welt.
Klügste Mozart-Aufführung seit Langem
Der so wichtige Chor ist bestens disponiert. Felix Bender ist als Dirigent die personifizierte Verve für Mozarts vielleicht üppigste Opernpartitur.
Er lässt die farbliche Pracht der Holzbläser und Streicher mit dem philharmonischen Orchester Ulm erblühen. Dieser „Idomeneo“ ist wohl eine der klügsten Mozart-Aufführungen seit Langem im Südwesten, zu der man unbedingt hinfahren muss.
Oper im Südwesten
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