Für Familien mit wenig Einkommen sei Weihnachten eine Herausforderung, betont Professor Georg Cremer im Interview mit SWR1 Sonntagmorgen. Der Volkswirt lehrte viele Jahre an der Universität Freiburg. Außerdem war er lange Zeit Generalsekretär der katholischen Hilfsorganisation Caritas.
Arme Familien wollten ihren Kindern möglichst viel Normalität bieten, sagte Cremer. Weihnachtsmärkte seien Publikumsmagneten, so der Ökonom, doch die Attraktionen, Getränke und Speisen teuer. Es seit hart für Eltern, immer nein sagen zu müssen. Cremer hat vor kurzem ein Buch über den Sozialstaat veröffentlicht, es heißt „Alles schrecklich ungerecht?“.
Der Vergleich mit denen, die mehr haben, ist das ganze Jahr über ein Problem, aber an Weihnachten ist das besonders spürbar.
Viele Eltern stellten in dieser Zeit ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um den Kindern trotz knapper Mittel etwas bieten zu können. "Das tut mental weh und es tut im Geldbeutel weh."
Auch der tägliche Bedarf ist teurer geworden
Doch nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt, auch beim wöchentlichen Einkauf müssen viele Menschen jeden Cent umdrehen. In den Supermärkten locken in der Vorweihnachtszeit täglich neue Sparangebote. Das nutzen einige Kundinnen und Kunden gezielt, kaufen nach Angeboten und achten darauf, wo sie sparen können, erzählen sie SWR1 in einem Stuttgarter Discounter.
Viele Lebensmittel seien deutlich teurer geworden, berichten sie. Schokolade beispielsweise oder auch der Back-Kakao - manche können sich das nicht mehr leisten und müssen darauf verzichten, in der Adventszeit selbst zu backen oder Spezereien wie Lebkuchen zu kaufen.
Wünschebaum lässt Kinderaugen leuchten
Besonders in einer Großstadt wie Stuttgart wird die Schere zwischen Arm und Reich zur Weihnachtszeit nochmal deutlicher. Damit an Heiligabend alle Kinder einen Grund zur Freude haben, gibt es in Stuttgart seit vielen Jahren den Weihnachtsbaum der Kinderwünsche. Fußball, Fußballschuhe, Gutscheine, Spielbogen, Lego - in diesem Jahr gab es mehr als 3.400 Wünsche.
Die Kinderwünsche hängen am Baum, sie können von Bürgerinnen und Bürgern gepflückt und erfüllt werden. Alle übrigen Wünsche werden von der Stadt übernommen. Mit der Aktion soll Kindern in schwierigen sozialen, gesundheitlichen oder finanziellen Lebenslagen eine Freude gemacht werden.
Arme Menschen wertschätzend und respektvoll behandeln
Auch für Erwachsene in schwierigen Lebenssituationen gibt es an Weihnachten Angebote, beispielsweise lokale Treffpunkte von Hilfsorganisationen wie Diakonie und Caritas. Für Menschen, die sich von der Gesellschaft isoliert haben, sei es aber sehr schwer, diese Hilfsangebote anzunehmen, sagte der frühere Caritas-Generalsekretär Georg Cremer im Gespräch mit SWR1 Sonntagmorgen.
Viele schämten sich und fühlten sich dadurch gehemmt. Darum sei es umso wichtiger, ihnen wertschätzend zu begegnen und Armut gesellschaftlich nicht zu diskreditieren, appellierte er.