Mut in Zeiten von KI-Slop
Ein Video kann manchmal alles verändern. Denn in den gut zwei Monaten seit der Aufzeichnung wurde das YouTube-Konzert von Angine de Poitrine beim Radiosender KEXP gut 15 Millionen Mal geklickt. Noch verrückter ist die Reichweite auf Tiktok und Instagram.
Musikerinnen und Musiker analysieren die Rhythmen der Band, die in schrägen schwarz-weiß gepunkteten Kostümen mit Knubbelnasen auf der Bühne perfomen. KI-Influencer Will Ferris geht auf seinem Instagram-Kanal in einem Video sogar noch einen Schritt weiter: „Schaut euch das virale YouTube-Video und die Kommentare darunter an. Ihr werdet sehen, wie jeder angesichts des Elends der Menschheit durch den KI-Slop auf einmal ermutigt wird.“
Komplex, ohne verkopft zu klingen
Für Lisa Tuyala von der Pop-Akademie Mannheim ist das ein wenig zu dick aufgetragen. Doch auch sie kann den Hype um die Band nachvollziehen.
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Sie ist selbst Sängerin und leitet den Studiengang Global Music an der Popakademie: „Es ist auf jeden Fall komplexe Musik, durchdachte Musik, die aber nicht verkopft ist. Man merkt, dass da Handwerk drinsteckt.“
Der Name ist schräg, die Band auch
Wer genau die Musiker hinter Angine de Poitrine sind,– wir wissen es nicht. Angeblich spielen sie seit 20 Jahren zusammen. Angeblich hat sich das Duo 2019 für einen Auftritt doppelt beworben.
Weil der Konzertveranstalter aber keine Band zweimal auf die Bühne lassen wollte, sollen sich Gitarrist und Schlagzeuger kurzerhand Kostüme gebastelt haben, um nicht wiederkannt zu werden. Diese Aktion ist ebenso Dada wie der Name der Band: Angine de Poitrine, also Angina Pectoris – oder auf deutsch: Herzenge.
Performances mit Live-Looping
Ganz Anti-Dada hingegen sind die Kompositionen. Die sind mathematisch genau, weil sie auf Loops basieren. Die nimmt die Band live auf, um dann andere Passagen darüber zu spielen. Natürlich nicht in irgendeiner gängigen Harmonie, sondern mikrotonal.
„Westliche Musik, auch im Pop-Bereich, basiert meist auf einem Tonsystem und einer gleichstufigen Stimmung“, erklärt Lisa Tuyala. „Die kleinsten Schritte, die zwischen den Halbtonschritten, verstehen wir als mikrotonal – oder Musik, die sich mit mehr als den zwölf Tönen der Tonleiter befasst.“
Steigt jetzt das Interesse an Nischenmusik?
Und das kann sich dann manchmal ganz schön schräg anhören, aber es ist nur eine der vielen plötzlichen Irritationen, die Angine de Poitrine auszeichnen. Lisa Tuyala glaubt jedenfalls, dass der Hype um diese Band eine ganz neue musikalische Neugierde auslösen kann:
„Ich kann mir schon vorstellen, dass es dazu beitragen kann, dass mehr Leute nach nischiger Musik suchen, dass auch der Algorithmus mal andere Musik anzeigt. Dass auch globale Musik Zugang findet, die ja 80 Prozent ausmacht der Musik, die sich im mikrotonalen Bereich abspielt.“
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