Vitra Design Museum

Hella-Jongerius-Restrospektive – „Die Hände sind klüger als der Kopf“

Hella Jongerius ist bekannt durch ihre innovativen Designs für große Marke wie IKEA, KLM oder Vitra. Das Vitra Design Museum zeigt mit der ersten Retrospektive die faszinierende Vielfalt ihres Schaffens.

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Von Autor/in Matthias Zeller

Denken mit den Händen

Das Erste, was man im Vitra Design Museum von Hella Jongerius sieht, sind ihre Hände bei der Arbeit. Ein Film im ersten Ausstellungsraum mit dem Titel „Dirty Hands“ zeigt sie beim Modellieren mit Ton.

Hella Jongerius, Coloured Vases, Series 3, 2010
Hella Jongerius, Coloured Vases, Series 3, 2010. Pressestelle Vitra Design Museum | © Jongeriuslab | Gerrit Schreurs

Hella Jongerius: „Für mich ist Arbeiten mit den Händen Denken mit den Händen, ist Designen. Ich denke, die Hände sind klüger als der Kopf. Wenn Du nur über Design nachdenkst, verpasst Du etwas. Denn im Material und im Herstellungsprozess steckt viel Information. Und wenn Du zu Innovation oder neuen Gedanken kommen willst, müssen die Hände eine große Rolle spielen.“

Von Kissen bis Poldersofa: Jongerius' innovative Designs

Wie innovativ und vielfältig das Werk von Hella Jongerius ist, zeigt sich im nächsten Raum mit der Überschrift „Business Class“: Zu den ausgestellten Produkten, die sie entworfen hat, zählen ein Kissen für die Fluglinie KLM, Sportschuhe für Nike und das flache Polder-Sofa in Rot mit seiner asymmetrischen Form für das Vitra Design Museum.

Hella Jongerius, Polder Sofa, Vitra, 2015
Kuratorin Marcella Hanika: „Sitzteil und Rückenteil dieses Poldersofas haben einen unterschiedlichen Bezug – mal dichter gewebt, mal lockerer gewebt, unterschiedliche Schattierungen. Und es gibt diese Poldersofas immer monoton – in Grün, in Rot, in Blau.“ Hella Jongerius, Polder Sofa, Vitra, 2015. Pressestelle Vitra Design Museum | © Vitra

Das ist von der niederländischen Küstenlandschaft aus der Heimat von Hella Jongerius inspiriert, erklärt Kuratorin Marcella Hanika: „Das sind vom Meer abgerungene Landschaften, die dann verschiedene Felder bilden und unterschiedliche – von der Luft betrachtet – Farben haben. Also man hat da wirklich einen Fleckenteppich, von oben betrachtet. Und das hat sie eben auf dieses Poldersofa angewandt – durch Farbe und Material.“

Farben und Materialien: Jongerius' Experimente

Hella Jongerius liebt Farben – mit ihnen experimentiert sie ebenso gerne wie mit Materialien und Herstellungstechniken. Die Ausstellung zeigt stellvertretend dafür einen großen Kegel, bestehend aus 282 unterschiedlich gefärbten Vasen, kreisrund in zehn Etagen in Kegelform angeordnet – wie bunte Kerzen auf einer mehrstöckigen Hochzeitstorte.

Hella Jongerius, Angry Animals, Carol, 2025
Hella Jongerius, Angry Animals, Carol, 2025. Pressestelle Vitra Design Museum | © Jongeriuslab

Marcella Hanika: „Bei dieser dritten Serie der ‚coloured vases‘ hat sie eben einmal Industriefarben, stabile Farben und Pigmente betrachtet versus natürliche Pigmente und hat dann diese vermischt, um neue Farbkombinationen auf Material herzustellen.“

Design mit Verantwortung: Jongerius' Haltung

Welche Dinge fördern Wertschätzung und Achtsamkeit statt Konsum und Wegwerfkultur? Und: Wie gestaltet man für eine Welt, die eigentlich schon genug hat? Das sind die Leitfragen der Ausstellung, und die Antwort von Jongerius lautet: „Du musst sehr gute Gründe haben, um etwas Neues zu schaffen.“

Hella Jongerius in ihrem Studio. Vorbereitungen für den Archiv-Umzug, 2024
Hella Jongerius in ihrem Studio. Vorbereitungen für den Archiv-Umzug, 2024. Pressestelle © Vitra Design Museum | Roel van Tour

Denn die Umweltprobleme und der Klimawandel haben Hella Jongerius wütend gemacht, sagt Kuratorin Marcella Hanika: „In den letzten Jahren bestimmt das ihr Oeuvre. Diese Wut, wie wir mit der Welt umgehen, wie wir Dinge konsumieren, produzieren. Das hat sie schon 2016 in ihrem Manifest ‚Beyond the New‘ hinterfragt mit Louise Schouwenberg zusammen: Warum designen wir für eine Welt, die schon so viel hat?“

Von Design zu Kunst: Jongerius' Entwicklung

Vor zwei Jahren hat Hella Jongerius das Archiv ihres Designstudios dem Vitra Design Museum übergeben und sich inzwischen vom Industriedesign ab- und der Kunst zugewandt. Das ist im Obergeschoss des Museums zu besichtigen, etwa mit ihren „Angry Animals“.

Hella Jongerius in ihrem Studio. Vorbereitungen für den Archiv-Umzug, 2024
Hella Jongerius in ihrem Studio. Vorbereitungen für den Archiv-Umzug, 2024. Pressestelle © Vitra Design Museum | Roel van Tour

Fantasievoll gestaltete Tierköpfe aus Keramik, wütend, mit weit aufgerissenem Maul, ein Gorilla oder ein Wolf. Sie sollen einen dauerhaften Platz in Weil am Rhein finden – als Wasser speiende Skulpturen in einem Teich, der gerade vor dem Vitra Design Museum angelegt wird.

Mit der ihr gewidmeten Retrospektive hat die 62-Jährige nach erster Skepsis inzwischen längst ihren Frieden geschlossen. Hella Jongerius: „Als es um den Titel ‚Retrospektive‘ ging, habe ich gedacht ‚Oh, mein Gott, jetzt kann ich sterben‘, aber ich denke, es ist sehr schön geworden und ich liebe es, all diese Jahrzehnte zu sehen.“

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