Tommy Shelby und seine beklemmende Nonchalance
Es ist dreckig in den düsteren Gassen des Arbeiterviertels von Birmingham. Der herrschende Trubel wird jäh unterbrochen, als ein auffallend gut gekleideter Mann auf einem schwarzen Pferd naht. Spielende Kinder, Männer und Frauen: Sie alle verschwinden wie Mäuse in ihren Löchern, als sie den stoischen Mann auf dem Pferd sehen, den sie ganz offensichtlich fürchten. Es ist die erste Szene von Thomas Shelby, dem Kopf der „Peaky Blinders“.
Wahrsagerei, Glücksspiel, ein Pub-Besuch mit der obligatorischen Kippe im Mundwinkel, von der Tommy Shelby, wie er meist genannt wird, im Laufe der Serie noch zahllose rauchen wird: Was sich in der Eröffnungsszene der Serie abspielt, steht sinnbildlich für ihre Ästhetik – ein Statement, beklemmend untermalt von Nick Caves „Red Right Hand“.
Auch vor dem heimischen Fernseher ist schnell klar: Dieser Typ, gespielt von Cillian Murphy, ist nicht nur verdammt cool, sondern auch keiner, mit dem man sich anlegen sollte. Eine Nonchalance, so beklemmend, dass sie eine nischige BBC-Serie zum Überraschungserfolg machte und schließlich mit Netflix zum globalen Phänomen wurde.
Der Shelby-Clan jetzt in einem Film
Die Serie erzählt die Geschichte des Gangster-Imperiums der Familie Shelby, die sich im Birmingham der 1920er-Jahre von kleinen Deals zu immer mehr Macht, Geld und Einfluss durchschlägt. Oberflächlich betrachtet ist das eine stumpfe Geschichte über Kleinkriminelle und Hooligans, reich bestückt mit Kriegstraumata aus dem Ersten Weltkrieg.
Die Shelbys und ihr Oberhaupt Thomas schrecken vor nichts zurück, um ihren Machthunger zu stillen; kein Weg scheint ihnen zu brutal. Doch in der Serie steckt weit mehr als bloße Gewalt und Proletariat.
13 Jahre und 36 Folgen nach der ersten Episode startet auf Netflix mit „Peaky Blinders – The Immortal Man“ nun die Filmfortsetzung. Was fasziniert ausgerechnet an dieser auf realen Gangstern basierenden Geschichte so sehr?
- Thommy Shelby als moderner Antiheld
- Wenn Brutalität plötzlich nach Rock'n'Roll aussieht
- Eine Serie, die mehr nach Konzert als Historienfilm klingt
- Familiengeschichte wird neu erzählt
- Wie der Stil zur Haltung wird
Thommy Shelby als moderner Antiheld: Ein Kriegsveteran in der Hauptrolle
Es gibt diese typischen Momente bei den „Peaky Blinders“: Thomas Shelby schreitet durch den Rauch von Birmingham. Der Mantel sitzt, die Musik setzt ein und für einen Augenblick wirkt es, als hätte er nicht nur die Stadt, sondern die ganze Welt unter Kontrolle. Als Zuschauer ist man sofort drin, fiebert mit, will, dass sein Plan aufgeht.
Doch die Serie bricht diese Faszination immer wieder, wenn auf die ikonischen Bombast-Szenen die stillen Momente folgen. Immer wieder sieht man Shelby allein, schlaflos und gezeichnet von den schrecklichen Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Er ist ein Mann, der funktioniert, aber nie wirklich zur Ruhe kommt. Genau dieses Wechselspiel macht ihn so anschlussfähig, da man die Brüche hinter der fast makellosen Fassade immer wider zu Gesicht bekommt.
Tommy Shelby ist der vielleicht konsequenteste Vertreter einer Figur, die das moderne Fernsehen seit Jahren prägt: des Antihelden. Er steht in einer Reihe mit Figuren wie Tony Soprano („The Sopranos“), Jax Teller („Sons of Anarchy“) oder Walter White („Breaking Bad“). Sie alle sind moralisch ambivalent, brillant, aber innerlich beschädigt.
Doch Shelby wirkt oft noch reduzierter. Einen großen Anteil daran hat Darsteller Cillian Murphy, der die Figur mit minimalen Gesten und Blicken spielt und den Zuschauer zwingt, zwischen den Zeilen zu lesen.
Gerade weil er so wenig preisgibt, wirkt jede kleine Regung umso intensiver, als würde sich hinter der Fassade ständig mehr verbergen, als man greifen kann. Man will ein bisschen sein wie der abgebrühte Shelby, wenn er einen Raum betritt und ist gleichzeitig erleichtert, es nicht zu sein, wenn er allein mit den Trümmern seiner Seele ist.
Wenn Brutalität plötzlich nach Rock'n'Roll aussieht: Die Ästhetisierung der Gewalt
Kaum eine Serie inszeniert Gewalt so stilisiert und zugleich so atmosphärisch wie „Peaky Blinders“. Schon die ersten Szenen zeigen, dass Prügeleien, Schießereien und Überfälle hier nicht nur Handlungstreiber sind, sondern visuelle Statements. Ob Pferderennen, Gewaltkaskade oder Kneipentrubel: Die Kamera fängt alles in eleganten Kompositionen ein und macht die Gewalt so zur Aura der Serie.
Dabei wirkt sie fast wie ein Tanz: Sie ist brutal, aber zugleich ästhetisch. Ein Spagat, der nicht vielen Produktionen gelingt. Für den Zuschauer erzeugt das ein merkwürdiges Spannungsfeld: Wenn das Blut spritzt ist man einerseits schockiert von der Brutalität, aber gleichzeitig gebannt von der Eleganz der Inszenierung.
Eine Serie, die mehr nach Konzert als Historienfilm klingt: Die musikalische Untermalung
Die Kämpfe bei den „Peaky Blinders“ werden durch ein weiteres Element getragen: die Musik. Rock- und Industrialsongs heben sie aus dem historischen Kontext heraus zu einem zeitlosen, fast ikonischen Gesamtkunstwerk. Und genau das zieht sich durch die Serie wie ein roter Faden.
Statt Jazz oder klassischen Sounds der Zwanzigerjahre setzt die Serie auf düsteren Rock und moderne Singer-Songwriter – von den Britrock-Legenden der Arctic Monkeys bis hin zu PJ Harvey. Das klingt auf den ersten Blick paradox, macht die Bilder aber umso elektrisierender. Die Musik übersetzt die 1920er in eine Gegenwart, die man als Zuschauer emotional sofort begreift.
Für Fans ist das ein Schlüsselreiz: Diese Mischung aus historischer Bild- und moderner Soundästhetik erzeugt eine Atmosphäre, die gleichzeitig nostalgisch, aufregend und extrem cineastisch wirkt – Musik ist hier mehr als nur ein Hintergrundrauschen.
By order of the Peaky F*cking Blinders: Familiengeschichte wird neu erzählt
Loyalität, Verrat, Machtspiele – all das kennt man aus dem Fernsehen bereits seit Jahrzehnten. Was passiert, wenn mafiöse Strukturen auf Familienleben treffen, erzählte Francis Ford Coppola schon 1972 in „Der Pate“. Auch moderne Serien wie „Succession“ kreisen um genau diese Dynamik: Familie als Machtapparat, in dem Liebe und Kalkül kaum zu trennen sind.
Doch die Shelbys bringen einen Twist in das Motiv. Während die altbekannten Geschichten meist Familien zeigen, die bereits an der Spitze stehen und darum kämpfen, ihre Macht zu erhalten, erzählt „Peaky Blinders“ den Moment davor: den Aufstieg. Gerade dadurch wirkt die Serie frischer als viele ihrer Nachfolger. Sie zeigt Familie nicht im Zustand der Dekadenz oder des Zerfalls, sondern im Moment ihrer Entstehung.
Ein sprachliches Ritual unterstreicht diesen Faktor: „By order of the Peaky Blinders“ heißt es oft im Flüsterton, wenn wieder einmal eine unliebsame Entscheidung der Shelbys kundgetan wird. Dieser Satz ist wie der Familienkodex, ein Symbol für Zusammenhalt und Loyalität.
Die Shelbys wandeln auf dem komplizierten Balanceakt zwischen Liebe und Macht. Hinter jedem Bündnis lauert Verrat und ein entspanntes Gespräch am Küchentisch kann schnell aus den Fugen geraten. Familie wird hier nicht romantisiert, sondern als dynamisches, riskantes System gezeigt.
Schrecklich schön: Wie Stil zur Haltung wird
Flat Caps, dreiteilige Anzüge, schwere Wollmäntel, Taschenuhren, Hemden mit hohem Kragen: Der Look der Shelbys ist so klar wiedererkennbar, dass er weit über die Serie hinausgewandert ist. Plötzlich trugen Bräutigame Westen und Hosenträger, Bartstyles orientierten sich an den Figuren, und selbst der Undercut mit rasierten Seiten, wie ihn Tommy Shelby trägt, wurde zum globalen Trend, den Barbershops als „Peaky Blinders Cut“ bewarben.
Das Faszinierende daran ist, dass dieser Stil gleichzeitig klassisch und modern erscheint: Es liegt etwas Zeitloses, fast Archetypisches in seinen klaren Linien und reduzierten Farben. Genau deshalb lässt er sich so leicht in die Gegenwart übersetzen.
Dazu kommt ein aus der Mode gekommenes Requisit – die Zigarette. Kaum eine Serie hat den Glimmstengel so konsequent ins Bild gesetzt wie „Peaky Blinders“, wo er regelmäßig zum Rhythmusgeber wird. Gespräche beginnen mit dem Anzünden, Pausen werden mit einem Zug überbrückt. Die Macht wird regelmäßig genüsslich inhaliert.
Warum kommt Jahre nach dem Serienende jetzt ein Film?
Mit „The Immortal Man“ will Netflix das Phänomen „Peaky Blinders“ jetzt noch einmal zu verlängern, vielleicht auch ein Stück weit ausschlachten. Der Verdacht, dass hier eine Cash Cow gemolken wird, liegt zumindest nahe. Und doch passt selbst das irgendwie zu den „Peaky Blinders“. Schließlich erzählt die Serie selbst von Menschen, die jede Gelegenheit nutzen, um aus Macht noch mehr Macht zu machen.
Entscheidend ist ohnehin etwas anderes: Dass es der Serie gelungen ist, aus einer düsteren Gangstergeschichte mehr zu machen als nur Unterhaltung. Sie ist ein Stück Popkultur, das man erkennt, hört und sieht, lange nachdem man letzte Szene gesehen hat. Das wird auch für den Film gelten.