Kunstrasen und Stadionatmosphäre auf der Bühne
Stadionatmosphäre dringt aus den Lautsprechern. Ein digitales Spruchband läuft um die weiße Guckkastenbühne. Darauf steht: „Ich bitte alle Beteiligten, zärtlich im Umgang mit diesem Stück zu sein.“
Mehrere Bahnen Kunstrasen liegen zusammengerollt auf dem Bühnenboden. Und anders als zärtlich lässt sich auch gar nicht auf den absurd komischen, oft auch anrührenden Text von Leo Meier blicken. Seine Szenenüberschriften und Regieanweisungen sind in der herausragenden Inszenierung am Pfalztheater immer wieder als Stimme aus dem Off zu hören.
Zwei junge Herren in roten Trikots
Zwei junge Herren in roten Trikots, beide sind sie Fußballprofis. Beide im selben Verein. Dass sie sich nun offensichtlich zum ersten Mal begegnen, ist eines der vielen fantastischen Geheimnisse des Stücks.
Es lohnt genauso wenig, das zu hinterfragen, wie die Tatsache, dass der Mittelfeldspieler einen Drachen namens Jackson besitzt, mit dem er schließlich zum Weihnachtsessen beim Stürmer und dessen Eltern anreist.
Jackson – benannt nach dem Lieblingssänger des Mittelfeldspielers. Und das ist – natürlich – Kurt Cobain. Ganz klar – in „zwei herren von real madrid“ sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden.
Herrlich absurder Nonsens
Und nicht nur der Text ist zuweilen herrlich absurder Nonsens. Genauso ist es das Bühnengeschehen, zum Beispiel wenn der Rasen ausgerollt und mit einer Haarbürste gekämmt wird. Oder wenn die Mutter des Stürmers nach dem Weihnachtsessen beerdigt werden muss.
Sie hat vom Gastgeschenk des Mittelfeldspielers gegessen, Bananenbrot. Und sie hatte eine Bananenallergie. Die „Paterin“ – ja, selbst die katholische Kirche bekommt bei Leo Meier ein sympathisches, weltoffenes Gesicht – leitet die Beerdigungszeremonie auf eher unkonventionelle Art, samt gewagter musikalischer Umrahmung.
Fulminantes Ensemble und Happy End
Die Beerdigung als Party, an deren Ende die Mutter einfach noch mal aufersteht. Regisseurin Franziska Stuhr und ihr durchweg fulminantes Ensemble bringen den grandiosen Text von Leo Meier schlichtweg zum Strahlen. Keine Frage, dass sich die beiden Fußballprofis am Ende kriegen und alles – nach wenigen Umwegen – im Happy End mündet.
Dem Zuschauer bleibt nach diesen rundum erfreulichen anderthalb Theaterstunden nur der Wunsch, dass es doch auch im wahren Leben so einfach wäre. Dass statt dem Tabu und auch der öffentlichen Lust an diesem Tabu und dem Voyeurismus, der damit einhergeht die Liebe zum Schluss immer gewinnt.
Denn auch die ernste Seite des Themas spart „zwei herren aus real madrid“ nicht aus: Fotos in Boulevardblättern, aufdringliche Presse-Nachfragen, das Anzweifeln der Kompetenz. Glücklich, wer einen Drachen besitzt, mit dem er im Zweifelsfall einfach davonfliegen kann.
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