Weinbibliothek aus Deidesheim jetzt in Koblenz
Dass Geschichte mitunter eine recht trockene Angelegenheit ist, kann in diesem Fall wirklich nicht behauptet werden – geht es doch um das Kulturgetränk Wein, dass im Südwesten Deutschlands nicht nur die Landschaft, sondern auch das Leben der Menschen seit Hunderten von Jahren prägt.
Als das Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz (LBZ) Ende 2024 große Teile der historischen Weinbibliothek des Deidesheimer Weingutsbesitzers und Weinforschers Friedrich von Bassermann-Jordan erwerben konnte, gelangte weit mehr als eine Sammlung alter Bücher nach Koblenz.
Die Bände, die nun in der Ausstellung „Geschichte(n) des Weinbaus: Die Bibliothek des Friedrich von Bassermann-Jordan“ zu sehen sind, erzählen davon, wie sich über Jahrhunderte Wissen über Reben, Böden, Kellertechnik und Genuss entwickelt hat und warum der Südwesten Deutschlands zu einer der bedeutendsten Weinlandschaften Europas wurde.
Wein ist hier nie nur ein Getränk gewesen. Er erzählt von Römern und Mönchen, von Fürsten und Forschern, von Handelswegen und Klimawandel. Wer die Geschichte des Weins erzählt, erzählt immer auch ein Stück Kulturgeschichte des Südwestens.
Die Römer erkannten das Potenzial des Südwestens
Als römische Legionen vor fast 2.000 Jahren den Rhein erreichten, brachten sie nicht nur Straßen, Bäder und Amphitheater mit. Sie führten auch den systematischen Weinbau ein.
Vor allem entlang von Mosel, Rhein und Neckar entstanden erste Weinberge. Das milde Klima, die Flusstäler und die Schieferhänge boten ideale Bedingungen. Noch heute lassen sich in Rheinland-Pfalz römische Kelteranlagen besichtigen, beispielsweise in Piesport oder Brauneberg an der Mosel.
Dass die Region schon in der Antike als außergewöhnlich galt, zeigt ein berühmtes literarisches Zeugnis: Um 371 nach Christus besang der römische Dichter Ausonius in seinem Gedicht „Mosella“ die Mosel als paradiesische Flusslandschaft voller Weinberge. Es gilt als eine der ältesten literarischen Liebeserklärungen an eine Weinregion auf deutschem Gebiet.
Ohne Klöster gäbe es viele Weinberge vielleicht gar nicht mehr
Der Untergang des Weströmischen Reiches im 7. Jahrhundert bereitete der hiesigen Weinkultur kein Ende. Ganz im Gegenteil: Vor allem Benediktiner- und Zisterzienserklöster übernahmen die Pflege der Weinberge. Wein wurde für die Liturgie benötigt, gleichzeitig war er ein wichtiges Handelsgut. Klöster experimentierten mit Rebsorten, beobachteten Wetter und Böden und hielten ihre Erfahrungen schriftlich fest.
Im Grunde waren sie die ersten Weinforschungszentren Europas. Aus diesem Grund finden sich in der Bibliothek Bassermann-Jordans nicht nur Bücher über Wein, sondern ebenso Werke über Botanik, Gartenbau, Landwirtschaft und Naturkunde. Weinbau war schon früh ein interdisziplinäres Thema.
Die erste Erwähnung des Rieslings passt erstaunlich gut in eine Bibliothek
Kurioser Zufall: Ausgerechnet ein Verwaltungsdokument schrieb Weingeschichte. Am 13. März 1435 notierte der Kellermeister des Grafen von Katzenelnbogen den Kauf von Riesling-Reben für einen Weinberg in Rüsselsheim. Es ist die älteste bekannte urkundliche Erwähnung des Rieslings.
Heute gilt die Sorte als Deutschlands wichtigste Weißweinrebe. Sie ist sehr eng mit Rheinland-Pfalz verbunden. Besonders an Mosel, Nahe, Mittelrhein, in Rheinhessen und der Pfalz entstehen Rieslinge, die auch heute weltweit großen Anklang finden. Gleichzeitig wird durch den Klimawandel sein Ausbau eine immer größere Herausforderung. Die weißen Trauben mögen es nämlich gerne etwas kühler.
Warum ausgerechnet der Südwesten zum Weinland wurde
Sechs der dreizehn deutschen Weinanbaugebiete liegen in Rheinland-Pfalz: Ahr, Mittelrhein, Mosel, Nahe, Pfalz und Rheinhessen. Zusammen mit Baden und Württemberg bildet der Südwesten Deutschlands das Zentrum des heimischen Weinbaus. Dabei hat jede Region ihren eigenen Charakter:
An der Mosel entstehen auf steilen Schieferhängen filigrane Rieslinge. Die Pfalz profitiert vom Schutz des Pfälzerwaldes und zählt zu den wärmsten Regionen Deutschlands. Rheinhessen, lange als Lieferant einfacher Weine belächelt, erlebt seit rund drei Jahrzehnten eine bemerkenswerte Qualitätsrevolution.
Baden wiederum ist Deutschlands südlichstes und wärmstes Weinbaugebiet. Es gilt als Heimat exzellenter Burgunder. Württemberg schließlich ist das Land des Trollingers und bis heute die größte Rotweinregion Deutschlands. Gemeinsam erzählen sie von einer Kulturlandschaft, die über Jahrhunderte gewachsen ist.
Weinbautradition seit 2000 Jahren Warum ein Moselort wieder einem römischen Weingott huldigt
1976 haben Archäologen in Kinheim die Statue des römischen Gottes Sucellus ausgegraben. Das will die Moselgemeinde nächstes Jahr feiern und ihr Maskottchen dabei bekannter machen.
Als Pfälzer Riesling wertvoller war als Bordeaux
Heute dominieren oft französische Weine die Schlagzeilen. Im 19. Jahrhundert war das keineswegs selbstverständlich. Damals galten Spitzenrieslinge aus Deidesheim, Forst oder dem Rheingau als hoch edle Luxustropfen. Auf Weinkarten der großen Hotels in London oder bei königlichen Banketten wurden einzelne deutsche Rieslinge teilweise höher gehandelt als berühmte Bordeaux-Weine. Auch der spätere britische König Edward VII. schätzte deutsche Rieslinge.
Der Ruf deutscher Spitzenweine war so groß, dass der Begriff „Hock“, eigentlich eine Kurzform für Wein aus Hochheim, im englischsprachigen Raum zeitweise beinahe als Synonym für deutsche Weißweine im Allgemeinen verwendet wurde.
Deidesheim wurde zum Labor des modernen Weinbaus
Dass Friedrich von Bassermann-Jordan ausgerechnet in Deidesheim lebte, kann durchaus als glückliche Fügung des Schicksals gewertet werden. Der Ort entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum des Qualitätsweinbaus.
Persönlichkeiten wie der Winzer Andreas Jordan (1775-1848) führten dort eine bis heute prägende Idee ein: Wein sollte nicht nur nach der Rebsorte, sondern vor allem nach der Herkunft bewertet werden. Die Einteilung einzelner Spitzenlagen gilt als der Vorläufer moderner Herkunftssysteme.
Bassermann-Jordan knüpfte daran an. Für sein Standardwerk „Geschichte des Weinbaus“ von 1923 trug der Winzer und Weinbau-Historiker Literatur aus ganz Europa zusammen. Seine Bibliothek wurde zu einem Wissensspeicher für Generationen von Winzern und Wissenschaftlern.
Zwischen Baden, Pfalz und der Champagne verlief eine Ideenstraße
Dabei wird deutlich: Weingeschichte kennt keine Grenzen. Schon lange bevor Europa politisch zusammenwuchs, reisten Kellermeister, Händler und Wissenschaftler zwischen Baden, der Pfalz, Rheinhessen, dem Elsass und der Champagne hin und her. Sie tauschten Erfahrungen über Pressen, Flaschengärung, Korken oder Kellertechnik aus.
Nicht nur Frankreich beeinflusste Deutschland – auch deutsche Erkenntnisse fanden ihren Weg über den Rhein. Am Oberrhein entstand über Jahrhunderte ein gemeinsamer Kulturraum, in dem Wissen über Rebsorten, Kellertechnik, Lesezeitpunkte und Qualitätsbewertung selbstverständlich ausgetauscht wurde.
Auch Innovationen wie neue Pressverfahren, frühe Formen der Herkunftsbezeichnung oder Erfahrungen im Umgang mit Krankheiten der Rebe verbreiteten sich über Sprach- und Landesgrenzen hinweg. Die mehrsprachigen Bücher der Bassermann-Jordan-Bibliothek – in Deutsch, Französisch und teils Latein – spiegeln genau diesen intensiven internationalen Austausch wider.
Der Südwesten machte auch den Sekt groß
Während Wein oft im Mittelpunkt steht, gerät eine andere Erfolgsgeschichte leicht in Vergessenheit. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Mainz mit Häusern wie Kupferberg und Henkell zu einem der wichtigsten Zentren der deutschen Sektproduktion. Auch Koblenz wurde mit Deinhard ein bedeutender Standort der Schaumweinherstellung. In der Pfalz entstand mit Schloss Wachenheim eines der großen industriellen Sekthäuser. Auch Baden entwickelte eine lebendige Sektkultur.
Wichtig für Kulturlandschaft und Tourismus BW will Weinbau fördern - Özdemir wirbt für heimischen Wein als "Akt des Patriotismus"
Immer weniger Fläche in Baden-Württemberg wird für den Weinbau genutzt. Doch das schade auch Kulturlandschaft und Tourismus, so Ministerpräsident Özdemir. Das Land will gegensteuern.
Heute gilt die deutsche Sektlandschaft insgesamt als sehr vielfältig: Neben den großen Traditionshäusern haben sich vor allem handwerklich arbeitende Betriebe wie Raumland, Schloss Vaux oder Kessler einen renommierten Ruf erarbeitet.
Die Herstellung hochwertiger Schaumweine beruhte auf einem intensiven Austausch mit Frankreich. Die wichtigsten Verfahren waren die traditionelle Flaschengärung (méthode champenoise), die Tankgärung (Charmat-Methode) sowie frühe Experimente mit kontrollierter Hefeführung, Zweitgärung und Temperatursteuerung im Keller.
Eine winzige Laus veränderte Europas Weinbau
Die größte Revolution im Weinberg war allerdings kaum größer als ein Stecknadelkopf. Als Ende des 19. Jahrhunderts die aus Nordamerika eingeschleppte Reblaus Europa erreichte, vernichtete sie innerhalb weniger Jahrzehnte unzählige Weinberge.
Die Rettung kam ebenfalls ausgerechnet aus Amerika. Europäische Edelreben wurden auf reblausresistente amerikanische Wurzeln gepfropft: eine Technik, die bis heute weltweit Standard ist. Kaum jemand sieht sie, fast jede Weinrebe Europas steht dennoch auf amerikanischen Wurzeln.
Wein ist mehr als Genuss
Auch wenn natürlich nicht verschwiegen werden soll, dass Alkohol eine Droge ist und auch der übermäßige Genuss von Wein abhängig machen kann, ist der Südwesten ohne Wein kaum vorstellbar.
Der Dürkheimer Wurstmarkt – trotz seines Namens ursprünglich ein Weinmarkt – gilt heute als größtes Weinfest der Welt. Straußwirtschaften, Besenwirtschaften, Weinwanderungen, Weinköniginnen oder die Schorle gehören ebenso zur Alltagskultur der Rehopm wie Trockenmauern, Weinbergshäuschen und jahrhundertealte Keller.
Selbst unsere Sprache ist voller Wein. Wer jemandem „reinen Wein einschenkt“, sagt die Wahrheit. Wer „Wasser in den Wein gießt“, bremst übertriebene Erwartungen. Sprache bewahrt Kultur, oft unbemerkt.
Alte Bücher erzählen auch von der Zukunft
Die Bibliothek Friedrich von Bassermann-Jordan wirkt auf den ersten Blick wie ein Blick in die Vergangenheit. Tatsächlich führt sie aber mitten in die Gegenwart. Viele ihrer Bücher beschäftigen sich mit Wetter, Erträgen, Krankheiten oder geeigneten Rebsorten – Fragen, die heute angesichts des Klimawandels aktueller sind denn je. Winzer experimentieren erneut mit hitzeresistenteren Sorten, neuen Anbaumethoden und veränderten Lesezeiten.
Gerade deshalb ist die Sammlung im Landesbibliothekszentrum weit mehr als ein Schatz für Weinliebhaber. Sie erinnert daran, dass hinter jeder Flasche Wein nicht nur Handwerk steckt, sondern Jahrhunderte gesammelten Wissens.