Nur wenig dringt derzeit aus dem Iran nach außen. Seit mehr als drei Wochen ist das Land weitgehend vom Internet abgeschnitten, selbst Telefonieren war lange kaum möglich. Sicher ist nur: Die Unterdrückung hat enorme Ausmaße angenommen. Umso härter trifft ein Text wie dieser.
Jeder wird verhaftet. Alle werden verurteilt. Dieses Regime, das viele Jahre lang alles darangesetzt hat, um jegliche Hoffnung und Menschlichkeit abzutöten, kriegt nun Angst, weil es erkennt, dass eben diese Hoffnung und Menschlichkeit in ganz anderer Form wiederaufleben. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als auf seine altbekannten Methoden des Mordens und Einschüchterns zurückzugreifen.
Rückblick auf 2022 – und bedrückende Parallelen
Doch die Autorin dieser Zeilen beschreibt nicht die aktuellen Proteste. Nila blickt zurück auf Ende 2022, als nach dem Tod von Jina Mahsa Amini Hunderttausende auf die Straßen gingen, Frauen ihre Kopftücher verbrannten – und der gigantische Repressionsapparat des Regimes die Bewegung schließlich erstickte. Die Parallelen zur Gegenwart sind bedrückend.
Unsere Wut übersteigt unsere Urteilskraft. Manchmal hat sie uns sogar glauben lassen, wir könnten das Regime ohne Führung oder irgendeinen strategischen Plan stürzen.
Eine Stadt im Ausnahmezustand
Nilas Essay „Auf den Straßen Teherans“ mäandert zwischen persischer Literatur und Mythen, der Gewaltgeschichte der Islamischen Republik und den historischen Rebellinnen gegen das Patriarchat. Immer wieder unterbrochen von Beobachtungen aus einer Stadt im Ausnahmezustand.
In einer Szene beschreibt Nila, wie Schulmädchen ohne Kopftuch auf Einsatzkräfte mit Schlagstöcken treffen, während sich der Smog der Millionenmetropole mit dem Rauch brennender Barrikaden mischt.
Obwohl ich schon Dutzende Male Zeugin eines solchen Geschehens geworden bin, steigt trotzdem jedes Mal das Gefühl in mir auf, dass wir auf den Schultern von Riesen sitzen und dort oben die von uns eroberten Gebiete überblicken.
Schreiben unter Zensur
Diese Szenen werden angerissen, neu betrachtet, kontextualisiert. Der Essay fragt dabei immer auch nach der Möglichkeit, überhaupt Zeugnis abzulegen – in einem Land, in dem Zensur so tief verinnerlicht werden musste.
All das zu schreiben ist gefährlich. „Nila“ ist ein Pseudonym, zum Schutz vor staatlicher Repression. Nur der Verleger des 2024 in Frankreich erschienenen Originals kennt ihre Identität. Sie ist Schriftstellerin, Ende 30. Mehr kann Constanze Neumann nicht sagen, die den Text für den neu gegründeten Verlag Pfaueninsel entdeckt hat.
Dieses Buch erzählt uns etwas, von dem wir sonst ganz wenig erfahren. Das geht eben nur, wenn auf der anderen Seite die Anonymität ganz streng gewahrt ist.
Abgerissener Kontakt
Mit dem Internet-Blackout der iranischen Behörden ist auch der Kontakt zur Autorin fast vollständig abgerissen. Über Wochen war unklar, wie es Nila geht, ob sie verhaftet oder gar getötet wurde. „Das ist natürlich ein merkwürdiges Gefühl. Bei internationalen Autorinnen und Autoren hat man zumindest per Mail Kontakt. Das war hier gar nicht möglich. Man schwimmt,“ erklärt Constanze Neumann.
Vor wenigen Tagen dann vorsichtige Erleichterung: Ein paar Sätze in einer Mail haben es nach Frankreich geschafft. Ihr gehe es gut, sie habe die Proteste überstanden. „Das ist das Letzte, was wir von ihr gehört haben. Jetzt ist das Internet wieder blockiert. Wir wissen nicht, wie es weitergegangen ist,“ bedauert Constanze Neumann.
Zeugnis ablegen
Gerade dieser brüchige Kontakt macht deutlich, was „Auf den Straßen Teherans“ will: nicht passiv bleiben, Zeugnis ablegen, festhalten, was geschieht – damit es zumindest alle wissen.
Wir dienen nicht mehr als Kurzformel für das Elend dieser Welt. Wir sind das Abbild des Widerstands.
Iran
Iran am Scheideweg: Kommt noch der Sturz?
„Es war wie im Krieg“ – so beschreiben Iranerinnen und Iraner die Tage nach dem jüngsten Volksaufstand gegen das Mullah-Regime. Sicherheitskräfte schossen mit scharfer Munition auf Demonstrierende, Menschenrechtsorganisationen sprechen von Massakern. Auch die Vereinten Nationen sehen Hinweise auf mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Innerhalb weniger Tage sollen die Todeszahlen in die Tausende gegangen sein. Eltern suchen nach ihren Kindern, viele Opfer wurden gezielt erschossen – auch in der Hauptstadt Teheran. Die Proteste richten sich gegen ein Regime, das den Menschen seit Jahrzehnten Freiheit und wirtschaftliche Perspektiven verwehrt.
In dieser Weltspiegel-Podcast-Folge ordnen wir die dramatische Lage im Iran ein – mit einem Augenzeugen, der während der Proteste vor Ort war, und mit unserer ARD-Korrespondentin Katharina Willinger. Wir sprechen über die Brutalität des Regimes, den Einfluss der iranischen Revolutionsgarde, die Hoffnungen vieler Iranerinnen und Iraner auf internationale Unterstützung, über die Haltung der USA und die Aussagen von Donald Trump sowie über die Macht von Ajatollah Ali Chamenei.
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Moderation: Natalie Amiri
Redaktion: Stefan Jäntsch, Nils Kopp
Mitarbeit: Roman Maruhn, Caroline Mennerich
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Unser Extra-Folge zum Iran vom 13.1.
https://1.ard.de/Massenproteste_im_Iran_WeltspiegelPodcast?p=wsp
Unser Podcast-Tipp: Berlin Code
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