Der Bruder des Bankräubers hält sich für John Lennon
„Therapie für Wikinger“ ist ein ausgesprochen eigenwilliger Film. Er erzählt von zwei Brüdern: Der eine heißt Anker und ist ein kühler Bankräuber, gerade hat er eine Bank überfallen. Bevor ihn die Polizei schnappt, hat er die Beute in einem Schließfach deponiert. Den Schlüssel gibt er seinem Bruder Manfred, der das Geld in der Nähe des alten Familienhauses auf dem Land vergraben soll.
Als er nach Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, erkennt er, dass Manfred seine frühere Persönlichkeit vergessen zu haben scheint, und an einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leidet – sprich: Er kann sich zum Beispiel für Napoleon oder Mutter Teresa halten. Zurzeit hält er sich für John Lennon.
Wie macht man John Lennon wieder zu Manfred?
Manfred hat vergessen, wo das Geld liegt. Anker, der jähzornige Bruder, versucht, von ihm das Versteck zu erfahren. Dafür ziehen beide aufs Land zum alten Familienhaus und müssen die neuen Bewohner gnädig stimmen, ohne zu viel zu verraten.
Irgendwann rekrutiert der zunehmend ratlose Anker Psychiatrie-Patienten, um John Lennon wieder zu Manfred zu machen und ihm so das Versteck des Geldes zu entlocken.
Der Film schwankt zwischen etwas platter, dann wieder sehr schwarzer Komödie
Das alles schafft sehr viele Möglichkeiten für geschmackvolle und weniger geschmackvolle Witze über Psychiatrie, Traumata und ganz allgemein den Irrsinn – dieser Film ist zweifellos eine Gratwanderung, sowohl im Umgang mit Krankheiten wie auch mit politischer und moralischer Korrektheit.
Aber genau das: Provokation und Überschreitung von Tabus, das virtuose Spiel mit ihnen und die Herausforderung des vermeintlich guten Geschmacks, der ja vor allem die bürgerliche Ordnung braver Biedermänner ist, macht das Geheimnis von guten Komödien aus. Daran erinnert „Therapie für Wikinger“, der ganz eindeutig eine manchmal etwas platte, dann wieder sehr schwarze Komödie ist – vor allem eine gute.
Wie bei guten Komödien liegt alldem ein zutiefst menschlicher Kern zugrunde: Dieser Film ist ein Plädoyer für das Anderssein, für Respekt und Toleranz gegenüber anderen – insbesondere, wenn diese nicht „normal“ sind und „eine Schraube locker“ haben. Dies ist aber auch Warnung vor einem Übermaß an Achtsamkeit.
Rückblenden wirken ein wenig wie Rechtfertigungen für das „Böse“
Das Beste am Film ist die konfliktreiche Beziehung zwischen Anker und Manfred. Ankers Beschützerinstinkt ist noch stärker als seine eindeutig kriminelle Persönlichkeit. Beides lernen wir besser kennen und verstehen, wenn Rückblenden die ungerechte, grausame Kindheit der beiden Brüder zeigen, die unter einem brutal gewalttätigen Vater die Hölle erlebten.
Zwar wirken diese Flashbacks ein wenig wie Rechtfertigungen, was dem Film eher schadet: Die heutige Mode, dass das „Böse“ gar nicht so böse ist, und das man alles unbedingt verstehen muss, ist eine Plage für die Filmkunst. Insofern ist auch dieser Film ein Beleg dafür, dass man unsere Gegenwartsgesellschaft auch als „therapeutische Gesellschaft“ beschreiben kann.
Ein Kindermärchen aus der Wikingerzeit gab dem Film den Titel
Der Titel „Therapie für Wikinger“ wird durch einen Prolog erklärt, in dem ein Kindermärchen aus der Wikingerzeit erzählt wird: Ein Kind, der Sohn des Clanführers, verliert bei einem Unfall einen Arm. Angesichts der tiefen Traurigkeit des Kindes beschließt der Anführer, dass allen Clanmitgliedern derselbe Arm amputiert werden soll, „damit alle glücklich sind, weil sie gleich sind.“
Wenn Glück darin bestehen soll, Schmerz zu vergesellschaften, dann warten wir lieber auf eine bessere Lösung. Bis dahin kann einen das großartige Spiel der beiden Hauptdarsteller Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas glücklich machen.
„Therapie für Wikinger“ läuft ab 25.12.2025 in den deutschen Kinos
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