Neue Kategorie: „Bestes Casting“
Am Sonntag werden die 98. Academy Awards verliehen – und erstmals seit Jahrzehnten gibt es eine neue Kategorie: Den Preis für das „beste Casting“, also die Besetzung der Filmrollen.
In der fast hundertjährigen Geschichte der Oscars wurde dieses Handwerk bisher als vermeintlich wenig greifbare Kunst betrachtet – im Vergleich zum Komponieren von Musik oder dem Entwerfen von Kostümen.
Dabei ist das Suchen und Finden der richtigen Darsteller eine aufwändige Arbeit, die viel Gespür erfordert. Wie Destiny Lilly, Präsidentin der amerikanischen Casting-Gesellschaft, gegenüber der ARD erklärt, bestehe der Prozess darin, um die Welt zu reisen und unzählige Schauspieler vorsprechen zu lassen.
Daraus entstehen Talentpools, aus denen Casting Directors meist eine Vorauswahl für ein Projekt treffen. Die finale Entscheidung wird dann von Regisseuren oder Produzenten gefällt.
Als Mittler zwischen Schauspiel und Regie haben Casting-Direktoren einen großen Einfluss auf Karrieren – aber auch darauf, wie eine Geschichte sich letztendlich auf der Leinwand entfaltet. Denn jedes noch so gute Drehbuch steht und fällt mit dem Talent und der Ausstrahlung der Darsteller. Dabei sind Casting-Direktoren immer auf der Suche nach neuen Gesichtern – und versuchen, interessante Rollen für etablierte Schauspieler zu finden.
Casting Director: Ein Frauenberuf?
In der sonst männlich dominierten Filmbranche ist dieser spezielle Beruf stark von Frauen geprägt. Zum einen, weil Frauen oft in „empathischen Berufen“ arbeiten. Zum anderen ist das Casting ein vergleichsweise unsichtbarer Beruf, der dem Regisseur zuarbeitet. Ähnlich wie im Journalismus die Recherche lange als Frauenarbeit galt, während das Schreiben den Männern überlassen wurde, überließ man auch in der Filmbranche das Feld des Castings den Frauen.
Exzellente Casting-Direktorinnen schaffen es dabei, ihre eigene Vision gegenüber Regie und Produktion durchzusetzen und Filme und Serien nachhaltig zu prägen. Diese fünf Casting Directors haben die Filmbranche in Hollywood entscheidend beeinflusst.
- Die Pionierin: Marion Dougherty
- Die Einflussreiche: Bonnie Timmerman
- Der Erste: Lynn Stalmaster
- Das Duo: Jane Jenkins & Janet Hirshenson
- Die Agentin: Debbie McWilliams
Die Pionierin: Marion Dougherty
Marion Dougherty wird oft als „Godmother“ oder „Matriarch of Casting“ bezeichnet: Durch ihre Arbeit veränderte sie grundlegend das Starsystem der Filmbranche. Ihre Karriere begann sie bei Serienproduktionen, bevor sie 1963 – damals 40 Jahre alt – ihre eigene Casting-Agentur gründete.
Talente fand sie in den Theatern der Stadt und entwickelte damit eine neue Art zu casten: Während die großen Studios in der Goldenen Ära Stars nach ihrem Aussehen produzierten, wählte Dougherty unbekanntere Darsteller gezielt nach ihren schauspielerischen Fähigkeiten aus.
Damit prägte sie den Stil des New Hollywood der 1970er-Jahre maßgeblich. Unter anderem war sie für das Casting von „Midnight Cowboy“ verantwortlich. Sie förderte Talente wie Al Pacino, Dustin Hoffman, Bette Midler, Robert Duvall, Glenn Close und Gene Hackman. Darüber hinaus castete sie für Filme wie „Willy Wonka“, „Grease“, „Full Metal Jacket“ und „Braveheart“.
Namhafte Schauspieler setzten sich dafür ein, dass Dougherty ein Ehren-Oscar verliehen werde – jedoch erfolglos. Sie starb 2011. Ein Jahr nach ihrem Tod erschien die Dokumentation „Casting By“, die ihre Arbeit und ihr Leben beleuchtet.
Die Einflussreiche: Bonnie Timmerman
Bonnie Timmerman begann ihre Karriere in den 1970er-Jahren und etablierte sich schnell als einflussreiche Casting-Direktorin in der Serien- und Filmbranche. Wie Marion Dougherty suchte auch sie intensiv auf New Yorker Theaterbühnen nach Darstellern, die zu einer Geschichte passen, statt das Starsystem zu bedienen.
1974 gründete sie ihre eigene Agentur und sollte mit ihrem Erzählgespür gut zehn Jahre später eine der größten Serien der 1980er-Jahre maßgeblich mitgestalten: „Miami Vice“. Sie schlug vor, wichtige Rollen mit einem diversen Cast zu besetzen und konnte die Serienmacher davon überzeugen, Figuren für Schwarze Schauspieler oder Frauen umzuschreiben.
Mit Produzent und Regisseur Michael Mann sollte sie auch später noch zusammenarbeiten: Er heuerte sie für die Filmversion der Serie und den Actionstreifen "Heat" an.
Eine ihrer wichtigsten Castings war das für „Dirty Dancing“, für das sie Jennifer Grey und Patrick Swayze als Paar zusammenstellte. Timmerman förderte dabei immer wieder Schauspieler mit unkonventionellem Aussehen, wie Sean Penn, Steve Buscemi oder Bruce Willis. 2022 erschien die Arte-Dokumentation „Hollywoods Casting-Queen: Bonnie“.
Der Erste: Lynn Stalmaster
Natürlich haben auch Männer die Castingbranche stark geprägt. Der bekannteste unter ihnen ist Lynn Stalmaster – und der bisher einzige Casting-Direktor, der einen Ehren-Oscar für seine Arbeit erhielt. Sein Weg in die Branche begann er selbst als Schauspieler, wechselte dann aber bald auf die andere Seite der Kamera und etablierte sich schnell als Caster für Serien und zahlreiche Filme.
Stalmaster schlug Dustin Hoffman für „The Graduate“ („Die Reifeprüfung“) vor. Obwohl Hoffman nicht dem gewünschten Ideal entsprach, plädierte Stalmaster für dessen Talent. Seine Besetzung bedeutete für beide ein Karrieredurchbruch.
Mit der Besetzung für „Die Thomas-Crown-Affäre“ machte sich Stalmaster 1968 wortwörtlich einen Namen: Er war der erste Casting-Direktor, der im Abspann eines Films genannt wurde. Im Laufe seiner Karriere betreute er Hunderte Produktionen, darunter zahlreiche große Filme wie „Superman“ oder „Fiddler on the Roof“ („Anatevka“).
Stalmaster starb 2021. Bis heute gilt er als einer der produktivsten und einflussreichsten Casting-Direktoren der Branche.
Das Duo: Jane Jenkins und Janet Hirshenson
Während die Castingarbeit für einige bedeutet, außergewöhnliche Gesichter für unangepasste Indie-Filme zu finden, arbeiten die meisten Casting-Direktoren für Mainstreamproduktionen. Dass aber auch hier nicht nach Konvention gesucht wird, zeigen Jane Jenkins und Janet Hirshenson.
Die beiden gründeten in den 1980er-Jahren eine gemeinsame Castingagentur und besetzten mehr als hundert Filme. Ihre Arbeit zeichnet sich vor allem dadurch aus, Schauspieler zu finden, die sowohl die kommerziellen als auch die künstlerischen Anforderungen eines Films erfüllen.
Mit ihrer Arbeit prägten sie zahlreiche Blockbuster und Kultfilme der 1980er- und 1990er-Jahre, darunter „The Princess Bride“, „Harry Potter und der Stein der Weisen“, „Jurassic Park“ und „A Few Good Men“. Sie arbeiteten vor allem mit Regisseuren wie Rob Reiner und Chris Columbus zusammen, deren Filme ganze Generationen von Kindern und Jugendlichen beeinflussten.
In ihrem gemeinsamen Buch „A Star Is Found: Our Adventures Casting Some of Hollywood’s Biggest Movies“ erzählen sie von ihrer Arbeit.
Die Agentin: Debbie McWilliams
Die langjährige Casting-Direktorin Debbie McWilliams dürfte eine der schwierigsten Castingaufgaben der Filmgeschichte gemeistert haben: James Bond zu besetzen. Seit 1981 wirkte sie bei 13 Bond-Filmen mit und installierte Pierce Brosnan in den 1990er-Jahren als neuen MI6-Agenten.
Ob Held, Schurke oder Love Interest: McWilliams legte großen Wert darauf, internationale Schauspieler mit Charisma zu besetzen, die ihre Rolle authentisch verkörpern können. Ein Risiko ging sie ein, als sie Daniel Craig als neuen 007-Agenten für „Casino Royale“ vorschlug – ein Schauspieler, der mit der Tradition des glatten Agenten brach. Ihre unkonventionelle Castingentscheidung zahlte sich aus: Bis heute gilt Craig nach Sean Connery als beliebtester Bond-Darsteller.
Die Verantwortung für das nächste Bond-Casting wird sie jedoch nicht mehr übernehmen: Letztes Jahr trat sie offiziell in den Ruhestand. Bislang wurde noch keine offizielle Nachfolgerin benannt.