Eine einzelne Rakete fliegt auf die USA zu
Wir befinden uns in einem streng gesicherten Kontrollraum für Sicherheitsbedrohungen im Weißen Haus, im Zentrum der amerikanischen Macht. Plötzlich ein Alarm und rot blinkende Signale auf den Bildschirmen. Eine einzelne Rakete, die möglicherweise atomar bewaffnet ist, fliegt aus dem Pazifik auf die USA zu.
Weil ihr genauer Startpunkt nicht geortet werden kann, weiß man nicht, wer sie abgeschossen hat. Die Nordkoreaner? Die Russen? Oder doch die Chinesen?
Aus drei Perspektiven erzählt
Von diesem Zeitpunkt an setzt eine Handlungskette ein, die der Film genau und geradezu zärtlich beobachtet. Multiperspektivisch wird alles erzählt, in drei aufeinander folgenden Anläufen. Beim letzten sind wir Zuschauer in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, davor beim Sicherheitsbriefing der Militärs, dem „Stratcom".
Zehn Millionen Menschen in Chicago wären sofort tot
Bald wissen die in Geheimnisse eingeweihten Menschen im Film: die Rakete wird höchstwahrscheinlich in 20 Minuten einschlagen, und zwar in Chicago. Sie wird dort etwa zehn Millionen Menschen sofort töten und weitere in der Folge.
Es gibt aber immer noch die Möglichkeit, dass dies alles auch nur eine Täuschung ist. Oder ein Scheinangriff. Es gibt ebenso die Möglichkeit, dass die Rakete gar nicht explodiert, oder dass sie doch noch in den Michigan-See stürzt und dort weitaus geringeren Schaden anrichtet.
Welche Reaktion ist die richtige bei genau einem Versuch?
Wie und wann sollen die USA darauf antworten? Sehr amerikanisch ist dieser Film nicht nur in der Perspektive, sondern auch in der Art, wie Emotionen erzählt und aufgebaut, wie Figuren erzählt werden – hier sind fast alle Familienmenschen.
Hochinteressant ist zu sehen, wie in gewissem Sinn alles auseinander fällt, die Institutionen und Regeln und gesellschaftlichen Prozesse, wie die Leute die Nerven verlieren und plötzlich auf ihre Individualität zurückgeworfen werden.
Dokumentarisch recherchierter Spielfilm
Oder sie behalten ihre Nerven und tun einfach ihre Arbeit, gerade im Angesicht der Katastrophe. Regisseurin Kathryn Bigelow zeigt hier einfach viele Leute, die ihr Handwerk verstehen und die das Handwerk dann auch wie ausgebildet ausführen. Und sie zeigt, wozu das dann führt, alles sehr nüchtern, fast dokumentarisch sachlich und genau recherchiert. Vor allem zeigt sie es multiperspektivisch.
Der Film ist in drei Kapitel unterteilt, und wir springen am Ende eines Kapitels immer wieder zurück zum Anfang. Das Spiel mit der Zeit in dem Film ist unglaublich dicht, genau und spannend. Die einzelnen Kapitel sind jeweils ungefähr 40 Minuten lang, die im Film vorgeführte Zeit dauert aber nur etwa 20 Minuten.
Bigelow beherrscht das Spiel mit der Spannung
Das heißt: Die Zeit wird durch Parallelerzählungen gedehnt und manchmal auch beschleunigt. Und dann verdichtet sich alles immer mehr. Selten hat ein Film 120 Minuten lang so eine Spannung mit solcher Sicherheit gehalten. Auch handwerklich ist das extrem perfekt und schön und souverän gemacht – es gibt eigentlich nie einen Moment, an dem der Film aus dem Ruder läuft. Dies ist Kino auf der Höhe der Zeit.
Trailer „A House of Dynamite“, ab 9.10. im Kino, ab 24.10. auf Netflix
Filmkritik bei SWR Kultur
Angelehnt an den Fall Michèle Kiesewetter Fernsehfilm „Die Nichte des Polizisten“ – Gelungene Mischung aus Thriller und Drama
2007 wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen, mutmaßlich durch den NSU. Der Film zeigt in Anlehnung an den Fall , was passieren kann, wenn Polizisten alleine gelassen werden.