Bachmanns Stimme in Musik
Im Ingeborg-Bachmann-Jahr 2026 entdecken die Schwetzinger SWR Festspiele in Kooperation mit dem Theater Aachen die Radikalität und Aktualität der Schriftstellerin neu. Das Komponist*innen-Duo Karola Obermüller und Peter Gilbert macht gemeinsam mit der Librettistin Tina Hartmann erstmals aus Bachmanns „Malina“ ein Stück Musiktheater.
Der Roman ist ein großer, mehrschichtiger Komplex aus Philosophie und Geschichte. Aus „Malina“ könne man vermutlich drei abendfüllende Opern mit etwa fünf Stunden machen, sagt Librettistin Hartmann im Gespräch – und hätte doch nur Hälfte erfasst.
Die Oper könne sich vom Roman nur eine hauchdünne Scheibe abschneiden und ein Thema in den Fokus rücken, ohne den ganzen Roman vollständig darstellen zu können, findet Hartmann. Im Mittelpunkt steht deshalb die Stimme: als Symbol für das Verstummen und Überleben weiblicher Stimmen.
Es geht bei uns um die Stimme. Genau um das, was im Roman nicht darstellbar ist: die menschliche Stimme.
Als Lyrikerin und Librettistin beschäftigte sich Ingeborg Bachmann selbst mit der Frage, wann Sprache zu Musik wird. Genau dort setzt auch die Oper an und ergründet verschiedene Formen gesanglichen Klangs. Tina Hartmanns Libretto folgt dabei Bachmanns Roman im Wortlaut.
Musik als Sog: Übergänge zwischen Sprechen und Singen
In der Oper wird immer wieder mit den verschiedenen Facetten der Stimme gespielt. Gesprochene Worte gehen über in Sprechgesang bis zum klassischen kunstvollen Gesang. In manchem Duett spricht eine Figur, während die andere gleichzeitig singt.
Die Komponist*innen arbeiten dabei mit Leitkonzepten, die sich durch die gesamte Oper ziehen und auf dem Roman fußen. Komponistin Karola Obermüller beschreibt diese als eine Art „Cantus Firmus“, die auftauchen, verschwinden und im anderen Kontext erneut auftauchen.
Bachmann selbst habe diese Leitkonzepte im Roman komponiert, die beiden Komponist*innen haben es in eine klingende musikalische Form gegossen.
Geschlechteridentitäten und die Frage nach dem Alter Ego
Die Hauptfigur „Ich“, gesungen von Sopranistin Larisa Akbari, hat das männliche Alter Ego „Malina“, dem sie ihre Stimme überträgt. Die Besetzung als auch die Inszenierung von Regisseurin Franziska Angerer hinterfragen die Binarität von Geschlechterrollen.
Die Rolle des Malina, in Bachmanns Roman ein ruhiger Militärhistoriker, wurde für einen Countertenor geschrieben. Eine weiblich klingende Stimme, die aus einem männlichen Körper tönt. In Schwetzingen singt Valer Sabadus.
Teamarbeit als Herzstück dieser Uraufführung
Die Uraufführung von „Malina“ ist das Ergebnis intensiver Teamarbeit. Komponistin, Komponist und Librettistin arbeiteten eng zusammen, um ein kohärentes und vielschichtiges Werk zu schaffen.
Es sei nicht selbstverständlich, dass das so harmonisch gelaufen sei, erklärt Karola Obermüller. Besonders sei auch diese großartige Literatur gewesen. Das Team habe immer wieder neue Aspekte, Zusammenhänge und Schichten in dem Text entdeckt.
Warum „Malina“ heute wichtig ist
Die Kritik an patriarchalen Strukturen und das Ringen um Selbstbestimmung sind erschreckend zeitgemäß. Die Oper greift die Fragen nach Identität, Geschlechtl und Trauma auf und stellt sie in einem neuen, künstlerischen Kontext.
Auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und gesellschaftlichen Zwängen werden in der Oper thematisiert. Für die Premiere und die Vorstellung am Samstag bei den Schwetzinger SWR Festspielen sind noch wenige Karten verfügbar.