Geschichtsfragen in 90 Sekunden beantworten
Wie viel wusste die deutsche Zivilbevölkerung eigentlich vom Holocaust? Was hat es mit dem Kräutergarten in Auschwitz auf sich? Was wurde bei der Kongokonferenz in Berlin besprochen? Und worum ging es bei dem Maji-Maji-Aufstand in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika?
Wem auf diese Fragen nicht sofort eine fundierte Antwort einfällt, kann sie sich in 90 Sekunden auf Instagram und TikTok geben lassen.
Grimme-prämierte Wissensformate im Kurzformat
Susanne Siegert und Stève Hiobi gehören hierzulande zu den erfolgreichsten Bildungsinfluencern und haben sich auf komplexe Themenbereiche spezialisiert. Susanne Siegert klärt auf ihrem Kanal „Keine Erinnerungskultur” über den Holocaust und NS-Verbechen auf. Stève Hiobi informiert auf dem Kanal „Dein Bruder Stève” über Geschichte und Gegenwart Afrikas.
Beide wurden bereits mit dem Grimme-Preis für ihre Arbeit ausgezeichnet – und beide haben zuletzt Bücher zu ihren Themen veröffentlicht.
Doch wie entsteht so ein Wissenskanal? Wie kann man solch komplexe Themen wie die NS-Zeit und Geopolitik in kurzen Videos angemessen vermitteln? Und welche Rolle spielen TikTok und Instagram in der heutigen Bildungsvermittlung?
„Keine Erinnerungskultur“: Susanne Siegert klärt über Holocaust auf
„Ich habe vor fünf Jahren begonnen, mich mit einem ehemaligen Außenlager des KZ Dachau in meiner Heimat Bayern zu beschäftigen“, erzählt Siegert im Gespräch mit SWR Kultur. Das Lager „Mühldorfer Hart“ sei in ihrer Schulzeit nie Thema gewesen, eine Leerstelle, die sie später schließen wollte. Über die Recherche habe sie sich viel Wissen angeeignet, das sie teilen wollte.
Gerade über TikTok und Instagram junge Menschen zu erreichen, treibe sie an. Gut 400.000 Follower verzeichnen ihre Kanäle. Dort erklärt sie beispielsweise, warum man bis in die Neunzigerjahre von anderen Opferzahlen in Auschwitz ausging, in welcher Weise Frauen anders verfolgt wurden als Männer, oder wie Juden und Jüdinnen in der Schlucht von Babyn Jar ermordet wurden.
Lebensrealität mit einbeziehen
Siegert findet: Bildungsarbeit über die NS-Vergangenheit muss sich an den Perspektiven einer jüngeren Generation ausrichten. Sie plädiert für mehr Lokal- und Familiengeschichte – aber auch, dass Bildungsformate stärker an die Lebensrealität von Jugendlichen anknüpfen.
In einem ihrer Videos wird ersichtlich, wie das aussehen kann: Hier zitiert sie die viel diskutiere Haftbefehl-Dokumentation, in der der Rapper Aykut Anhan von einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ spricht.
Siegert erklärt, dass dieser Begriff von den Nazis stammt – und somit, wie ideologische Sprache unbemerkt Eingang in unseren Alltag finden.
„Dein Bruder Stève“: Afrikanische Geschichte ins Bewusstsein bringen
Auch Stève Hiobi veröffentlicht seit gut fünf Jahren Bildungsvideos. Der in Kamerun geborene Heidelberger begann sich nach der Geburt seines Sohnes verstärkt mit seiner Herkunft und der Beziehung von europäischen und afrikanischen Ländern auseinanderzusetzen. Mittlerweile folgen ihm mehr als 200.000 Menschen auf seinen Kanälen auf Instagram, TikTok und YouTube.
Hier erklärt er beispielsweise, wie die Handelsbeziehung zwischen der BRD und Südafrika vor dem Ende der Apartheid aussahen, warum in Heidelberg ein Stein der deutschen Kolonialmacht gedenkt, und was die Kopfbedeckungen nigerianischer Präsidenten über sie aussagen.
Er widmet sich darüber hinaus aber auch aktuellen politischen und wirtschaftlichen Themen, die hierzulande wenig Aufmerksamkeit finden. „Ich möchte einfach, dass sich Leute mehr mit dem afrikanischen Kontinent beschäftigen“, erklärt Hiobi im Gespräch mit SWR Kultur. Für seine Art von Bildungsarbeit hat er den Titel „Afrofluencer” gefunden.
Seinen Auftrag sieht er darin, dass Kolonialgeschichte Deutschland stärker ins Bewusstsein rückt: Mit dem Nationalsozialismus habe es vielleicht „gerade so funktioniert“, meint der Influencer, doch: „Für die deutsche Kolonialgeschichte ist die Energie dann plötzlich ausgegangen.“
Bildung abseits der Institutionen
Sowohl Hiobi als auch Siegert stehen für eine pragmatische Antwort auf gewisse Lücken in der Bildungsarbeit. Wie viele Bildungsinfluencer betreiben beide ihre Kanäle in ihrer Freizeit.
Gerade im Bereich Erinnerungskultur sieht Siegert eine Pflicht, sich auch privat mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Es sei nicht nur die Aufgabe von Institutionen und Politik, sich für Gedenkarbeit einzusetzen, sondern auch von Privatpersonen.
Damit verweist sie auf eine viel allgemeinere Veränderung in unserer Wissensvermittlung: Durch die sozialen Medien ist Bildung weniger an Institutionen und Medienhäuser gebunden. Durch digitale Archive und Bibliotheken lässt sich zudem nicht nur leichter recherchieren – auch durch niedrigschwellige Videoprogramme lässt sich Wissen auch einfacher visualisieren.
Die sozialen Medien eröffnen dabei durch kreative Herangehensweisen ein großes Potenzial für Wissensvermittlung. Gerade die diskursiven Formen können ein junges Publikum gut auffangen. Und der Wissensdurst unter Jungen ist da: Laut einer Memo-Jugendstudie von 2023 zeigen beispielsweise 77 Prozent der 16- bis 25-Jährigen ein hohes oder sehr hohes Interesse an der NS-Vergangenheit.
TikTok: Von der Tanzplattform zum Bildungsmedium
TikTok durchlebte dabei eine ähnliche Entwicklung wie Facebook, Twitter und Instagram auch: Erst hielten Lifestyle- und Werbeinhalte, dann politische und aktivitische Themen Einzug. Längst sind alle Altersgruppen und viele öffentliche Institutionen vertreten. Entsprechend diversifiziert sind die Inhalte auf der Plattform, die öffentliche Diskurse wiederspiegelt.
Jüngere Menschen nutzen TikTok und Instagram dabei vermehrt als Suchmaschinen, um sich über aktuelles Geschehen, aber auch Geschichtsthemen zu informieren. Das Vertrauen in Bildungsinfluencer und Aktivisten ist dabei groß.
Einer Studie der Leibniz-Gemeinschaft zufolge wünschen sich junge Menschen für die Wissensvermittlung neutrale Darstellungen, Meinungsvielfalt, Verständlichkeit und Begegnung auf Augenhöhe.
Erklärvideos in den sozialen Medien erfüllten diese Bedürfnisse für sie besser als klassische Medien: Denn durch Influencer werden persönliche Berührungspunkte der Nutzenden besser angesprochen – etwas, das den Befragten wichtig war.
YouTube als Vorläuer von TikTok-Bildungsinfluencern
Die kurzen TikTok-Videos stehen dabei in einer Tradition einer älteren Plattform: YouTube bot schon früh potenziell endlose Sendezeit für Wissensvermittlung. Ob Unterrichtskräfte, die kostenlose Nachhilfe bieten, Universitätsvorlesungen, Expertengespräche, oder YouTuber, die unterhaltsame Videoessays schneiden: Jedes nischige Thema lässt sich finden.
Ob auf YouTube, Instagram oder TikTok: Audiovisuelle Formate sind keine Randerscheinung, sondern die zentralen Medien für Wissensvermittlung geworden. Bücherlesen und Textarbeit schwinden zunehmend, die Lesefähigkeit befindet sich seit Jahren im Rückgang.
Durch die Hinwendung zum Audiovisullen werden Information und Unterhaltung stärker miteinander verknüpft. Besonders TikTok repräsentiert in seiner spielerischen Form kommunikative Infrastruktur der Gegenwart.
Audios statt Text Lesen Sie noch oder hören Sie schon?
Immer weniger Menschen lesen. Ein Grund für Pessimismus? Nicht für den Medienwissenschaftler Christoph Engemann. Seine These: Texte werden von Audios abgelöst.
Authentische Videos, enge Followerschaft
Dass Wissensvermittlung, wie sie Siegert und Hiobi betreiben, so erfolgreich ist, liegt auch daran, dass sie eine enge Verbindung zu ihren Followern aufbauen können. Wichtig ist dabei nicht nur, unterhaltsam zu wirken – sondern authentisch zu sein. Auf diese Weise schaffen Creatoren einen Wiedererkennungswert und Vertrauen in ihre Arbeit.
Siegert spricht beispielsweise über ihre Urgroßväter bei der Wehrmacht. Auch lässt sie sich von Nutzern zu Themen anregen. Trotz einiger Kommentatoren, die geschichtsrelativistisch argumentieren, erlebt auch Hiobi den Austausch größtenteils als positiv. Dass er Videos zu eigenen rassistischen Erfahrungen hochlädt, macht sein Bildungsanliegen umso greifbarer.
Kurze Videos, verkürzte Darstellungen?
Ist das Kurzvideoformat dabei aber nicht anfällig für verzerrte Darstellungen von Sachverhalten? Schließlich werden Videosequenzen verknappt, eigene Kommentare eingesprochen, Infos schnell gerahmt. Siegert sieht durchaus auch die Gefahren, die mit den Plattform-Dynamiken einhergehen: Sie formuliere reißerischer als zuvor, sagt sie in einem Interview.
Beide Influencer blenden dabei minutiös ihre Quellen ein – etwas, das nicht alle Mitglieder ihrer Berufszunft genauso gewissenhaft machen.
Die kurzen Videos vermitteln zwar vor allem konkrete Fakten. Sie bieten dabei aber die Möglichkeit, wenig beachtete Perspektiven einzunehmen.
Damit decken Bildungsvideos auf TikTok und Instagram ein Thema zwar nicht unbedingt umfassend in seiner Komplexität ab - aber sie verweisen darauf. Und regen im besten Fall zur weiteren Beschäftigung mit Geschichte und aktueller Politik an.