In diesem Jahr ist bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes weniger Hollywood-„Bling-Bling“ angesagt, vor allem Autorenfilme aus Europa stehen wieder mehr auf dem Programm. Das heißt aber nicht, dass der Glamour zu kurz kommt. Zahlreiche Filmstars werden an der Croisette erwartet: Von Monica Bellucci, John Travolta, Julianne Moore, Adam Driver, Penélope Cruz, Bill Murray bis Isabelle Huppert.
Filme mit deutscher Beteiligung haben Chancen im Wettbewerb um die Goldene Palme
Über den Roten Teppich in Südfrankreich flanieren in diesem Jahr auch wieder jede Menge deutsche Stars. Produktionen mit deutscher Beteiligung sind bei den Filmfestspielen sehr präsent und haben Wettbewerbschancen.
- Vaterland: Die Geschichte von Thomas Mann und Tochter Erika
- Das geträumte Abenteuer: Roadmovie mit Laiendarsteller*innen
- Gentle Monster: Verantwortungsgefühl, Abhängigkeit und Gewalt
- Heimsuchung: Verfilmung von Jenny Erpenbecks Bestseller
- Moulin: Film über den französischen Widerstandskämpfer – mit Lars Eidinger
„Vaterland“ von Paweł Pawlikowski
Einer der vielen Filme, die in Cannes Premiere feiern und von denen viele bislang keinen offiziellen Kinostarttermin haben, ist „Vaterland“ (Fatherland) von Paweł Pawlikowski. Der polnische Regisseur geht mit einem Film ins Rennen, der für das deutsche Publikum aus unterschiedlichen Gründen spannend ist.
Der Film entstand unter deutscher Koproduktion und erzählt die Geschichte von Thomas Mann und Tochter Erika, die aus dem amerikanischen Exil 1949 ins zerstörte Nachkriegsdeutschland zurückkehren.
Prominent besetzt mit Hanns Zischler als Schriftsteller Thomas Mann und Sandra Hüller als Kabarettistin, Schriftstellerin und Rennfahrerin Erika Mann. „Vaterland“ greift lose Thomas Manns Tagebücher auf.
Vater und Tochter begeben sich auf eine Art emotionalen Roadtrip von Frankfurt am Main unter amerikanischer Besatzung bis nach Weimar, also in die sowjetische Zone. Dort soll Thomas Mann zum 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe eine Rede halten.
Der Film verhandelt die Themen Heimkehr und Exil, blickt auf die Familiendynamik der Manns, zeigt die Spannungen in der Zeit des Kalten Krieges auf und die Spuren der NS-Vergangenheit in der deutschen Heimat.
„Vaterland“: Deutsche Schauspielstars prägen den Cast
Die Dreharbeiten für Pawlikowskis Film fanden größtenteils in Polen statt, um unterschiedliche Orte in der Nachkriegszeit Ende der 1940er Jahre möglichst realistisch einzufangen. Also in historischen Städten wie Bielsko-Biała, wo die Architektur und Straßen die passende Ästhetik hatten.
Neben der Chemie zwischen Hüller und Zischler für die komplexe Vater-Tochter-Beziehung setzt der Film auch auf weitere deutsche Schauspieler wie Devid Striesow und August Diehl.
„Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach
Auch die Berliner Regisseurin Valeska Grisebach ist in diesem Jahr wieder in Cannes dabei und stellt sich dem Urteil der Jury. Der Film spielt in der Grenzregion zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Auch hier wieder eine Art Roadmovie.
Eine junge Bulgarin wird in den Benzinschmuggel und Mafiageschäfte in der Grenzregion verstrickt. Eigentlich will sie einem alten Bekannten helfen, muss sich schließlich aber mit ihrer eigenen Vergangenheit und Sehnsüchten auseinandersetzen.
Protagonistin in männerdominierter Welt
Die Protagonistin muss sich in einer männerdominierten Welt behaupten. Wie in anderen ihrer Filme arbeitete Grisebach mit Laiendarsteller*innen. Die Hauptrolle spielt die bulgarische Schauspielerin Yana Radeva.
„Gentle Monster“ von Marie Kreutzer
Um die Rolle von Frauen und Männern in der Gesellschaft geht es auch in dem Drama „Gentle Monster“ der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer. Ein Film mit einem prominenten Cast: Neben Jella Haase spielen Léa Seydoux und Catherine Deneuve.
Zwei Frauen organisieren ihre Leben rund um Männer. Die erfolgreiche Pianistin Lucy (Léa Seydoux) zieht für ihren Partner mit Burnout aufs Land. Polizistin Elsa (Jella Haase) lebt zwar für ihren Beruf, muss sich neben der Arbeit aber auch um ihre dementen Vater kümmern.
Verantwortungsgefühl, Abhängigkeit und Gewalt
Die Frauen stellen ihre eigenen Leben für die Bedürfnisse der Männer hinten an. Erst spät erkennen sie, wie abhängig sie sich gemacht haben und wie sehr sie die dunklen Seiten der Männer dafür ausblenden mussten. Gedreht wurde in Deutschland und Österreich.
Erpenbeck-Verfilmung „Heimsuchung“ von Volker Schlöndorff
Noch mehr prominente Namen finden sich bei Volker Schlöndorffs Verfilmung von Jenny Erpenbecks Bestseller „Heimsuchung“, der Mitte Oktober 2026 ins Kino kommen soll. Der vielsagende Untertitel: „Eine Jahrhundertgeschichte“.
Die hochkarätige Besetzung: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff, Ulrich Matthes oder Detlev Buck. Erzählt wird die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts über mehrere Generationen anhand eines Ortes als rotem Faden: Ein Seegrundstück in Brandenburg.
Wie in der Romanvorlage spiegeln sich gesellschaftliche Brüche und politische Veränderungen in den ganz persönlichen Biografien der Bewohner*innen.
Sternchenthemen im Deutsch-Abitur "Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck
Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" erzählt die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner von der Weimarer Republik bis nach der Wende. Ihre Schicksale überschneiden sich.
Das Haus ist sozusagen Zeuge von menschlichen Dramen, Krieg, Vertreibung und Symbol für Heimat und Erinnerung. Volker Schlöndorff drehte den Film hauptsächlich in Brandenburg am Scharmützelsee, der auch bei Erpenbeck zentral ist.
Oscar-Preisträger Schlöndorffs Adaption ist die erste Verfilmung eines Buches der vielfach prämierten Schriftstellerin Jenny Erpenbeck. Seit 2025 ist ihr Roman „Heimsuchung“ in mehreren Bundesländern Bestandteil des Abiturkanons.
Regie-Legende Volker Schlöndorff wurde für seine Verfilmung von Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“ in Cannes mit der Goldenen Palme und 1980 mit einem Oscar ausgezeichnet. Mit „Heimsuchung“ widmet er sich wieder einem Jahrhundertroman.
Nominiert für den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2023 Der Waldmacher
Oscargewinner Volker Schlöndorff präsentiert seinen Film: Beeindruckende Bilder und emotionale Einzelschicksale lassen die Zuschauer:innen daran teilhaben, wie ganze Regionen wieder aufblühen.
„Moulin” von László Nemes
Multi-Talent Lars Eidinger ist bei den Filmfestspielen in Cannes gleich mit zwei Filmen vertreten. Auch in „Moulin” von László Nemes spielt Eidinger eine tragende Rolle. Der Film erzählt die Geschichte um den französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin, verkörpert von Gilles Lellouche.
Moulin wird 1942 in das von Nationalsozialisten besetzte Frankreich eingeflogen. Er soll die zersplitterten Gruppen der Résistance unter Charles de Gaulle vereinen. Doch er wird verraten und von der Gestapo in Lyon unter Klaus Barbie, gespielt von Eidinger, gefangen und grausam gefoltert. Doch Moulin schweigt und wird zur Symbolfigur des Widerstandes in Frankreich.
Der ungarische Regisseur Nemes legt den Fokus vor allem auf die moralische Haltung Moulins und geht der Frage nach, welche Belastungen der Widerstand mit sich brachte. Mit dem Film, der ihm den internationalen Durchbruch brachte, dem Holocaust-Drama „Son of Saul”, feierte er 2015 auch bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere und gewann. Später gab es noch einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Große US-Produktionen sind in Cannes nicht vertreten. Auch in der renomierten Nebenreihe „Un Certain Regard“ finden sich dagegen Filme mit deutscher Beteiligung.
Unter anderem der Film „I'll Be Gone in June“ von der deutschen Regisseurin Katharina Rivilis. Es geht um eine 16-jährige Austauschschülerin aus Deutschland, die 2001 mit dem großen amerikanischen Traum vor Augen in die USA reist. Sie landet aber in einer kleinen Wüstenstadt und kämpft dort mit der amerikanischen Kultur unter dem direkten Eindruck des 11. Septembers, Sprachbarrieren und dem Gefühl der Isolation.
In „Everytime“ von Sandra Wollner geht es um eine trauernde Mutter, gespielt von Birgit Minichmayr. Sie hat ihre Teenagertochter verloren, bei dem Versuch, mit ihrer Trauer umzugehen, freundet sie sich mit Lux, dem Freund ihrer Tochter, an. Die große Frage: Wie kann man nach so einem traumatischen Verlust weiterleben?
Michael Fassbender in südkoreanischer Sci-Fi-Dystopie
Spannend auch: Hollywood Star Michael Fassbender, in Heidelberg geboren, kehrt auf die Kinoleinwand zurück. In Cannes feiert der südkoreanische Science-Fiction-Thriller „Hope“ von Regisseur Na Hong-jin Premiere. An Fassbenders Seite seine Partnerin Alicia Vikander und Jung Ho-yeon.
In dem dystopischen Film gerät das Gleichgewicht eines kleinen, abgelegenen Ortes an einem Hafen aus den Fugen, als vermeintlich ein Tiger gesichtet wird und sich aus einem lokalen Notfall eine größere Krise entwickelt.
In 12 Tagen werden über 100 Filme gezeigt. Viele veranschaulichen: Großes Kino muss nicht zwingend das Label Hollywood oder Blockbuster tragen. Und der deutsche Film oder zumindest Filme mit deutscher Beteiligung zeigen in diesem Jahr besonders Präsenz und haben ihren großen Auftritt, mit Chancen auf die begehrte Goldene Palme.