Spannung pur auf der Leinwand

20 Minuten bis zum Weltuntergang: Kathryn Bigelows „A House of Dynamite“

Die Filme von Regisseurin Kathryn Bigelow sind politisch, kritisch und voller Faszination für ihren Gegenstand. „A House of Dynamite“ ist ein Politthriller über den Wahnsinn eines möglichen Atomkriegs. Selten hat ein Film 120 Minuten lang so gut seine Spannung gehalten.

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Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Eine einzelne Rakete fliegt auf die USA zu

Wir befinden uns in einem streng gesicherten Kontrollraum für Sicherheitsbedrohungen im Weißen Haus, im Zentrum der amerikanischen Macht. Plötzlich ein Alarm und rot blinkende Signale auf den Bildschirmen. Eine einzelne Rakete, die möglicherweise atomar bewaffnet ist, fliegt aus dem Pazifik auf die USA zu.

Weil ihr genauer Startpunkt nicht geortet werden kann, weiß man nicht, wer sie abgeschossen hat. Die Nordkoreaner? Die Russen? Oder doch die Chinesen?

„A House of Dynamite“ von Kathryn Bigelow
Eine einzelne Rakete, die möglicherweise atomar bewaffnet ist, fliegt aus dem Pazifik auf die USA zu. Woher kommt sie? Major Daniel Gonzalez (Anthony Ramos) und Specialist Dan Buck (Abubakr Ali )

Aus drei Perspektiven erzählt

Von diesem Zeitpunkt an setzt eine Handlungskette ein, die der Film genau und geradezu zärtlich beobachtet. Multiperspektivisch wird alles erzählt, in drei aufeinander folgenden Anläufen. Beim letzten sind wir Zuschauer in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, davor beim Sicherheitsbriefing der Militärs, dem „Stratcom".

„A House of Dynamite“ von Kathryn Bigelow
Der Zuschauer erlebt den Raketenangriff aus der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten der Vereinigten Staaten und beim Sicherheitsbriefing der Militärs, dem „Stratcom". Im Bild: Captain Olivia Walker (Rebecca Ferguson)

Zehn Millionen Menschen in Chicago wären sofort tot

Bald wissen die in Geheimnisse eingeweihten Menschen im Film: die Rakete wird höchstwahrscheinlich in 20 Minuten einschlagen, und zwar in Chicago. Sie wird dort etwa zehn Millionen Menschen sofort töten und weitere in der Folge.

Es gibt aber immer noch die Möglichkeit, dass dies alles auch nur eine Täuschung ist. Oder ein Scheinangriff. Es gibt ebenso die Möglichkeit, dass die Rakete gar nicht explodiert, oder dass sie doch noch in den Michigan-See stürzt und dort weitaus geringeren Schaden anrichtet.

„A House of Dynamite“ von Kathryn Bigelow
Sehr amerikanisch ist dieser Film nicht nur in der Perspektive, sondern auch in der eine Art, wie Emotionen erzählt und aufgebaut werden. Im Bild: Idris Elba als amerikanischer Präsident.

Welche Reaktion ist die richtige bei genau einem Versuch?

Wie und wann sollen die USA darauf antworten? Sehr amerikanisch ist dieser Film nicht nur in der Perspektive, sondern auch in der Art, wie Emotionen erzählt und aufgebaut, wie Figuren erzählt werden – hier sind fast alle Familienmenschen.

Hochinteressant ist zu sehen, wie in gewissem Sinn alles auseinander fällt, die Institutionen und Regeln und gesellschaftlichen Prozesse, wie die Leute die Nerven verlieren und plötzlich auf ihre Individualität zurückgeworfen werden.

„A House of Dynamite“ von Kathryn Bigelow
Regisseurin Kathryn Bigelow zeigt viele Leute, die ihr Handwerk verstehen und entsprechend ausführen. Im Bild: Captain Jon Zimmer (Kyle Allen)

Dokumentarisch recherchierter Spielfilm

Oder sie behalten ihre Nerven und tun einfach ihre Arbeit, gerade im Angesicht der Katastrophe. Regisseurin Kathryn Bigelow zeigt hier einfach viele Leute, die ihr Handwerk verstehen und die das Handwerk dann auch wie ausgebildet ausführen. Und sie zeigt, wozu das dann führt, alles sehr nüchtern, fast dokumentarisch sachlich und genau recherchiert. Vor allem zeigt sie es multiperspektivisch.

Der Film ist in drei Kapitel unterteilt, und wir springen am Ende eines Kapitels immer wieder zurück zum Anfang. Das Spiel mit der Zeit in dem Film ist unglaublich dicht, genau und spannend. Die einzelnen Kapitel sind jeweils ungefähr 40 Minuten lang, die im Film vorgeführte Zeit dauert aber nur etwa 20 Minuten.

Bigelow beherrscht das Spiel mit der Spannung

Das heißt: Die Zeit wird durch Parallelerzählungen gedehnt und manchmal auch beschleunigt. Und dann verdichtet sich alles immer mehr. Selten hat ein Film 120 Minuten lang so eine Spannung mit solcher Sicherheit gehalten. Auch handwerklich ist das extrem perfekt und schön und souverän gemacht – es gibt eigentlich nie einen Moment, an dem der Film aus dem Ruder läuft. Dies ist Kino auf der Höhe der Zeit.

Trailer „A House of Dynamite“, ab 9.10. im Kino, ab 24.10. auf Netflix

A HOUSE OF DYNAMITE | Offizieller Trailer | Netflix

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