Smartphones müssen draußen bleiben
Es klingt erst einmal wie aus der Zeit gefallen: Der Koblenzer Philosophie-Professor Jürgen Goldstein bietet in diesem Semester ein Seminar an, in dem die Studierenden ausschließlich ohne digitale Medien antreten dürfen. Laptop, Tablet und Handys müssen also draußen bleiben.
Im Stuhlkreis widmen sich dann alle gemeinsam der Lektüre. „Close Reading“ ist das Motto. Also gemeinsames Lesen nah am Text. Und der liegt in gedruckter Form vor. Jeder muss mal vorlesen. Keiner kann sich verstecken. Notizen machen sich die Seminarteilnehmer*innen mit der Hand auf Papier.
Hintergrund für diese altmodisch wirkende Maßnahme ist, dass der Philosophieprofessor genervt war, dass die Studierenden in seinen Vorlesungen ständig in ihre mobilen Endgeräte starrten. Er konnte sich nicht sicher sein, ob sie dabei überhaupt mitdachten – oder ob sie durch soziale Medien oder Browsing immer wieder aus ihren Gedanken gerissen wurden.
„Die Studis werden von mir auf ‚cold turkey‚‘ also auf digitalen Entzug gesetzt“, erklärt Goldstein. Wer hier den Laptop, das Handy oder Tablet auspackt, muss gehen. Das sei aber noch nicht vorgekommen. Die Studierenden wussten, worauf sie sich einlassen, sagt der Philosoph.
Millionen Menschen können nicht mehr richtig lesen
Und die Reaktionen sind überraschend positiv: Das Angebot wird angenommen, auch wenn einige sich anfänglich Schwierigkeiten eingestehen mussten. „Ein ganzes Buch zu lesen, ist für viele schon eine Herausforderung. Nicht für alle. Aber es gibt einen größeren Anteil, dem es schwer fällt“, meint Goldstein.
Er fürchte sich vor einem „Bedeutungs-Analphabetismus“: Anspruchsvolle Texte können nicht mehr wirklich erschlossen werden. In den letzten Jahren hat der Philosoph beobachtet, wie rapide die Lesekompetenz der Studierenden abnimmt.
PISA für Erwachsene: Neue PIAAC-Studie zu Kompetenzen und Bildungslücken vorgestellt
Die neue PIAAC-Studie zu Erwachsenen zeigt: Lesekompetenzen nehmen ab, Bildungsungleichheit wächst - auch in Deutschland.
Ein Problem, dass es nicht nur an Universitäten und Schulen gibt. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland kann laut einer aktuellen Studie nur mit Mühe einfache, kurze Texte entziffern. Ein weiteres Problem stellen komplexere schriftliche Inhalte und deren kritische Bewertung dar. Im Grunde können Millionen Menschen nicht richtig lesen.
Durch KI, die leicht lesbare Texte verfasst, wird diese Problematik noch verschärft. Auch an den Universitäten nutzen Studierende diese Programme: Komplexe Texte werden in wenigen Sekunden von einer KI zusammengefasst, anstatt sie durch eigene Lesearbeit zu durchdringen und wiedergeben zu können.
Aufmerksamkeit und Lesekompetenz nimmt ab
„Meiner Ansicht nach lässt die Aufmerksamkeit der Studierenden durch digitale Medien nach. Und da sind Schwierigkeiten, Strukturen von Texten zu erkennen, zentrale Momente festzumachen und die ästhetische Struktur, ein Gedankengebäude zu erfassen“, erläutert Jürgen Goldstein.
Mit dem „Close Reading“ versuche er, wieder Lust am Lesen zu wecken, so Goldstein. Dabei mache es auch einen Unterschied, wenn man Zeile für Zeile vom Papier ablese. Mit digitalen Medien lesen wir meistens auch schneller, wir scrollen und wischen und lesen zum Teil nur noch Fetzen des Textes.
In seinem Seminar bremst Goldstein das Lesen bewusst aus. „Wir haben für einen Satz von Immanuel Kant zwei Sitzungen gebraucht“, die besprochenen Inhalte behalte man dafür dann aber ganz anders im Kopf.
Digitalisierung an Hochschulen auf dem Vormarsch
Seit Corona schreitet die Digitalisierung an den Hochschulen rasant voran. Es gab einen regelrechten Digitalisierungsschub. Milliardenbeträge sind schon in deutschlandweite digitale Erweiterungen geflossen: Die Lehre ist durch Online-Vorlesungen flexibler und auch inklusiver geworden. Digitale Prüfungsformate haben sich etabliert.
Vieles ist einfacher geworden und neue Lehrformate wurden inzwischen didaktisch eingebunden. Trotzdem gibt es weiter Kritik, dass große Potenziale ungenutzt blieben. Immerhin könnte die Digitalisierung die internationale Zusammenarbeit an Hochschulen extrem voranbringen.
Viele Unis seien nach wie vor schlecht ausgestattet, heißt es. Es fehle oft eine richtige Digitalstrategie oder ein Plan für den Umgang mit KI. Der Datenschutz verhindert oft, dass nützliche Programme und Tools schnell eingeführt werden können. Außerdem fehlt geschultes Personal an den Universitäten.
Flächendeckende Nutzung Wie Hochschulen auf KI-Nutzung durch Studierende reagieren
Fast alle Studierenden nutzen mittlerweile Künstliche Intelligenz (KI) in Form von beispielsweise Chat GPT. Das hat eine bundesweite Umfrage der Hochschule Darmstadt unter knapp 5.000 Studierenden gezeigt. Doch wie fit sind die Universitäten und Hochschulen in Sachen KI-Nutzung durch Studierende?
„Digital Natives“ haben andere Herausforderungen
Digitale Medien sind heutzutage zudem allgegenwärtig. In Australien hat ein kürzlich in Kraft getretenes Gesetz, das unter 16 -Jährigen den Umgang mit sozialen Medien verbietet, eine große Debatte darüber losgetreten, wie hilfreich Verbote in diesem Bereich sind.
Wirkt es nicht absurd und weltfremd, sie auch aus dem Seminarraum verbannen zu wollen? Jürgen Goldstein sagt von sich selbst, er sei kein Technikfeind. Im Gegenteil. Er hätte schon immer digitale Medien genutzt. An bestimmten Stellen sei es aber sinnvoll, auch mal auf Technik zu verzichten.
Gerade für die „Digital Natives“, die Generationen also, die mit oder nach der Digitalrevolution aufgewachsen sind, kann es enorm hilfreich sein, auch mal in die Welt der „Digital Immigrants“ einzutauchen – also derjenigen, die noch aus einer analogen Welt stammen. Für viele seiner Studierenden sei das analoge Lesen von Texten „eine neue Entdeckung“, erklärt Goldstein.
Im Moment sei an Schulen und Universitäten eine digitale Dominanz zu beobachten. Analoge Räume seien größtenteils verdrängt. Mit Blick auf die Herausforderungen in puncto Lesekompetenz, Demokratieverständnis und auch Medienkompetenz liege die Zukunft für ihn in einer Mischform.
Studierende lassen sich auf das Digital-Detox-Experiment ein
Nicht nur in der Philosophie liegt der Schlüssel für Jürgen Goldstein in einer ausgewogenen Mischung von analogen und digitalen Räumen, so könne die Digitalkompetenz gezielt gestärkt werden – aber auch die Lektürekompetenz. Man müsse sich wieder daran gewöhnen, in manchen Bereichen in einer Digital-Askese zu üben.
Er wünsche sich mehr Mut zur Langsamkeit. Er beobachte bei seinen Studierenden aktuell, dass sie bei ihren händischen Notizen nicht nur mitschreiben, sondern mitdenken. Natürlich sollen Universitäten weiter die Speerspitze der technologischen Entwicklung sein. Trotzdem glaubt Goldstein, mit seinem Ansatz kein rückwärtsgewandtes Modell zu verfolgen.
Er sagt aber: „Wenn mir das den Ruf einbringt, ein Hinterwäldler zu sein, dann kann ich damit ich als Philosoph leben“. Allerdings beobachtet er bereits, dass sein Vorgehen auch seine Kolleg*innen anregt, darüber nachzudenken auch analoge Seminare anzubieten.
Auf die Mischung kommt es an. Bei seinen Studierenden erlebt Philosophieprofessor Jürgen Goldstein jedoch, wie gewinnbringend es sein kann, auch mal auf digitale Medien zu verzichten.