Kontroverse Diskussion im Haus der Kulturen der Welt

Jan Böhmermann vs. Kulturstaatsminister Weimer: Streit um Chefket-Konzert und Kunstfreiheit

Handyverbot, hitzige Wortgefechte und viel Kritik: Im Berliner Haus der Kulturen der Welt diskutierten Jan Böhmermann und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer über Kunst, Politik und Sprache.

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Antisemitismusdebatte um abgesagtes Konzert

Ein volles Haus, Handys verboten und ein Thema, das aktueller kaum sein könnte, berichtet Kulturjournalistin Barbara Behrendt von der Veranstaltung: Unter dem Titel "Technik killt Kultur?" trafen sich Satiriker Jan Böhmermann und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW).

Die Veranstaltung fand im Rahmen von Böhmermanns Ausstellung "Die Möglichkeit der Unvernunft" statt – und stand deutlich im Schatten der jüngsten Antisemitismusdebatte um das abgesagte Konzert des Rappers Chefket.

Halb versunkene lebensgroße Freiheitsstatue vor dem Berliner HKW bei Jan Böhmermanns Ausstellung „Die Möglichkeit der Unvernunft“.
Eine halb versunkene, lebensgroße Replik der Freiheitsstatue vor dem HKW in Berlin im Rahmen von Jan Böhmermanns Ausstellung "Die Möglichkeit der Unvernunft". picture alliance / Ipon | Stefan Boness

Analoges Gespräch – Handys streng verboten

Handys waren im Auditorium streng verboten. "Man sollte sich damit auseinandersetzen, was im Raum passiert – nicht auf Instagram", erklärte Böhmermann. Er wollte damit ein analoges Gespräch ermöglichen, frei von digitaler Selbstinszenierung.

Kulturjournalistin Barbara Behrendt kommentierte die Entscheidung kritisch: "Böhmermann verteidigt die Arbeit öffentlich-rechtlicher Journalist*innen und schränkt gleichzeitig ihre Arbeit durch das Handyverbot erheblich ein. Das ist bei einer Veranstaltung in einem staatlich geförderten Haus mit dem Kulturstaatsminister doch einigermaßen bizarr."

Streit um das abgesagte Chefket-Konzert

Natürlich kam auch das Thema Chefket auf den Tisch. Der Rapper war wegen eines T-Shirts geraten, das – so wurde es interpretiert – die Existenz Israels infrage stellt.

Böhmermann räumte ein, dass man den 7. Oktober im Team mit "zu leichtem Herzens" angegangen sei. "Es wäre besser gewesen, an diesem Tag kein Konzert zu planen", sagte er. Das T-Shirt halte er zwar für problematisch, "aber die Kunst ist über jeden Antisemitismus-Zweifel erhaben", zitierte Behrendt den Satiriker.

Bühnenabbau im Berliner HKW: Alle Künstler*innen sagen ihre Auftritte ab, nach der Chefket-Konzert-Absage bei Böhmermanns Ausstellung.
Abbau der Bühne im Berliner HKW: Nach der Absage des Chefket-Konzerts sagten aus Solidarität alle weiteren Künstler*innen ihre Auftritte in Böhmermanns Ausstellung "Die Möglichkeit der Unvernunft" ab. picture alliance / Ipon | Stefan Boness

Das Konzert habe er aus Rücksicht auf die jüdische Gemeinde verschoben – nicht abgesagt. Ob es später nachgeholt wird, blieb unklar.

Böhmermann wirft Weimer politischen Aktionismus vor

Böhmermann kritisierte Weimer, den Fall durch seinen öffentlichen Beschwerdebrief politisch aufgeladen zu haben. "Warum haben Sie mich nicht einfach angerufen?", fragte er. Der Satiriker warf dem Kulturstaatsminister vor, autoritär in Kultureinrichtungen einzugreifen.

Weimer konterte, das Konzert sei schließlich abgesagt worden – woraufhin die Diskussion "spürbar schwammig" wurde, wie Behrendt berichtet. Einerseits betonte Böhmermann, er sei nicht eingeknickt, andererseits warf er Weimer genau diesen Druck vor.

Streit um Sprache: "Zwangsabgaben" als Kampfbegriff

Auch die Debatte um den öffentlich-rechtliche Rundfunk sorgte für Spannung. Weimer hatte kürzlich von "Zwangsabgaben" gesprochen, mit denen der Rundfunk finanziert werde. Böhmermann wies darauf hin, dass dies ein "Kampfbegriff der extremen Rechten" sei.

Der Satiriker Jan Böhmermann im Gespräch mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Haus der Kulturen der Welt im Rahmen der Ausstellung „Die Möglichkeit der Unvernunft“.
Jan Böhmermann und Kulturstaatsminister Wolfram Weimar im Gespräch während der Ausstellung „Die Möglichkeit der Unvernunft“ im Berliner HKW. picture alliance/dpa/Presseteam Die Möglichkeit der Unvernunft“ | Lenny Rothenberg

Als Weimer entgegnete, man müsse doch sagen dürfen, was wahr ist, verwies Moderatorin Eva Schulz darauf, dass auch bei Steuern oder Rentenbeiträgen niemand von Zwang rede. Der Vorwurf, Weimer bediene sich rhetorisch bewusst an der Sprache rechter Diskurse, stand im Raum.

Publikumsreaktionen und ein Vergleich mit Thomas Mann

Das Publikum zeigte sich überwiegend kritisch gegenüber dem Kulturstaatsminister. Mehrere Zuhörer*innen warfen Weimer vor, den "Korridor des Sagbaren" eher einzuengen als zu öffnen – etwa, wenn es um die Kunstfreiheit muslimischer Künstler*innen gehe.

Heiterkeit löste Weimers Selbstvergleich mit Thomas Mann aus, was das Publikum mit sichtbarem Amüsement quittierte. "Die Weimer-Kritiker waren in der Mehrheit", so Behrendt.

Einigkeit beim Thema Technologiekritik

Zum eigentlichen Veranstaltungsthema – "Technik killt Kultur?" – fanden Böhmermann und Weimer schließlich doch noch eine gemeinsame Linie: Beide forderten, die Monopolisierung durch Tech-Giganten wie Google zu begrenzen.

"Wenn Google auf Wunsch Donald Trumps den Golf von Mexiko kurzerhand in den Golf von Amerika umbenennt, zeigt das, wie gefährlich diese Macht ist", zitiert Behrendt Böhmermann. Sie bemerkte zudem, dass trotz der Spannungen „die Debatte offen und pointiert, aber immer charmant im Ton“ verlief – mit viel Kritik am Kulturstaatsminister, die dieser nicht immer entkräften konnte.

Trotz aller Dissonanzen endete der Abend mit einem klaren Fazit: Die Kultur braucht Schutz – vor politischer Einflussnahme ebenso wie vor digitaler Vereinheitlichung.

Ausstellung Berliner Haus der Kulturen der Welt Jan Böhmermanns setzt auf „Die Möglichkeit der Unvernunft“

Was tun in einer Welt, in der Klimawandel und Autoritarismus kaum aufhaltbar scheinen? Jan Böhmermann versucht es mit Unvernunft: Mit der Berliner Ausstellung „Die Möglichkeit der Unvernunft“ will er aus der Social-Media-Logik des öffentlichen Diskurses aussteigen.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Frauke Oppenberg
Frauke Oppenberg, Team SWR Kultur
Interview mit
Barbara Behrendt