Antisemitismusdebatte um abgesagtes Konzert
Ein volles Haus, Handys verboten und ein Thema, das aktueller kaum sein könnte, berichtet Kulturjournalistin Barbara Behrendt von der Veranstaltung: Unter dem Titel "Technik killt Kultur?" trafen sich Satiriker Jan Böhmermann und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW).
Die Veranstaltung fand im Rahmen von Böhmermanns Ausstellung "Die Möglichkeit der Unvernunft" statt – und stand deutlich im Schatten der jüngsten Antisemitismusdebatte um das abgesagte Konzert des Rappers Chefket.
Analoges Gespräch – Handys streng verboten
Handys waren im Auditorium streng verboten. "Man sollte sich damit auseinandersetzen, was im Raum passiert – nicht auf Instagram", erklärte Böhmermann. Er wollte damit ein analoges Gespräch ermöglichen, frei von digitaler Selbstinszenierung.
Kulturjournalistin Barbara Behrendt kommentierte die Entscheidung kritisch: "Böhmermann verteidigt die Arbeit öffentlich-rechtlicher Journalist*innen und schränkt gleichzeitig ihre Arbeit durch das Handyverbot erheblich ein. Das ist bei einer Veranstaltung in einem staatlich geförderten Haus mit dem Kulturstaatsminister doch einigermaßen bizarr."
Streit um das abgesagte Chefket-Konzert
Natürlich kam auch das Thema Chefket auf den Tisch. Der Rapper war wegen eines T-Shirts geraten, das – so wurde es interpretiert – die Existenz Israels infrage stellt.
Böhmermann räumte ein, dass man den 7. Oktober im Team mit "zu leichtem Herzens" angegangen sei. "Es wäre besser gewesen, an diesem Tag kein Konzert zu planen", sagte er. Das T-Shirt halte er zwar für problematisch, "aber die Kunst ist über jeden Antisemitismus-Zweifel erhaben", zitierte Behrendt den Satiriker.
Das Konzert habe er aus Rücksicht auf die jüdische Gemeinde verschoben – nicht abgesagt. Ob es später nachgeholt wird, blieb unklar.
Böhmermann wirft Weimer politischen Aktionismus vor
Böhmermann kritisierte Weimer, den Fall durch seinen öffentlichen Beschwerdebrief politisch aufgeladen zu haben. "Warum haben Sie mich nicht einfach angerufen?", fragte er. Der Satiriker warf dem Kulturstaatsminister vor, autoritär in Kultureinrichtungen einzugreifen.
Weimer konterte, das Konzert sei schließlich abgesagt worden – woraufhin die Diskussion "spürbar schwammig" wurde, wie Behrendt berichtet. Einerseits betonte Böhmermann, er sei nicht eingeknickt, andererseits warf er Weimer genau diesen Druck vor.
Streit um Sprache: "Zwangsabgaben" als Kampfbegriff
Auch die Debatte um den öffentlich-rechtliche Rundfunk sorgte für Spannung. Weimer hatte kürzlich von "Zwangsabgaben" gesprochen, mit denen der Rundfunk finanziert werde. Böhmermann wies darauf hin, dass dies ein "Kampfbegriff der extremen Rechten" sei.
Als Weimer entgegnete, man müsse doch sagen dürfen, was wahr ist, verwies Moderatorin Eva Schulz darauf, dass auch bei Steuern oder Rentenbeiträgen niemand von Zwang rede. Der Vorwurf, Weimer bediene sich rhetorisch bewusst an der Sprache rechter Diskurse, stand im Raum.
Publikumsreaktionen und ein Vergleich mit Thomas Mann
Das Publikum zeigte sich überwiegend kritisch gegenüber dem Kulturstaatsminister. Mehrere Zuhörer*innen warfen Weimer vor, den "Korridor des Sagbaren" eher einzuengen als zu öffnen – etwa, wenn es um die Kunstfreiheit muslimischer Künstler*innen gehe.
Heiterkeit löste Weimers Selbstvergleich mit Thomas Mann aus, was das Publikum mit sichtbarem Amüsement quittierte. "Die Weimer-Kritiker waren in der Mehrheit", so Behrendt.
Einigkeit beim Thema Technologiekritik
Zum eigentlichen Veranstaltungsthema – "Technik killt Kultur?" – fanden Böhmermann und Weimer schließlich doch noch eine gemeinsame Linie: Beide forderten, die Monopolisierung durch Tech-Giganten wie Google zu begrenzen.
"Wenn Google auf Wunsch Donald Trumps den Golf von Mexiko kurzerhand in den Golf von Amerika umbenennt, zeigt das, wie gefährlich diese Macht ist", zitiert Behrendt Böhmermann. Sie bemerkte zudem, dass trotz der Spannungen „die Debatte offen und pointiert, aber immer charmant im Ton“ verlief – mit viel Kritik am Kulturstaatsminister, die dieser nicht immer entkräften konnte.
Trotz aller Dissonanzen endete der Abend mit einem klaren Fazit: Die Kultur braucht Schutz – vor politischer Einflussnahme ebenso wie vor digitaler Vereinheitlichung.
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