Starbesetztes Familientryptichon

„Father Mother Sister Brother“: Jim Jarmusch kehrt zurück ins Kino

In seinem 14. Kinofilm erzählt US-Independent-Regisseur Jim Jarmusch ein Familientreffen der etwas anderen Art. Ein Aufeinandertreffen zwischen Eltern und Kindern, die nicht wissen, worüber sie reden sollen.

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Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Alltäglichkeit und Banalität des Lebens

Es geht in diesem Film um die Beziehungen erwachsener Geschwister zueinander und zu ihren alt gewordenen Eltern. Schon der Titel ruft in seiner eingängigen Schlichtheit lose aneinandergereihte Kurzgeschichten in den Sinn, in einer simplen und unaufgeregten Handlungsstruktur, durchzogen von sentimentaler Stilisierung der klassischen Kernfamilie.

„Father, Mother, Sister, Brother“ von Jim Jarmusch
Tom Waits als eigenbrötlerischer Vater, der allein in einer abgelegenen Hütte in New Jersey lebt.

„Father Mother Sister Brother“ ist ein Episodenfilm, in dieser Hinsicht Jim Jarmuschs „Night on Earth“ von 1991 am ähnlichsten: ein Film voller Geheimnisse, nur lose verbunden. Es beginnt mit einem alten, von Tom Waits gespielten Vater in der ersten und witzigsten Episode.

Das Leben entgleitet diesem Alten, der allein in einer abgelegenen, heruntergekommenen Hütte auf dem Land lebt, wo er von seinen Kindern Jeff und Emily besucht wird. Von dieser klarsten Geschichte bewegt sich der Film ins Terrain tieferer Ungewissheit.

„Father, Mother, Sister, Brother“ von Jim Jarmusch
Timothea (Cate Blanchett) beim höflichen Nachmittagstee mit ihrer Mutter.

Reichlich passiv-aggressive Stimmung

Die zweite Episode, „Mother“, steht stärker in der Tradition von Woody Allen und spielt mit scheinbaren Subtilitäten und reichlich passiv-aggressiven Situationen. Beim obligatorischen Jahresbesuch im bürgerlichen Heim der Mutter können die beiden Töchter den Tee angesichts der Strenge und wertenden Haltung der Matriarchin gegenüber ihrem Lebensstil nicht genießen.

Im Zentrum steht hierbei die grandiose Charlotte Rampling, die mit unwiderstehlichem Blick schweigend ihre Umgebung vernichtet, voller Verachtung und Kontrolle.

„Father, Mother, Sister, Brother“ von Jim Jarmusch
Charlotte Rampling glänzt als unnahbare Mutter in der Episode „Mother“ und vernichtet mit ihren Blick schweigend ihre Umgebung, voller Verachtung und Kontrolle.

Jarmusch erzeugt eine Atmosphäre aus Spannung und Scham

Alle drei Geschichten stehen im Zeichen des Besuchs: die erste als Bestandsaufnahme; die zweite aus sporadischem Zwang; die dritte, eher gespenstische, inszeniert das Wiedersehen zweier Zwillingsgeschwister, die mit der Abwesenheit ihrer Eltern konfrontiert sind.

Eine der größten Stärken des Films ist seine unbestreitbare Aktualität. Jarmusch sperrt seine Figuren in Innenräume ein, in Häuser mit beinahe klaustrophobischen Einstellungen, um das Konzept des Zuhauses – eigentlich ein Ort der Sicherheit und Freiheit von Gefahren – infragezustellen.

„Father, Mother, Sister, Brother“ von Jim Jarmusch
Im Pariser Apartment ihrer Eltern schwelgen die Zwillinge Billy (Luka Sabbat) und Skye (Indya Moore) in Erinnerungen.

Familiäre Beziehungen werden feinfühlig seziert

An die Stelle des Wohlbefindens treten jedoch Einsamkeit und emotionale Entfremdung der Kinder. Begriffe, die heute allgegenwärtig sind, aber nur selten mit solcher Feinfühligkeit und Präzision innerhalb familiärer Bindungen dargestellt werden.

Trailer „Father Mother Sister Brother“, ab 26.2. im Kino

FATHER MOTHER SISTER BROTHER | Official Trailer OmU | Ab 26.02.26 im Kino

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Rüdiger Suchsland