Sex und Emanzipation

100 Jahre Marilyn Monroe – Schein und Sein einer Film-Ikone

Marilyn Monroe ist eine Filmikone, auch an ihrem 100. Geburtstag gilt sie als Sexsymbol. Ein Missverständnis, das ihr Leben zerstört hat. Doch hinter der Fassade lässt sich Monroes wahre Persönlichkeit erahnen.

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Von Autor/in Wilm Hüffer

Im SWR Kultur Forum diskutierten drei Monroe-Kennerinnen über die Bedeung der Schauspielerin, die 1962 im Alter von 36 Jahren starb. Fünf Beobachtungen zur Kunstfigur Marilyn Monroe – und welche Stärken dahinter lange verborgen geblieben sind.

Verschwunden hinter der Fassade

Marilyn Monroe in "The Prince and the Showgirl" von 1957
Marilyn Monroe in „Der Prinz und die Tänzerin“ von 1957

Die öffentliche Marilyn Monroe ist eine Kunstfigur. Bekannt ist nicht sie selbst, sondern die ikonische Fassade ihrer Filmexistenz. Schon Hildegard Knef hat beobachtet, wie sich das unscheinbare Mädchen Norma Jeane Baker, so ihr eigentlicher Name, vor der Kamera in etwas aufregend anderes verwandelte.

Dass man sie selbst gar nicht kenne, hat Marilyn Monroe zeitlebens beklagt, ähnlich wie Elvis Presley oder Rita Hayworth. Andererseits, sagt die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, war Monroe äußerst geschickt darin, das geschaffene Bild ihrer selbst weiter zu inszenieren.

Vermutlich gehörten dazu selbst Gerüchte vom Filmset, sie könne sich keine Texte merken. Billy Wilder behauptete, bei Drehs überall Sprechzettel hingeklebt zu haben. Wohl eher ein Vermarktungstrick, um das Image des liebenswerten Dummchens zu zementieren.

An diesem Bild habe sich auch das Publikum geweidet, so Elisabeth Bronfen. Gut passe dazu der tragisch frühe Tod der Schauspielerin. Ikonische Stars wie Marilyn Monroe, James Dean oder Janis Joplin bleiben damit als Verkörperung von Jugend und Schönheit in Erinnerung.

Sexsymbol als Angstfigur

Marilyn Monroe in "Niagara"
Nur einmal spielte sie die Femme fatale: Marilyn Monroe in „Niagara“

Es war die wichtigste Seite des ikonischen Monroe-Bildes: das Sexsymbol. Obwohl Billy Wilder kein Frauenfeind gewesen sei, habe er in seinem Filmen immer mit diesem Bild gespielt, sagt die Schauspielerin und Monroe-Darstellerin Sophie von Kessel.

Dabei hat Marilyn Monroe nur einmal, in Henry Hathaways Film „Niagara“ (1953), eine klassische Femme fatale gespielt. Doch mit ihrer einmaligen Ausstrahlung geriet sie während der 1950er-Jahre in die Zeit einer „kuriosen, fast doppelmoralischen Prüderie“, so Elisabeth Bronfen.

Monroes Sinnlichkeit habe diese Gesellschaft „wirklich nervös gemacht“. Ihre Sexualität sei weniger kalkuliert gewesen als die von Madonna oder Taylor Swift. In Europa habe sie verständlicher gewirkt als in den USA.

Monroe selbst war unglücklich über diese Wirkung. Alkoholmissbrauch und Medikamentensucht waren die Folge. Wenn sie allerdings ein Symbol sein müsse, schrieb sie in ihr Tagebuch, dann lieber für Sex als andere amerikanische Symbole.

Gebucht auf undankbaren Stoff

Marilyn Monroe bei Dreharbeiten mit Billy Wilder
Marilyn Monroe bei den Dreharbeiten zu „Manche mögen's heiß“ mit Billy Wilder

Verschwinden die schauspielerischen Fähigkeiten von Marilyn Monroe hinter den Rollen, die sie spielen musste? In ihren 13 Haupt- und 17 Nebenrollen wurde Monroe einzig von Männern inszeniert, erinnert ihre Biografin Jenni Zylka.

Auch wurde sie nur von Männern gefilmt. Und die lenkten die Kamera vor allem auf Marilyns Rock, der vom Lüftungsgitter hochgeweht wurde. Die berühmte Szene stammt aus Billy Wilders Film „Das verflixte 7. Jahr“ .

Zeigen konnte Marilyn Monroe zwar ihren brillanten Humor und ihr Gespür für Timing. Aber sie musste auch mit Kinderstimmchen „I love my daddy“ singen. In den meisten Rollen war sie eine junge Frau auf der Suche nach einem reichen Mann.

Deshalb, so Jenni Zylka, hätte es sie interessiert, Marilyn zum Beispiel im Theater inszeniert zu sehen, von jemand anderem als Männern, „von einer Frau mit einem weiblichen Blick.“ Doch wie gut sie andere Rollen hätte spielen können, wird sich nie beantworten lassen.

Der Mut zum Risiko

Marilyn Monroe mit Robert und John F. Kennedy
Marilyn Monroe im Jahr 1962 mit Robert und John F. Kennedy

Marilyn Monroe war nicht, wofür man sie hielt. Ihre Intelligenz erkannten nur wenige, am ehesten der Schriftsteller Arthur Miller, der sich in seinen Memoiren wünschte, ihre Menschlichkeit wäre bekannter geworden. Miller gab sich auch eine Mitschuld am Scheitern der gemeinsamen Ehe.

Während der Dreharbeiten las Marilyn Monroe Rilke. Bekannt wurde ein Bild von ihr, vertieft in ihre Lektüre, den „Ulysses“ von James Joyce. Doch vor allem sei Marilyn Monroe mutiger und viel radikaler gewesen als andere Schauspielerinnen, meint Elisabeth Bronfen.

Das beste Beispiel sei der letzte öffentliche Auftritt von Monroe, 1962, zum 45. Geburtstag von John F. Kennedy im Madison Square Garden. Längst war bekannt, dass sie Kennedys Geliebte war. „Das muss man sich mal vorstellen“, so Bronfen: „Sie geht auf die Bühne und singt ‚Happy Birthday‘ – und wie sie es tut!“ Berühmt wurde das hautfarbene, transparente Kleid, besetzt mit Strass-Kristallen.

Sie habe nicht kalkuliert, dass dieser Auftritt das Ende ihrer Karriere sein könnte. Sie habe sich ganz auf ihr Charisma verlassen, sagt Elisabeth Bronfen. Marilyn Monroe war bereit, ein Risiko aufzunehmen. „Das ist für mich ein Zeichen von jemand, der wirklich ein Künstler ist.“

Freundin unter Frauen

Frauen in Iowa haben sich 2011 zu einer After-Bix-Party als Marilyn Monroe verkleidet
Frauen in Iowa haben sich 2011 zu einer After-Bix-Party als Marilyn Monroe verkleidet

Marilyn Monroe war die Tochter eines gleichgültigen Vaters und einer nervenkranken Mutter, wurde von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht und als Kind vermutlich mehrfach sexuell misshandelt. Doch das vermeintlich fragile Mädchen, so Elisabeth Bronfen, habe es verstanden, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Entwickelt habe Monroe große Empathie, ein Gespür für das Publikum, ihre wahren Fans. Dokumentarmaterial zeige sie in einem Kreis von Journalistinnen. „Da spürt man eine wirkliche Amitié zwischen diesen Frauen“, sagt Bronfen.

Marilyn Monroe als Freundin unter Frauen: Daraus hätte mehr werden können. Das zeigen die Filme, die die Schauspielerin selbst produziert hat, „Bus Stop“ und vor allem „Der Prinz und die Tänzerin“ von 1957. Darin sehe man eine Frau, die einen Traum hat, sagt Monroe-Biografin Jenni Zylka, „die einen Plan hat, mehr weiß als dieser Mann und erfahrener ist. Ein schöner Film, wenn es um weibliche Selbstbestimmung geht.“

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