Der BRD-Zeitgeist der 1970er-Jahre
Wim Wenders' frühes Roadmovie „Falsche Bewegung“ fängt den bundesrepublikanischen Zeitgeist der 1970er-Jahre ein: eine gesättigte, zugleich lähmende Atmosphäre, in der die Kriegsgeneration ihre Schuld meist verdrängt.
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Im Zentrum steht – typisch für den Neuen Deutschen Film – ein Suchender. Wie Goethes Wilhelm Meister begibt er sich auf eine Reise durch Westdeutschland, trifft unterwegs auf eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Reisenden, unter anderem auf einen skrupellosen Altnazi.
„Falsche Bewegung“ ist im Gesamtwerk unterschätzt
Wim Wenders lässt Orte und Musik sprechen. In den abgeernteten Weinbergen des Rheintals wirkt die Landschaft grau statt romantisch. Störgeräusche von tutenden Schiffen, brummenden Traktoren oder Schreckschussanlagen in den Weinbergen irritieren bewusst. Am Ende seines Trips durch die Bundesrepublik ist Wilhelm die Welt fremder als zuvor.
Der Film wurde Wim Wenders’ erster großer Erfolg, wird in seinem Gesamtwerk aber oft übersehen. 1975 gewann „Falsche Bewegung“ sechs Deutsche Filmpreise.
Wim Wenders: „Die Roadmovies waren mein Markenzeichen“
Der Film gehört zu seiner frühen Roadmovie-Trilogie, einer Phase, in der Wenders seine eigene filmische Handschrift entwickelte.
„Das wurde ein bisschen mein Markenzeichen in den ersten Jahren: die Roadmovies, wonach ich mich, wenn ich mich im Hotel eingeschrieben habe, Regisseur genannt habe“, sagt Wim Wenders beim Rundgang durch die nach ihm benannte Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum.
Viele Kindheitserinnerungen an Boppard
Die Kuratoren widmen der Trilogie deshalb eine eigene Station. In der Vitrine dabei: Das Drehbuch von „Falsche Bewegung“. Gedreht wurde unter anderem in Boppard am Rhein. Das ist kein Zufall.
Er habe große Teile seiner Kindheit in Boppard zugebracht, sagt Wim Wenders im Gespräch. „Meine Mutter war mit mir oft in Boppard, weil Boppard weniger zerstört war als Düsseldorf und weil meine Großmutter da gelebt hat“, so Wenders. „Auf der Zugstrecke zwischen Boppard und Düsseldorf kenne ich jede Burg, die wir passiert haben.“
Frühes Medizinstudium dem Vaters zuliebe
Auf seinem frühen Weg zum Filmemacher spielte auch sein Vater eine wichtige Rolle. Er war Chirurg. Deshalb begann Wenders zunächst ein Medizinstudium in Freiburg. „Ich habe zwar alles gelernt, aber bin nicht in die Vorlesung, denn ich bin jemand, der überhaupt nicht lernt, wenn er was hört. Ich muss was sehen, ich muss was lesen“, erzählt Wenders.
Er malt lieber, beschäftigt sich mit Kunstgeschichte, Romanistik und Philosophie. Und er merkt bald, dass ihn die Kunst stärker anzieht als die Medizin.
„Im dritten Semester habe ich meinem Vater eröffnet, dass ich es nicht weiter mache. Er hat es locker genommen, was mir sehr gut getan hat. Da war eine große Angst weg.“
„Doch was Anständiges“: Wenders' Mutter ändert ihre Haltung
Schwieriger war es zunächst mit seiner Mutter. Erst als Wenders später beim Bundesfilmpreis ausgezeichnet wurde, und zwar ausgerechnet für „Falsche Bewegung“, einen Film, der in Boppard gedreht wurde, änderte sich ihre Haltung.
„Da gab es einen Empfang vom Bundespräsidenten, der meiner Mutter die Hand geschüttelt hat“, sagt Wenders. „Da hat sie dann verstanden: Es ist doch irgendwie was Anständiges.“
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