Alltäglichkeit und Banalität des Lebens
Es geht in diesem Film um die Beziehungen erwachsener Geschwister zueinander und zu ihren alt gewordenen Eltern. Schon der Titel ruft in seiner eingängigen Schlichtheit lose aneinandergereihte Kurzgeschichten in den Sinn, in einer simplen und unaufgeregten Handlungsstruktur, durchzogen von sentimentaler Stilisierung der klassischen Kernfamilie.
„Father Mother Sister Brother“ ist ein Episodenfilm, in dieser Hinsicht Jim Jarmuschs „Night on Earth“ von 1991 am ähnlichsten: ein Film voller Geheimnisse, nur lose verbunden. Es beginnt mit einem alten, von Tom Waits gespielten Vater in der ersten und witzigsten Episode.
Das Leben entgleitet diesem Alten, der allein in einer abgelegenen, heruntergekommenen Hütte auf dem Land lebt, wo er von seinen Kindern Jeff und Emily besucht wird. Von dieser klarsten Geschichte bewegt sich der Film ins Terrain tieferer Ungewissheit.
Reichlich passiv-aggressive Stimmung
Die zweite Episode, „Mother“, steht stärker in der Tradition von Woody Allen und spielt mit scheinbaren Subtilitäten und reichlich passiv-aggressiven Situationen. Beim obligatorischen Jahresbesuch im bürgerlichen Heim der Mutter können die beiden Töchter den Tee angesichts der Strenge und wertenden Haltung der Matriarchin gegenüber ihrem Lebensstil nicht genießen.
Im Zentrum steht hierbei die grandiose Charlotte Rampling, die mit unwiderstehlichem Blick schweigend ihre Umgebung vernichtet, voller Verachtung und Kontrolle.
Jarmusch erzeugt eine Atmosphäre aus Spannung und Scham
Alle drei Geschichten stehen im Zeichen des Besuchs: die erste als Bestandsaufnahme; die zweite aus sporadischem Zwang; die dritte, eher gespenstische, inszeniert das Wiedersehen zweier Zwillingsgeschwister, die mit der Abwesenheit ihrer Eltern konfrontiert sind.
Eine der größten Stärken des Films ist seine unbestreitbare Aktualität. Jarmusch sperrt seine Figuren in Innenräume ein, in Häuser mit beinahe klaustrophobischen Einstellungen, um das Konzept des Zuhauses – eigentlich ein Ort der Sicherheit und Freiheit von Gefahren – infragezustellen.
Familiäre Beziehungen werden feinfühlig seziert
An die Stelle des Wohlbefindens treten jedoch Einsamkeit und emotionale Entfremdung der Kinder. Begriffe, die heute allgegenwärtig sind, aber nur selten mit solcher Feinfühligkeit und Präzision innerhalb familiärer Bindungen dargestellt werden.
Trailer „Father Mother Sister Brother“, ab 26.2. im Kino
Goldener Löwe für Jim Jarmusch
Abschluss der 82. Filmfestspiele in Venedig Goldener Löwe für Jim Jarmusch – Ein Preis als Ausdruck der Ratlosigkeit
Mit „Father Mother Sister Brother“ gewinnt Jim Jarmusch den Goldenen Löwen von Venedig – eine Fehlentscheidung, findet SWR-Filmexperte Rüdiger Suchsland. Dagegen seien alle stilistisch herausragenden Filme leer ausgegangen. Das werfe kein gutes Licht auf die Filmfestspiele und ihre Zukunft.