Herabschauender Hund, Kobra, das Kind und schließlich das ersehnte Shavasana – die Entspannung: Diese Asanas oder Haltungen sind zentrale Bestandteile fast jeder Yoga-Praxis. Selbst Menschen, die nie eine Yogamatte ausgerollt haben, kennen diese Begriffe. Denn Yoga ist längst mehr als eine körperliche Disziplin, Yoga ist auch ein weltweites Phänomen.
Gesundheit Yoga als Medizin – Wie die asiatische Lehre wirkt
Millionen Menschen machen Yoga, weil sie Körper und Seele gesund halten möchten. Aber Atmen, Meditation und Asanas können auch Kranken helfen, gesund zu werden. Das belegen Studien.
Verbindung zwischen Körper und Geist
Seine Wurzeln reichen tief in die Geschichte Indiens. Im Yoga geht es um die Verbindung zwischen Körper und Geist, darum, durch körperliche Praxis den Geist zu beruhigen und inneren Frieden zu finden. Eine jahrtausendealte Tradition, die heute in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen präsent ist.
Am 21. Juni, dem internationalen Welttag des Yogas, feiern Millionen Menschen diese Disziplin. In Städten auf der ganzen Welt werden Matten ausgerollt, wird gemeinsam geatmet, geschwitzt und meditiert. Yoga kann etwas sehr Persönliches sein, eine stille Praxis zur Selbstfindung. Aber es lebt auch von der Energie der Gemeinschaft wie oft viele Lehrer*innen sagen.
Es ist also eigentlich eine gute Idee, dass sich viele Menschen am Tag der Sonnenwende versammeln, um gemeinsam Yoga zu praktizieren, sei es als Philosophie, spirituelle Lebensweise oder Sport, je nachdem wie man Yoga für sich interpretiert.
Woher kommt der Weltyogatag?
Doch wie ist es eigentlich zu diesem Welttag gekommen? Wer hat ihn ins Leben gerufen – und mit welcher Absicht?
Die Idee des Welt-Yoga-Tags wurzelt nicht in der jahrtausendealten Tradition des Yoga, sondern in einem politischen Akt: Am 11. Dezember 2014 erkannte die UN auf Initiative des indischen Premierministers Narendra Modi den Welt-Yoga-Tag offiziell an. In der Begründung der Resolution wird dabei betont, „dass eine weitere Verbreitung von Informationen über die Vorteile der Ausübung von Yoga förderlich für die Gesundheit der Weltbevölkerung wäre“.
Heute feiern wir den Beginn einer neuen Ära des Friedens und der Harmonie
Indiens Premierminister ein Yoga-Praktizierender
Modi ist ein begeisterter Yoga-Praktizierender. Beim allerersten Internationalen Yogatag am 21. Juni 2015 leitete er sogar selbst eine Yogastunde – vor 100 Teilnehmenden. Kurz darauf gründete er auch ein eigenes Ministerium für Yoga und Ayurveda.
Doch hinter dieser staatlich geförderten Yogabegeisterung steckt eine konservative und sehr bewusste politische Strategie. Modi gehört der hindu-nationalistischen BJP (Bharatiya Janata Party – Indische Volkspartei) an.
Eine ihrer zentralen Zielsetzungen ist es, den Hinduismus im öffentlichen Raum zu stärken – oft auf Kosten anderer religiöser Gruppen wie Muslimen, Christen oder Sikhs.
Yoga hat seine Wurzeln in der hinduistischen Religion, aber auch im Buddhismus und wurde von vielen weiteren Traditionen beeinflusst. Modi hingegen versucht, eine hinduistisch-kulturelle Hegemonie über diese Praxis und schließlich über andere religiöse Zugehörigkeiten zu etablieren.
Yoga als Teil einer politischen Strategie
„Yoga ist nicht so alt, wie Modi es gerne hätte. Es ist auch nicht so hinduistisch, wie er es darstellt. Es als solches zu präsentieren, ist Teil seiner Politik“, schreibt Gunda Windmüller in ihrem Buch „Yoga. Wie es wurde, was es ist. Kulturgeschichte eines globalen Phänomens“.
Auch Daniel Simpson, Autor von „The Truth of Yoga“, kritisiert, dass Modi die Geschichte des Yogas politisch instrumentalisiert und dabei historische Tatsachen beugt. „Hindu-Nationalisten nutzen die Popularität von Yoga für ihre Zwecke“, schreibt er.
In einer indischen Tourismus-Kampagne etwa wurden moderne Yogahaltungen mit dem Slogan beworben: „Reise zurück ins Jahr 3000 v. Chr. – für ein gesünderes Leben.“ Obwohl es keinerlei Belege für einige Yoga-Haltungen aus dieser Zeit gebe, so Simpson, hier werde bewusst ein Bild von einem uralten, rein hinduistischen Yoga konstruiert.
Simpson warnt: „Solche falschen Zeitangaben dienen politischen Zwecken, indem sie Yoga mit einer entgeschichtlichten, homogenisierten Version des Hinduismus gleichsetzen.“
Kapitalisierung des Yogas
Yoga als Massenphänomen wie es im Westen heute meistens verstanden ist, war in Indien selbst bis in die frühen 2000er-Jahre nicht so verbreitet, schreibt Gunda Windmüller in ihrem Buch.
Den großen Yoga-Boom löste erst Baba Ramdev aus, ein umstrittener Unternehmer mit engen Verbindungen zu Narendra Modi, der die Yoga-Kultur monetarisiert und ein Imperium darauf aufgebaut hat. Er machte Yoga in Fernsehsendungen ab 2002 bekannt und populär.
Sicherlich wurde im Westen eine Form des Yoga gefördert, die sich weit von ihren Ursprüngen entfernt hat. Yoga ist Teil einer Lifestyle-Industrie und Influnecerwelt geworden.
Es ist ein Geschäft, das den Bedürfnissen einer kapitalistischen Gesellschaft entspricht: sich vom Arbeitsalltag zu lösen, Stress abzubauen, nicht leisten zu müssen, sondern einfach nur auf der Matte zu „sein“. Oft wird das alles mit Sanskrit-Begriffen und indischen Symbolen kombiniert.
Kulturelle Aneignung?
Daniel Simpson, der auch am Oxford Centre for Hindu Studies gelehrt hat, erklärt, dass dies starke Reaktionen hervorrufe, insbesondere im Internet, wo Aktivist*innen all jene verurteilen, die sich der „kulturellen Aneignung“ schuldig machen.
Er weist jedoch auch darauf hin, dass die indische Regierung unter Modi die yogische Tradition und Philosophie in ähnlicher Weise instrumentalisiere, um ein neues Bild Indiens zu fördern, das eng mit hinduistischer Hegemonie verknüpft sei. Auch Modi vermarktet Yoga als Produkt für Fitness und Wohlbefinden.
Gesellschaft Jung, spirituell, online – Sinnsuche auf Social Media
Moderne Gurus auf Social Media erreichen hunderttausende User*innen. Für manche ist es eine erfolgreiche Geschäftsidee, die offenbar einen Nerv trifft: Spirituelle Orientierung in einer komplexer und bedrohlicher wirkenden Welt. Wie passen Social Media und Spiritualität zusammen? Und was suchen junge Menschen in spirituellen Angeboten?
Bei sich ankommen
All das ließe sich durchaus kritisieren. Doch abseits von Influencern, Geschäftemachern und politischer Vereinnahmung bleibt das zentrale Anliegen der Yoga-Praxis, bei sich anzukommen, die Verbindung von Atem und Bewegung und das Wiederverbinden mit dem eigenen Selbst.
Yoga soll Ruhe, Akzeptanz und Harmonie lehren, ganz sicher aber keine politische Botschaft der Ausgrenzung sein.