Niloufar Taghizadeh: Filme als „Spiegel“
Eine Nominierung für den Grimmepreis? „Super“, war der erste Gedanke von Niloufar Taghizadeh. „Das macht das nächste Projekt ein bisschen einfacher“. Auch dass die Jury unabhängig ist, bedeutet der Filmemacherin aus Heidelberg viel.
Vielleicht auch deshalb, weil es eine Weile gedauert hat, bis sie sich selbst unabhängig genug fühlte, um das zu machen, was ihr wirklich wichtig ist. Heute schreibt sie Drehbücher, führt Regie und hat eine eigene Produktionsfirma.
Sie sorge dafür, „dass Geschichten erzählt werden“, sagt sie gegenüber SWR Kultur nüchtern. Ob es Dokumentarfilme oder Spielfilme sind, sei ihr nicht so wichtig. „Meine eigenen Gedanken spielen mit hinein“. Vor allem aber versuche sie, „ein Spiegel zu sein“, so gut es eben gehe.
Niloufar Taghizadeh ist Ende 40, im Iran aufgewachsen und hat in Deutschland Film studiert. Anfang der 2000er Jahre rutschte sie derart schnell ins Geschäft, dass sie das Studium schließlich sausen ließ. Seitdem pendelt sie zwischen Deutschland und dem Iran, arbeitete unter anderem als Journalistin für das ZDF.
Erlebt habe sie viel Gutes, aber auch extrem Schwieriges. Zeitweilig durfte sie aus dem Iran nicht ausreisen. Lange hatte sie ein ungeklärtes Verhältnis zum Iran. Obwohl sie das Land toll finde, „sehr viele Freunde gefunden und Verwandte dort habe“, habe sie erst nach dem Tod ihres Vaters entschieden, dort auch Projekte zu machen.
Gefeierter Film über die illegitimen Kinder im Iran
So entstand ihr erster Kinofilm „Nilas Traum im Garten Eden“, ein Dokumentarfilm, ohne staatliche Genehmigung gedreht. Er handelt von Kindern, die keine Papiere haben, weil ihre Eltern nicht verheiratet sind. Weil es sie im islamischen Staat von Rechts wegen nicht geben darf, werden sie als Bastarde bezeichnet.
Niloufar Taghizadeh erinnert sich daran, „wie der Vorhang aufging beim Filmfestival in Prag“. Der erste Film, den sie komplett selbst produziert hatte. Als er lief, habe sie gewusst: „Jetzt gibt es kein Zurück mehr.“
Nach der Premiere begannen die Schwierigkeiten. Es gab Einschüchterungsversuche und Drohungen. Die Regisseurin und ihr deutscher Verleih hatten plötzlich Probleme mit den Bankkonten. Doch Taghizadeh machte gleich einen zweiten Film. „Googoosh, Made of Fire“, ein Porträt der gleichnamigen iranischen Sängerin.
Das Schicksal Googoosh - eine Geschichte des Iran
Lange vor Madonna, Beyoncé oder Cher war Googoosh ein Popstar. Mit Minirock und modischem Kurzhaarschnitt repräsentierte die Künstlerin einen westlich orientierten Iran, bis das Mullahregime 1979 die Macht übernahm und Googosh 21 Jahre lang einsperrte. Der Film wirkt wie eine Zeitgeschichte des Iran.
Eben das möchte Niloufar Taghizadeh mit ihren Filmen erreichen. Man müsse sich gut genug auskennen. Wenn es darauf ankomme, die eigene Stimme zähle, dürfe niemand sagen: „Wir wissen ja nichts, es ist alles so weit weg.“ So weit weg sei es auch gar nicht. Der Iran ist gerade einmal fünf Flugstunden entfernt.
Film „Googoosh, Made of Fire“ in der Arte Mediathek
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