Apple wird 50 Jahre alt und erzählt sich noch immer die gleiche Geschichte. Die vom rebellischen Anfang, vom Computer als Werkzeug der Befreiung, vom „Power to the People“. Eine Erzählung, die erstaunlich gut funktioniert, gerade weil sie so klar ist.
Dieses "Rebell-Narrativ" ist kein Überbleibsel aus den siebziger Jahren. Es wird bis heute aktiv weitergeführt. Die Rollen bleiben dabei erstaunlich stabil. Es gibt immer einen übermächtigen Gegner, früher IBM, dann Microsoft, heute Google. Und Apple positioniert sich als Gegenentwurf, als Kraft der Freiheit und Individualität.
„Diese Strategie fällt Apple jetzt zum 50-jährigen Jubiläum ein Stück weit auf die Füße.“
Wie Apple Rebellion zur Marke gemacht hat
Der Politikwissenschaftler und Co-Chefredakteur von netzpolitik.org Daniel Leisegang sieht einen grundlegenden Widerspruch. Apple berufe sich bis heute auf seine anti-autoritären Wurzeln, agiere aber längst als einer der mächtigsten und kontrollierendsten Konzerne der Welt. Das Image vom guten Tech-Konzern sei deshalb kein Zufall, sondern das Ergebnis einer sehr erfolgreichen Inszenierung.
Der berühmte 1984-Spot bringt das auf den Punkt. Eine Figur sprengt den grauen Monolithen IBM, Macintosh-Technologie erscheint als Befreiung. Dieses Bild hat sich tief eingebrannt und prägt die Marke bis heute.
Warum die eigentliche Erfindung eine Erzählung ist
Leisegang argumentiert, dass der Gründer und die Ikone Steve Jobs vor allem eines geschaffen hat: eine neue Art, über Technologie zu sprechen. Nicht als nüchternes Werkzeug, sondern als etwas beinahe Magisches, als ästhetisches Erlebnis, als Fortschritt im Dienst des Menschen.
Diese Erzählung trägt bis heute. Gleichzeitig ist sie nie neutral gewesen. Werte wie Datenschutz, Barrierefreiheit oder Nachhaltigkeit sind bei Apple immer auch Teil eines Markenversprechens. Sie sind Überzeugung und Verkaufsargument zugleich. Gerade diese Verbindung macht die Marke so stark. Und zugleich so anfällig für Kritik.
Wie der Komfort Nutzer im System hält
Am deutlichsten zeigt sich der Widerspruch im Apple-Kosmos selbst. Für viele Nutzer fühlt er sich stimmig an. Geräte, Software und Dienste greifen ineinander, Abläufe wirken intuitiv, vieles funktioniert einfach. Doch genau dieser Komfort hat eine klare Funktion. Das System bleibt geschlossen, der Wechsel in andere Umgebungen wird erschwert.
Wer einmal drin ist, bleibt oft drin, nicht nur aus Überzeugung, sondern auch, weil der Ausstieg Mühe kostet. Der Begriff vom goldenen Käfig beschreibt das ziemlich treffend. Innen läuft alles reibungslos. Außen wird es kompliziert. Auch der Wettbewerb wird so begrenzt.
„Die größte Erfindung von Steve Jobs war nicht das Produkt – sondern der Konzern selbst.“
Wie Europa versucht, Apples Macht zu begrenzen
Diese Form der Kontrolle bleibt politisch nicht ohne Reaktion. Die Europäische Union versucht mit dem Digital Markets Act, die Macht großer Plattformen einzuschränken und mehr Wettbewerb zu ermöglichen. Apple hat sich lange dagegen gewehrt, etwa indem alternative App Stores blockiert wurden. Die Folge waren Verfahren und hohe Strafen.
Für Leisegang zeigt sich darin ein klares Muster. Apple verteidigt die Kontrolle über sein System konsequent. Sie ist kein Nebeneffekt, sondern ein zentraler Teil des Geschäftsmodells. Kritiker sehen darin eine Ausnutzung einer faktischen Monopolstellung.
Warum Apple die Nähe zur Politik sucht
Hinzu kommt eine zweite Ebene, die stärker in den Blick rückt. Die politische Strategie des Konzerns.
Die Nähe von CEO Tim Cook zu US-Präsident Donald Trump ist aus dieser Perspektive kein Zufall, sondern Kalkül. Apple versucht, sich gegen regulatorischen Druck aus Europa abzusichern und gleichzeitig wirtschaftliche Nachteile in den USA zu vermeiden. Besuche im Weißen Haus, Investitionszusagen, gezielte Annäherung. Apple agiert längst nicht mehr nur als Unternehmen, sondern auch als politischer Akteur.
Genau darin liegt jedoch ein wachsendes Problem. Denn je stärker Apple selbst Macht ausübt und politisch handelt, desto schwerer lässt sich die eigene Ursprungsgeschichte aufrechterhalten. Der Konzern, der sich einst als Gegenmodell zu autoritären Strukturen verstand, bewegt sich heute selbst in deren Nähe. Die Werte, auf die sich Apple beruft, geraten dadurch unter Druck.
Was vom Versprechen der Freiheit übrig bleibt
Am Ende bleibt ein Unternehmen, das von seiner Gründungserzählung lebt, sich aber weit von ihr entfernt hat. Apple verkauft weiterhin die Idee von Freiheit. Tatsächlich aber organisiert es Abhängigkeit. Und zwar elegant, effizient und mit großem Erfolg.
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