Bayer-Werke sind ein eigener Kosmos
Man entdeckt viel mehr als nur Wasserturm, Schornsteine und den Werkshafen am Rhein auf dem riesigen, sechs Meter breiten Ölgemälde am Anfang der Bonner Ausstellung. Es zeigt die Bayer-Werke in Leverkusen in ihrer Ausdehnung vor gut 100 Jahren.
Otto Bollhagen musste das Bild mehrfach überarbeiten. Der Industriemaler sollte stets den aktuellen Stand an Werkarealen und neuen Stadtteilen abbilden. Dort zu arbeiten hieß – und heißt – eingebettet sein in einen eigenen Kosmos - mit eigenem Betriebskindergarten, eigenen Sport- und Kulturstätten.
Alles nett in der Fabrik?
Alles adrett und nett in der Fabrik? „Was er verschweigt sind die ganzen negativen Folgeerscheinungen moderner Industriearbeit. Wir wissen, dass rund um das Werk in Leverkusen die Luftbelastung und die Wasserverschmutzung enorm waren“, sagt LVR-Landesmuseums-Direktor und Ausstellungs-Mitkurator Thorsten Valk.
Ist das also Propaganda-Kunst für die Industrie? Der Saal mit Porträts der arbeitenden Bevölkerung zeigt ein großes Spektrum an Berufen – vom weiblichen Tennisprofi bis zum ikonischen Kohlenmann, gemalt von Leo Breuer.
Dokumentarfotos zeigen Nazi-Propaganda
Ein kantiges Gesicht fällt auf. Es taucht gleich auf mehreren Bildern auf: Maxe Bartel war Modell an der Dresdner Akademie und wurde rund ums Jahr 1932 gerne als Typ „Ur-Proletarier“ gebucht – der er gar nicht war: Mal wurde das Modell als arbeitsloser Werftarbeiter gemalt, mal als arbeitsloser Kohlekumpel.
In einem anderen Saal dagegen zeigen Dokumentarfotos echte Arbeitssuchende in der Weltwirtschaftskrise. Fotograf Walter Ballhause war selbst seit 1928 arbeitslos und hat sie mit Schildern um den Hals – „Nehme jede Arbeit an“ – oder in langer Schlange vor dem Arbeitsamt fotografiert.
„Im Hintergrund sehen wir als Graffito auf einer Fabrikhalle den Spruch „Wählt Hitler!". Das Ganze mit einem Hakenkreuz versehen. Ballhause zeigt uns damit, wie die Nationalsozialisten plötzlich dieses Massenelend für eigene Wahlpropaganda nutzten.“, sagt Thorsten Valk.
Dystopien treffen Zukunftsvisionen
Besonders ein Saal zeigt Kunst, die problematisiert statt idealisiert: Da steht eine Kopie des Maschinen-Menschen aus Fritz Langs expressionistischem Stummfilm „Metropolis“, als Warnung vor entfremdeter Arbeit. Andere Visionen zur „Zukunft der Arbeit“, alle um die hundert Jahre alt, machen auch heute nachdenklich:
„Da sehen wir Gesellschaften, in denen gar nicht mehr gearbeitet werden muss, weil die Maschinen die gesamte Arbeit übernommen haben. Wir sehen Zukunftsgesellschaften, in denen soziale Gerechtigkeit eingekehrt ist“, sagt Thorsten Valk. „Wir sehen aber auch dystopisch anmutende Zukunftsentwürfe.“
Ausbeuterische Arbeit war nie „schön“
Menschen stauen sich damals wie heute auf dem Weg zur Arbeit und man fragt sich: Gab es schon immer Termindruck und Hektik am Arbeitsplatz? Wer gibt den Takt vor? Und: Wie alt ist eigentlich die Angst vor der Übernahme durch Rechner und Maschinen?
Die Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt“ im Bonner LVR-Landesmuseum spielt nicht nur im Titel mit Huxleys dystopischem Zukunftsroman „Brave New World“. Sie lehrt, dass ausbeuterische und selbstausbeuterische Arbeit weder gestern noch heute „schön“ sein kann.
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