Die BRD wird Einwanderungsland

Anfangs wie im Gefängnis: 70 Jahre Anwerbeabkommen mit Italien

Am 20. Dezember 1955 wurde das erste deutsch-italienische Anwerbeabkommen unterzeichnet, der Beginn der Einwanderungsgeschichte in Nachkriegsdeutschland. Millionen italienische Arbeitskräfte kamen in die BRD. Viele fühlten sich anfangs unerwünscht.

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Stand

Von Autor/in Susanne Babila, Wilm Hüffer

Ankunft ohne Willkommen
Baracken für die „Fremdarbeiter“
Vom Feld in die Fabrikhalle
Fremdheit und Heimweh
Fremdenfeindlichkeit und Gewalt
Wärme des „Centro Italiano“
Schule ohne echte Integration

Ankunft ohne Willkommen

Eine Gruppe der ersten 86 italienischen Gastarbeiter winkt während eines Aufenthalts auf dem Hauptbahnhof in Hannover aus dem Zug.
Fröhliche Ankömmlinge am Hauptbahnhof Hannover: Viele angeworbene Italiener kamen mit großen Hoffnungen nach Deutschland picture alliance/dpa | Hans Heckmann

Viele Italiener wussten nicht, was sie in Deutschland erwartet. Oft kamen sie vom Land, wie der 1960 gerade mal 17-jährige Bernardino Di Croce, der heute in Sindelfingen lebt. Er stammte aus einem Dorf in den Abruzzen. Nach der Ankunft auf Bahnhöfen in München oder in Singen am Hohentwiel, der sogenannten „Neapelschleuse“, wurden die Ankömmlinge auf verschiedene Regionen verteilt.

Schon im Jahr nach der Unterzeichnung des Abkommens am 20. Dezember 1955 kamen über 10.000 italienische Arbeitskräfte, bis zum Anwerbestopp 1973 rund 14 Millionen Frauen und Männer. 11 Millionen wanderten später wieder ab.

Baracken für die „Fremdarbeiter“

Italienische Gewerkschaftsvertreter 1963 bei der Beratung vor dem Wohnheim der Gastarbeiter in Stuttgart.
Ab 1963 wehrten sich italienische Gewerkschaftsvertreter gegen schlechte Wohn- und Arbeitsbedingungen, hier vor den Wohnheimen der Stuttgarter Bosch-Werke Fritz Fischer

Schnell folgte die Ernüchterung. An verschiedenen Orten mussten sich bis zu 80 Italiener die Plätze in Holzbaracken teilen, pro Zimmer acht Personen. Bernardino Di Croce landete zunächst in Geislingen an der Steige. Im Interview mit SWR Kultur erinnert er sich an den Schock: „Ich habe mich so geschämt, in dieser Baracke zu leben.“ Man habe sich nicht als richtiger Mensch gefühlt.

Die deutschen Firmen wussten über die Angeworbenen fast nichts. Eine amtliche Empfehlung lautete, man solle die Italiener so kräftig ernähren, dass sie als Arbeitskräfte leistungsfähig blieben. Firmen wurde empfohlen, italienische Lebensmittel über den Großhandel zu bestellen. Spaghetti waren in den 1950er in Deutschland noch weitgehend unbekannt, ebenso Mozzarella, Auberginen oder Zucchini.

Vom Feld in die Fabrikhalle

Ein italienischer Gastarbeiter (r) mit seinem deutschen Kollegen bei Arbeiten an einem VW-Käfer im Volkswagenwerk in Wolfsburg im Jahr 1962.
Arbeiten bis zum Umfallen: Ein italienischer Gastarbeiter (r) 1962 mit seinem deutschen Kollegen im Wolfsburger Volkswagenwerk picture alliance/dpa | Hans Heckmann

Was die deutschen Unternehmen haben wollten, war Arbeitskraft, sonst nichts. Bei den Anwerbekommissionen dieser Jahre landeten technisch klingende Anforderungen. Gesucht wurden „fünf Stück Hilfsarbeiter“ oder „ein Stück Lagerarbeiter“. Die Gesuchten hatten zuvor meistens auf dem Land gearbeitet. Plötzlich in der Fabrik zu stehen, war für die meisten von ihnen eine enorme Umstellung.

Bernardino Di Croce arbeitete ab 1960 bei Züblin, auf dem Betriebsgelände der Württembergischen Metallwarenfabrik. Auch das sind für ihn beklemmende Erinnerungen: „Zäune überall. Es kam mir wie ein Gefängnis vor.“

Fremdheit und Heimweh

Der Priester Don Enzo Parenti diskutiert 1962 mit italienischen Gastarbeitern im italienischen Dorf der VW-Gastarbeiter in Wolfsburg.
Bei Problemen im Alltag halfen oft nur Priester. Im Wolfsburger Heim der VW-Gastarbeiter ist es Don Enzo Parenti (hinten rechts) dpa | UPI

Wenige Italiener sprachen deutsch. Sprachkurse gab es nicht. Schließlich sollten die „Fremdarbeiter“ nur ein paar Jahre in Deutschland arbeiten und dann in ihre Heimat zurückkehren. Oft kümmerten sich italienische Priester um ihre Landsleute, die über ihr Heimweh klagten. Die Katholische Mission in Stuttgart verteilte später eine italienische Zeitung. 

Wegen solcher Erfahrungen arbeitete Bernardino Di Croce 30 Jahre lang als Gewerkschaftssekretär. „Hatte man eine gute Firma, ging es einigermaßen“, erinnert er sich. „Hatte man eine schlechte Firma, wurde man ausgebeutet, bis es nicht mehr geht.“

Fremdenfeindlichkeit und Gewalt

Der Oberbürgermeister von Stuttgart Arnulf Klett im Feuerbacher Krankenhaus am Krankenbett von Pasquale Desidorio, der einige Nächte zuvor in Stuttgart-Zuffenhausen von drei Deutschen ohne jeden Grund brutal niedergeschlagen worden war.
Stuttgarts OB Arnulf Klett besucht 1964 im Feuerbacher Krankenhaus zwei Italiener, die in Zuffenhausen von Deutschen brutal zusammengeschlagen worden waren Alfred Assmann

Selten wurden die Gäste aus Italien freundlich aufgenommen. Sie wurden beschimpft als „Spaghetti-Fresser“ oder „Messerstecher“. Der Vorwurf kursierte, sie würden „deutsche Frauen belästigen“. Noch heute ärgert sich Bernardino Di Croce über Ladenschilder an den Eingangstüren. So hätten Tanzlokale ein „Lokalverbot für Italiener!“ ausgesprochen. Bereits bei kleinen Fehltritten sei mit Ausweisung gedroht worden.

Auch zu gewalttätigen Übergriffen kam es, wie 1964 in Stuttgart. Nur langsam entstand so etwas wie ein bescheidenes integratives Angebot. Unter anderem sendete der damalige Süddeutsche Rundfunk eine Sendung für italienische „Gastarbeiter“ zur besseren Orientierung in Deutschland.

Wärme des „Centro Italiano“

Die ersten italienischen Gastarbeiter im Rhein-Main-Gebiet 1962 an der Hausbar ihres neuen Heims (Centro Italiano) in FrankfurtMain.
Endlich ein Zuhause in Deutschland: Die Hausbar des Frankfurter Centro Italiano 1962 dpa

Wichtigster Treffpunkt für Italiener in Deutschland wurde das örtliche „Centro Italiano“. Auch in Stuttgart wurde 1960 eines eröffnet. Obwohl es rund tausend Personen aufnehmen konnte, reichte der Platz bald nicht mehr aus.

Männer trafen sich dort ebenso wie Frauen. Denn anders als oft vermutet waren auch viele weibliche Hilfskräfte unter den Neuankömmlingen. Über 700.000 waren es 1973, im Jahr des Anwerbestopps, etwa ein Drittel der ausländischen Arbeitskräfte. Sie arbeiteten vor allem im Einzelhandel und in Textilunternehmen, aber zum Teil auch in Industrieunternehmen.

Schule ohne echte Integration

Blick in ein Klassenzimmer einer Schule in Saarbrücken, 1963, während des Italienisch-Unterrichts.
Integration scheinbar nicht erforderlich: Italienische Kinder wurden anfangs in italienischen Klassen unterrichtet, hier 1963 in einer Saarbrücker Schule dpa

Auch die Schulpolitik richtete sich an der Erwartung aus, die italienischen Gäste würden nur kurz in Deutschland bleiben. „Gastarbeiterkinder“ wurden teilweise in geschlossenen italienischen Klassen unterrichtet. Das sollte ausdrücklich die Bereitschaft fördern, in die Heimat zurückzukehren.

Bis heute wirken diese Effekte nach. Noch 2007 warnte der damalige Stuttgarter Generalkonsul Faiti Salvadori, italienische Kinder würden weit unterdurchschnittlich in Gymnasien und Realschulen unterrichtet. Bis heute sprechen die „Gastarbeiter“ der ersten Generation oft nur schlecht Deutsch. Viele fühlen sich in Italien allerdings mittlerweile ebenso fremd wie in Deutschland. Die Familienangehörigen von einst sind nicht mehr da.

Gespräch 70 Jahre Anwerbeabkommen: Wie Italienische Arbeitsmigranten das Wirtschaftswunder ermöglichten

Hunderttausende Italiener arbeiteten seit Mitte der 1950er-Jahre in Deutschland in Fabriken und Baustellen und trugen entscheidend zum Wiederaufbau bei. Sie erlebten Diskriminierung, sagt eine Migrationsforscherin.

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