Wenn im Kino vom Streben nach Glück, diesem wirkmächtigen amerikanischen Mythos, erzählt wird, dann ist das immer erst einmal die Geschichte eines jungen Mannes. Mit mehr oder minder lauteren Mitteln schlägt er sich erst durch das Frontier und später die Großstädte der neuen Welt, um die versprochene Freiheit zu finden: reich oder erfolgreich sein – oder einfach nur der Größte und Beste.
In Josh Safdies neuem Film „Marty Supreme“ ist es die Geschichte von Marty Mauser, gespielt von Timothée Chalamet, der das angepriesene Glück sucht. Er ist Jude, verkauft Schuhe im Geschäft seines Onkels auf der Lower East Side, einer rauen Gegend in den Fünfzigerjahren in New York. Marty ist aber vor allem ein fantastischer Tischtennisspieler, das steht von Anfang an fest, und daran wird in dieser Geschichte auch nicht gezweifelt.
„Marty Supreme“ ist kein klassischer Sportfilm
Denn „Marty Supreme“ ist kein klassischer Sportfilm, in dem sich zwei Rivalen aneinander und an ihrem Metier abarbeiten. Ja, auch hier gibt es den Großen, den Besten auf der anderen Seite: Koto Endo, ein gehörloser Japaner (verkörpert vom gehörlosen Tischtennisstar Koto Kawaguchi), der im Gegensatz zu Marty bescheiden in seiner Exzellenz ist.
Die beiden sind weniger wetteifernde Individuen als vielmehr Personifikationen ihrer Zeit: junge Männer, wie sie die Nachkriegsverhältnisse der traumatisierten Hemisphären geschaffen haben.
Für Marty Mauser ist es ein ernster Wettbewerb, der zum vermittelten Überlebenskampf wird – versuchte man doch einige Jahre zuvor, drüben auf dem alten Kontinent, sein Volk vollends zu vernichten. Dass der Antisemitismus auch im Hafen der neuen Welt grassiert, ist nichts, was er anzuklagen sucht: Er nimmt es vielmehr als harsche Realität hin, in der er lebt.
„Ich bin Hitlers Alptraum“, sagt er an einer Stelle: ein Jude, der lebt. Und sein Ehrgeiz ist, es sich selbst zu beweisen: ein Jude, der gewinnt.
Chalamet ist dreifach für den Oscar als bester Schauspieler nominiert
Der dreißigjährige Timothée Chalamet wurde für seine Darbietung vielfach für die großen Preise nominiert, unter anderem zum dritten Mal als bester Hauptdarsteller bei den Oscars, die im März verliehen werden. Das allein macht ihn bereits zu einem, der bald zu den Großen gehören könnte: Zuletzt war es Marlon Brando, der im gleichen Alter so oft in dieser Kategorie nominiert war.
Brando sei natürlich ein Vorbild für ihn, sagte Chalamet letztes Jahr bei einer Preisverleihung, und ja, er wisse: „Normalerweise reden Leute so nicht“, aber er möchte es dennoch mal aussprechen: „Ich möchte zu den ganz Großen gehören.“ Daniel Day-Lewis und Viola Davis nennt er, aber auch Sportler wie Michael Jordan und Michael Phelps. Die erste Liga also, drunter geht’s nicht.
Der Junge mit den dunklen Locken
Die Rollen, die er über das letzte Jahrzehnt verkörperte, eröffneten ihm die nötige schauspielerische Bandbreite dafür.
Da war sein Durchbruch mit „Call Me By Your Name", in dem er einen verzweifelt verliebten Teenager spielte. Den hübschen Jungen mit den dunklen Locken verkörperte er dann auch gleich zweimal für Greta Gerwig in „Lady Bird“ und „Little Women“ sowie in Nebenrollen für Woody Allens „A Rainy Day in New York“ und Wes Andersons „The French Dispatch“.
In „Beautiful Boy“ wusste er bereits mit diesem Bild zu brechen: In seiner großartigen Darbietung eines Drogenabhängigen zeigte er, dass Schönheit nicht vor den Abgründen des Lebens bewahrt.
Und um den Rollen des schmächtigen, sensiblen Jungen zu entkommen, spielte er schließlich König Heinrich V. in „The King“, eine Rolle, die ihn als Leading Man für Blockbuster vorbereiten sollte: die Science-Fiction-Reihe „Dune“ von Denis Villeneuve, in der er den Prinzen Paul Atreides spielt.
Mit seinen letzten Rollen sollte sich Chalamet weiter in die Americana einschreiben: als Roald Dahls Willy Wonka in dem leider flachen Musicalprequel „Wonka“ und als Bob Dylan in „A Complete Unknown“, in dem er den großen Singer-Songwriter mimt – eine Darbietung, für die er zuletzt als bester Darsteller bei den Oscars nominiert worden war.
Marty Mauser: Paraderolle mit Momentum
Mit „Marty Supreme“ erhielt er nun aber eine maßgeschneiderte Figur. Regisseur Josh Safdie spielt in seinen Filmen gern mit den realen Identitäten seiner Besetzung: Neben Kawaguchi als echtem Tischtennisstar ist auch Kevin O’Leary abseits der Leinwand ein opportunistischer Unternehmer.
Chalamet wiederum ist selbst New Yorker, Sohn einer Jüdin und eines europäischen Einwanderers. Und er zeigte sich zuletzt ähnlich unapologetisch und ehrgeizig wie seine Figur. In inszenierten PR-Stunts schlug er vor, die Freiheitsstatue wie die Tischtennisbälle im Film orange zu färben, oder behauptete großmäulig, seine Schauspielkunst sei „top level shit“, der allerbeste Scheiß.
„Na, Ihnen gefällt dieses Selbstbewusstsein, oder?“, wirft Marty dann im Film der Presse metamäßig entgegen. Im Internetzeitalter ist das durchaus riskant für die eigene Reputation. Aber eben auch notwendig, um Momentum zu schaffen.
Neue Schauspielergeneration
Chalamet stellt mit dieser Chuzpe eine neue Generation an Schauspielern dar, die für ihre Karrieren viel Methode an den Tag legen müssen: Da wird nicht nur betont, wie viele Jahre man Singen, Gitarre oder Tischtennis lernte, oder kostümartige Outfits bei Premieren getragen, damit sie in den sozialen Medien gesehen werden – auch produziert man gleich selbst die Filme mit, in denen man spielt.
Um gegen die dominierende amerikanische Schauspielgeneration anzukommen braucht es diese Strategien. Dabei ist Chalamet neben Margot Robbie, Sydney Sweeney oder Zendaya der einzige junge Mann, der so aufs Ganze geht. Dass er privat mit der wohl erfolgreichsten Influencerin der Welt zusammen ist, passt in dieses Bild.
Während sich mit Paul Mescal, Harris Dickinson oder Josh O’Connor vor allem britische Talente etablieren, steht Chalamet fast allein als Jungschauspieler aus den Vereinigten Staaten da: Da gibt es noch einen Austin Butler, der ihm aber nicht das Wasser reicht, oder einen Michael B. Jordan, ebenfalls als bester Schauspieler nominiert, aber ohne vergleichbare Rollenvielfalt.
Facettenreiche Rolle
Für Timothée Chalamet fügen sich in der Figur des Marty Mauser hingegen all seine schauspielerischen Facetten zusammen: das ewig Jugendliche (hier sogar mit Akne), die prinzenhafte Selbstgewissheit, dieser etwas alberne Übermut. Vor allem aber: die stets durchscheinende Verletzlichkeit, die er in die letzte Szene des Films fließen lässt und mit der er seine Karriere in „Call Me By Your Name“ begründete.
Sympathien wird Marty Mauser Chalamet eher nicht einbringen: Als zu skrupellos wird diese Hustlerfigur bereits von einigen wahrgenommen, auch wenn sie natürlich gar nicht sympathisch sein muss. Irritierend mag man auch finden, dass ihr alle – vor allem die Frauen – ständig auf den Leim gehen.
In Zeiten, in denen der amerikanische Mythos auch im eigenen Land stärker hinterfragt wird, ist die Geschichte eines Mannes, der ständig lügt und von „greatness“ spricht, um es sich selbst zu beweisen, vielleicht auch nicht mehr so schillernd.
Chancen auf den Oscar-Gewinn
Dass Timothée Chalamet im März als bester Schauspieler ausgezeichnet wird, ist auch nicht sehr wahrscheinlich. Nicht, weil er den Preis nicht verdient hätte, sondern weil die Academy dafür berüchtigt ist, ihren Nachwuchs warten zu lassen. Leonardo DiCaprio (im selben Alter vergleichbar erfolgreich) musste erst vierzig werden, und Marlon Brando gewann erst bei seiner vierten Nominierung.
Und falls er doch gewinnt, wäre das ein Zeichen dafür, dass Hollywood bereit ist, mehr Platz für die Jüngeren einzuräumen, die ihre Karrieren stärker mitbestimmen dürfen als frühere Schauspieler.
„Was hast du vor, wenn aus deinem Traum nichts wird?“, fragt eine Geliebte Marty Mauser im Film. „Darüber mache ich mir erst gar keine Gedanken“, entgegnet er. Man darf davon ausgehen, dass dieser Platz bereits auf Timothée Chalamet wartet.
„Marty Supreme“ ist ab dem 26. Februar in deutschen Kinos zu sehen.