Verbindung von Morsecode, Musik und Tanz
Im Parterre des Basler Tinguely-Museums, neben Jean Tinguelys klappernden Fantasie-Maschinen, hängen drei Bildschirme an der Wand. Sie zeigen Angelica Mesitis Videoinstallation „Relay League“: Auf einem Bildschirm ist ein Tänzer, auf einem anderen ein Tänzerinnen-Paar und auf dem dritten ein Schlagzeuger in Aktion.
Direkt daneben, mit einer Schablone auf die Fensterscheibe des Museums aufgeklebt, steht die letzte Morsebotschaft der französischen Marine von 1997, bevor sie auf digitale Technik umgestellt hat: „This is our last cry before our eternal silence“ (Das ist unser letzter Schrei vor der ewigen Stille).
Kuratorin Tabea Panizzi erklärt das Prinzip der Videoinstallation : „Dieser Morsecode wird übersetzt in ein Schlagzeugstück. Das Schlagzeugstück dient dann wiederum als Basis für eine Choreografie. Und die Choreografie wird dann von einem Paar aus Tänzerinnen wiederum übersetzt in Gesten. Der eine Partner ist sehbeeinträchtigt, er hat mit seiner Partnerin eine Taktik ausgearbeitet, wie ihm über Bewegung erklärt werden kann, was eigentlich auf der Bühne passiert.“
Wie können sich Menschen ohne Worte verständigen?
Wie können sich Menschen nonverbal und auch ohne geschriebene Wörter verständigen? Um dieses Thema dreht sich die erste umfassende Ausstellung von Angelica Mesiti in der Schweiz. Ihr Titel: „Reverb“ – Nachhall. Denn meist verbindet sie in ihren Installationen Klang und Video mit Performance.
Mesiti erklärt das so: „Das ist seit den Anfängen Teil meiner Arbeit. Ich habe getanzt, bevor ich zur Kunstschule ging. Deshalb sind Bewegung, Gesti und Choreografie Teil meiner Sprache. Und Klang geht damit Hand in Hand.“
Der Einsatz des Körpers als Ausdruck von Wissen und Übersetzung ist Teil davon, wie sich meine Arbeit entwickelt hat.
Zwei Möbelpacker in einem Pariser Treppenhaus
So zeigt sie in Basel nicht nur eine Performance zweier Tänzer, die sich von oben herab an einem Seil hängend umeinander drehen, sondern – in einem anderen Video – auch zwei Möbelpacker in einem engen, alten Pariser Treppenhaus.
Sie tragen ein Klavier hinauf, in dessen Gehäuse Objekte herumrutschen, die immer wieder auf die Klaviersaiten fallen und Töne erzeugen. Den Bildschirm mit dem Video dieser Treppenhaus-Szene hat Kuratorin Tabea Panizzi passenderweise im Treppenhaus des Museums platziert.
„Angelica Mesiti beschäftigt sich in ihren Arbeiten damit, wie kulturelle Traditionen, Musik und Klänge Identität und Gemeinschaft schaffen können“, fasst Tabea Panizzi das Leitmotiv der Künstlerin zusammen: „Für sie ist es ganz wichtig, wie wir Menschen heute miteinander kommunizieren und in direkten Austausch treten.“
Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg
Im Obergeschoß läuft die Videoarbeit „A Hundred Years“. Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg war Angelica Mesiti aufgefordert worden sich mit dessen Folgen auseinanderzusetzen. Zu sehen ist idyllische Natur, die sich die Schlachtfelder an der Somme zurückerobert hat. Grüne Wiesen, über die friedlich eine Schafherde zieht.
Nebenan in einem dunklen Raum läuft Mesitis jüngste Videoinstallation „The Rites of When“ auf sieben Hochkant-Bildschirmen, die die Hauptsterne der Plejaden repräsentieren.
Inspiriert von der Himmelsscheibe von Nebra
Inspiriert wurde Angelica Mesiti zum einen durch eine Erfahrung während des Corona-Lockdowns, den sie bei Bauern auf dem Land verbrachte, und zum anderen durch die jahrtausendealte Himmelsscheibe von Nebra. Diese Himmelsdarstellung wurde in Sachsen-Anhalt gefunden und diente wohl als Kalender für die Erntezeiten.
„Damals habe ich viel über die Sterne nachgedacht, über den Sternhaufen der Plejaden. Dieser Sternhaufen ist auch auf der Himmelsscheibe von Nebra“, so Künstlerin Angelica Mesiti. „Diese Sterne sind verbunden mit kulturellen Gepflogenheiten von Gemeinschaften in der ganzen Welt – im Zusammenhang mit dem Wechsel der Jahreszeiten, Erntezeiten. Und so spielt die Nebra-Himmelsscheibe eine wichtige Rolle in dem Werk.“
Ein Werk, das – typisch für Angelica Mesiti – ebenso originell wie vielschichtig ist. Es stellt die industrielle Landwirtschaft mit ihren riesigen Mähdreschern tanzenden und musizierenden Menschen gegenüber. Sie klatschen in die Hände und auf ihren Schenkeln und lassen so – akustisch – ein Unwetter aufkommen.
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