Früher Mahner für Frieden in Europa
Der 77-jährige Schlögel hatte früh vor der aggressiven Expansionspolitik des russischen Präsidenten Wladimir Putin gewarnt. Die Jury des Börsenvereins urteilte: „Seine Mahnung an uns: Ohne eine freie Ukraine kann es keinen Frieden in Europa geben.“
Lektionen an sich selbst
Seinen wohlwollenden Blick nach Russland habe Schlögel inzwischen, so Hertweck, korrigiert. Die Aggressionen gegen die Ukraine hätten ihm die Augen geöffnet und unter anderem zu seinem Buch „Entscheidung in Kiew: Ukrainische Lektionen“ geführt. „Die Lektionen sind nicht nur Lektionen an die anderen, sondern auch an sich selbst.“ Schlögel habe sein Werk seitdem neu justiert.
Friedenspreis legt Fokus auf die Ukraine – nun schon seit drei Jahren
Den Friedenspreis der vergangenen Jahre erhielten die amerikanisch-polnische Journalistin und Historikerin Anne Applebaum und der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan. Mit Karl Schlögel zusammen seien es nun in Folge drei entschiedene Ukraine-Unterstützer, beobachtet Hertweck. „Wir merken daran, dass sich die Definition des Friedenspreises etwas geändert hat, unter der dringlichen Situation, in der wir heute stehen.“
Lebendige Zeitgenossenschaft kein Hindernis für Objektivität
Schlögel erlebte den Prager Frühling 1968 persönlich, in den 1980er Jahren lebte er in Moskau und Leningrad. 2014 reiste er nach der Besetzung der Krim in die Ukraine. Diese eigene Involviertheit mache seine Forschung so anschaulich und lebendig. „Die Wahrnehmung ist eine andere als über Dokumente.“
Das Leben vor Ort sehen, hören, riechen
In seinem Buch „Das sowjetische Jahrhundert: Archäologie einer untergegangenen Welt“ etwa sammelte Schlögel die Bestände der Sowjetunion. „Da geht’s um die Toiletten in Moskau, die Müllbeseitigung, die Haute Couture, die beschränkten Wohnküchen und dagegen die riesigen Metrostationen.“ Diese Dinge könne man besser sehen, hören, riechen als im Umgang mit Dokumenten.
Moderner Walter Benjamin-Stil
Überhaupt seien seine Bücher erst durch Begegnungen entstanden, etwa durch die unmittelbare Begegnung mit den Flüchtlingen und Emigranten der Nachkriegszeit. Seine Erzählweise erinnert Hertweck an den modernen Stil des Philosophen Walter Benjamin. „Es gibt nicht immer diesen großen Bogen, der alles überschreibt. Er lässt uns Leserinnen und Lesern die Aufgabe zu, alles in ein größeres Bild zu bringen.“
Vergabe am 19. Oktober in der Paulskirche
Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert. Sie wird seit 1950 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Übergeben wird der Preis traditionell in der Frankfurter Paulskirche, zum Abschluss der Buchmesse, in diesem Jahr am 19. Oktober.
Eine gute Wahl - Kommentar von Frank Hertweck
Zweifellos eine gute Wahl. Zweifellos eine geistesgegenwärtige Wahl. Mit Karl Schlögel traut sich die Jury nach der Historikerin und Journalistin Anne Applebaum und dem ukrainischen Dichter Serhiy Shadan, der an der Front gegen die russischen Truppen kämpft, zum dritten Mal ein Zeichen zu setzen, dass auch ein Friedenspreis an einen Intellektuellen gehen kann, der vehement die militärische Unterstützung der Ukraine im Abwehrkampf gegen den Aggressor Rußland fordert.
Gegen die Vorwürfe, dass hier mit dem Friedenspreis mentale Aufrüstung ausgezeichnet werde, zeigt sich die Jury zurecht resistent.
Kampf mit den Mitteln der Geschichtsschreibung
Karl Schlögel selbst kämpft mit den Mitteln der Geschichtsschreibung, so gegen Putins ideologisches Narrativ, das Kiew als historische Keimzelle des russischen Reichs und die Ukraine darum als dessen Teil behauptet. „Ukrainische Lektionen“ hat er sein Buch „Entscheidung in Kiew“ im Untertitel genannt, das er schon 2015 veröffentlicht hat und 2025 aktueller denn je ist.
Und die Lektionen gelten sowohl den gutgläubigen russlandfreundlichen Intellektuellen, die immer noch nicht die aggressiven, imperialen Visionen des Kremls verstanden haben, als auch sich selbst als ein Historiker, der vielleicht auch zu gutgläubig war.
Ein Zeitgenosse im radikalen Sinne
Damit ist schon einiges über den Historiker Karl Schlögel gesagt. Er ist im radikalen Sinne Zeitgenosse, das heißt empfänglich für die Strömungen und Konflikte der Zeit, aber eben auch bereit, blinde Flecken einzugestehen. „Die Annexion der Krim und der unerklärte Krieg in der Ostukraine haben mir die Augen geöffnet. Es war für mich der Moment, wo ich noch einmal neu nachdenken musste.“, sagte er in einem Interview mit dem Spiegel. Das hat er in großen Geschichtswerken getan.
Dabei ist der subjektive Zugang ein Markenzeichen des Historikers Karl Schlögel, was aber nicht Willkür bedeutet, sondern erfahrungsgesättigt. Schlögel ist ein Historiker der Nähe. Damit hängt der Versuch zusammen, Geschichte von den Orten, den Dingen, dem scheinbar Selbstverständlichen her zu schreiben.
Kleine Geschichten, die sich zu einer großen Erzählung fügen
„Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt“ versammelt den Alltag und die Routinen einer kommunistischen Diktatur, wir lernen etwas über die Toiletten in Moskau, die Haute Couture, die Müllbeseitigung, die beschränkten Wohnküchen mit der entsprechenden Esskultur, und die opulenten Metrostationen, aber ohne uns im Klein-Klein zu verlieren. Schlögel erzählt kleine Geschichten, die sich dem Lesenden jedoch zu einer großen zusammenhängenden Erzählung fügen.
In „Terror und Traum. Moskau 1937“ beschreibt er die explosive Ungleichzeitigkeit zwischen Gewalt und Utopie in einer Stadt, die mit den brutalen Säuberungen gerade unter den Anhängern der sowjetischen Revolution einen paranoiden Exzess erlebt und Schauplatz eines entfesselten Versuchs wird, einen Ort neuen Typs zu schaffen mit gigantischer Architektur und Aufmarschgebieten für Masseninszenierungen.
Zuletzt der überraschende Versuch, Amerika zu verstehen
Am Ende ist Karl Schlögel als Forscher ein Reisender. Und man darf vermuten, dass seinen Büchern immer auch Begegnungen vorausliegen. Nicht anders in seinem letzten, dem überraschenden Versuch, ein ganz anderes Land zu verstehen, das wir ebenfalls lange genug mit einer vielleicht schon blinden Brille angeschaut haben, um es noch verstehen zu können, nämlich Amerika.