Als der Fußball noch kein Milliardengeschäft war ...
Leichtigkeit ist ein Gefühl, das man eher nicht mit Deutschland verbindet. Und auch nicht mit dem deutschen Fußball. Und doch ist es genau dieses Gefühl, das den Charme von „Ein Sommer in Italien“ ausmacht – für die Dauer dieser einen Weltmeisterschaft 1990 fühlte sich Deutschland ganz und gar unbeschwert an.
Zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung schien es plötzlich, als könnte von hier an alles immer nur noch besser werden. „Ein Sommer in Italien“ versetzt den Zuschauer zurück in eine gefühlte Zeit der Unschuld, als der Fußball noch kein Milliardengeschäft war, Spieler noch keine Weltstars mit gestylten Frisuren und einer eigenen Social-Media-Community.
Unprätentiöse Fußballer, die Spaß haben
Stattdessen sieht man einer Gruppe unprätentiöser Fußballer in hässlichen grünen Trainingsanzügen dabei zu, wie sie sich bis ins Finale siegen. Vor allem aber erlebt man, wie sie gemeinsam Spaß haben. Zum Beispiel, wenn sich Pierre Littbarski mit seiner eigens im Koffer mitgebrachten Musikanlage zum DJ aufschwingt oder Kapitän Lothar Matthäus alle auf eine Spritztour mit seinem Motorboot einlädt.
Wir sind Wasserski gefahren … wir waren eine Gemeinschaft, die nur eines im Fokus hatte: diese Weltmeisterschaft zu gewinnen.
Mittlerweile werden Turnier-Dokus in Abstimmung mit dem DFB schon im Vorhinein sorgfältig geplant. Im Vergleich zu solchen Marketing-Hochglanzprodukten kommt die Doku von Vanessa Goll und Nadja Kölling angenehm untertourig daher.
Viele Aufnahmen stammen aus privatem Videomaterial von Torwarttrainer Sepp Maier und von Torwart Bodo Illgner. Kurz vor dem Turnier hatte sich dieser eine Kamera gekauft und filmte begeistert alles – vom Geschubse am Pool über das Rumalbern in der Kabine bis hin zu seinem unaufgeräumten Zimmer.
Wir haben jetzt wieder eine neue Generation von Spielern, denen man es ansieht, dass es ihnen Freude macht, Fußball zu spielen. Es ist eine Freude, den Spielern zuzuschauen.
Außergewöhnlich guter Teamgeist
Die teils dramatischen Fußballspiele nehmen allerdings überraschend wenig Raum in der Doku ein. Vom Training sieht man gar nichts. Goll und Kölling konzentrieren sich ganz auf die Erinnerungen der ehemaligen Spieler an diesen Mikrokosmos in Italien.
16 von ihnen erzählen rückblickend vom außergewöhnlich guten Miteinander, dem Teamgeist, der Liebe, die den Deutschen von den italienischen Fans entgegenschlug. Natürlich ist das „11 Freunde müsst ihr sein“ immer auch ein Klischee, aber wenn man die Aufnahmen aus dem Domizil am Comer See sieht, glaubt man es.
Und auch der notorische Dampfplauderer Lothar Matthäus berührt einen tief. Der 64-Jährige kämpft im Interview mit den Tränen, wenn er über den Verlust seines verstorbenen Freundes Andreas Brehme spricht, den Schützen des Finaltors.
Nostalgie-Trip für Menschen über 40
Auch wenn man meint, alles über dieses Turnier zu wissen, erfährt man doch noch Kuriositäten, vor allem über das mühselig gewonnene Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei.
So erzählt zum Beispiel Andy Möller, wie ein erzürnter Trainer Franz Beckenbauer ihn bei der Einwechslung aufforderte, sich einfach einen der deutschen Spieler auszusuchen, der auf die Bank soll. Schlecht fand er sie offenbar alle. Oder wie Beckenbauer nach dem Spiel in der Kabine tobte und wuchtig einen Eimer mit Eiswürfeln umtrat.
„Ein Sommer in Italien“ ist ein Nostalgie-Trip für Menschen über 40, die bei den Klängen von Gianna Nanninis „Un‘ estate italiana“ jetzt noch Gänsehaut bekommen. Ein leiser Film mit großartigen Protagonisten: lustig, traurig und herzerwärmend.
„Ein Sommer in Italien - WM 1990“ – Im Kino ab 19.3.26
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