Wolfram Weimer für Eskalation verantwortlich
Nun ist die Sache also komplett eskaliert. Zumindest auf den ersten Blick. Wolfram Weimer, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, hat die geplante Feierstunde auf der Leipziger Buchmesse zur Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises abgesagt.
Eine angemessene Würdigung der Preisträgerinnen und Preisträger, so heißt es in der offiziellen Verlautbarung, sei unter den derzeitigen Umständen nicht möglich. Die Umstände, das muss klar gesagt werden, haben Wolfram Weimer und sein Umfeld selbst zu verantworten.
118 unabhängige Buchhandlungen aus Deutschland sollten mit dem Preis bedacht werden, dreien davon war die von einer unabhängigen Jury vergebene Auszeichnung wieder aberkannt worden, aufgrund von „verfassungschutzrelevanten Erkenntnissen“, wie Weimer verlautbaren ließ.
Kein Sensorium für die Kulturszene
Wolfram Weimer hat als Nachfolger der unglücklich agierenden Claudia Roth ein schweres Amt angetreten. Der Wind ist ihm aus großen Teilen der Kulturbranche bereits vor seiner Ernennung zum Staatsminister ins Gesicht geblasen.
Weimers instinktloses Agieren in den vergangenen Tagen weckt allerdings die Vermutung, dass er zum einen schlecht oder gar nicht beraten wird und zum anderen kein Sensorium dafür hat, in welchem Umfeld er sich bewegt. Dabei gäbe es im Zusammenhang mit der Konstruktion des Deutschen Buchhandlungspreises und der Auswahl der Gewinner durchaus die eine oder andere kritische Frage zu stellen.
Party der Preisträger ohne Wolfram Weimer
Zunächst einmal hat Weimer aber nicht nur große Teile der Buchbranche, sondern auch die literarisch interessierte Öffentlichkeit gegen sich aufgebracht. Ein Kommunikationsdesaster. Die üblichen schrillen und vollkommen ahistorischen Vergleiche mit dem Amerika der McCarthy-Ära haben nicht lange auf sich warten lassen.
Doch selbst ein so besonnener Mensch wie Sebastian Guggolz, der erst seit kurzem amtierende Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hat sich in seinem Statement entschieden gegen ein Prüfverfahren gewandt, das weder transparent noch anfechtbar ist.
Zumindest 115 unabhängige Buchhandlungen werden ihr Preisgeld und ihre Urkunden trotzdem erhalten, ganz unfeierlich mit der Post. Der instinktsichere Jo Lendle, Verleger des Hanser Verlags, hat in einer spontanen Reaktionen ausdrücklich alle 118 Buchhandlungen zu einer Party während der Leipziger Buchmesse eingeladen.
Absage als Denkpause nutzen
Sicher: Man kann Wolfram Weimer die Absage der Preisverleihung als Feigheit auslegen. Es wäre dort ungemütlich für ihn geworden. Hätte die Feierstunde tatsächlich stattgefunden, wäre der Eklat programmiert gewesen.
Doch vielleicht ist ein kurzes Atemholen auch gar keine so schlechte Idee. Wenn die Wogen sich geglättet haben, wäre das die Chance, wieder ins Gespräch zu kommen. Eine Chance sowohl für die ökonomisch kriselnden Buchhandlungen als auch für einen Staatsminister im Krisenmodus.
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Buchhandlungen haben Nachwuchsprobleme
Dass es anders gehen kann, zeigt die Karlsruher Stephanus Buchhandlung: Von dort aus haben die Buchhändler*innen Jörg Mattusch und Katharina Bruns seit 2023 ein Netz aus Buchhandlungen mit 14 Läden geknüpft. „Wir haben festgestellt, dass eigentlich das ganz große Problem ist, dass gute, kleine Buchhandlungen, die sehr gut von den bisherigen Inhaber*innen geführt werden, keine Nachfolge finden“, so Jörg Mattusch in SWR Kultur. Das liege daran, dass kaum noch jemand das finanzielle Risiko auf sich nehmen wolle, einen kleinen Laden selbst zu führen.
Karlsruher Buchhandlung mit eigenem Modell
Mit ihrer MB Buch & Medien GmbH kaufen Jörg Mattusch und Katharina Bruns genau solche Buchhandlungen auf, die zwar gut laufen, aber keine Nachfolge finden. Ihr Anliegen sei es nicht, Buchhandlungen unter ihrem Namen zu formieren, sondern dafür zu sorgen, dass diese „weiterhin mit ihrem Namen und ihrem Konzept so bestehen bleiben“, so Jörg Mattusch. Das Ziel: Die Buchhandlung so zu erhalten, wie sie sich in der Region bewährt hat.
Konzept: Kaufen und bewahren
Doch zu zweit werden Jörg Mattusch und Katharina Bruns das Buchhandlungssterben nicht stoppen können. Heutzutage sind Buchhandlungen immer mehr weniger allein Verkaufs- oder Beratungsräume. Dank Lesungen und anderen Veranstaltungen werden sie immer mehr auch zu sozialen Treffpunkten in einer Stadt, beobachtet Jörg Mattusch.
Buchhandlungen als Kulturräume
Daher wünscht sich Jörg Mattusch mehr Unterstützung seitens der Politik. Denn viele inhabergeführte Buchhandlungen fungierten mittlerweile als Ersatz für die fehlende Unterstützung der Gemeinden, die sich ein kulturelles Angebot einfach nicht mehr leisten könnten. „Da übernehmen dann die kleineren Buchhandlungen einfach die kulturelle Stelle mit Lesungen, mit Veranstaltungen, mit Leseförderung, mit Schulen, mit Projekten. Und ja, das ist einfach schwierig mittlerweile mit den Kommunen hier eine so gute Zusammenarbeit zu finden, dass das ausreichend gefördert wird“, so Mattusch.
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