Auf einem staubigen Platz mit Blick über das Häusermeer von Istanbul stehen eine Reihe von Tänzerinnen und Tänzern in Boxershorts, Trainingstrikots und Boxhandschuhen. Ihre Bewegungen sind eine Mischung aus Tanz und Schattenboxen.
Inspiriert zu diesem Film wurde die Choreographin und Tänzerin Gizem Aksu durch die tragische Lebensgeschichte des Deutschen Box-Meisters Johan Trollmann. Weil Trollmann Sinto war, wurde ihm sein Titel 1933 von den Nazis aberkannt und später wurde Trollmann im KZ ermordet. Der Film vom Gizem Aksu ist eine Hommage an ihn.
Trollmann inspirierte die Künstlerin zur Entwicklung eines neuen Tanzstils
„Ich war von dieser Lebensgeschichte wirklich sehr berührt“, sagt Gizem Aksu, „und als Tänzerin war ich von seinem besonderen, tänzerischen Bewegungs-Stil fasziniert – für den er aber damals auch hart angegriffen wurde. Ich nutze ihn als eine kraftvolle Körpersprache, für alle marginalisierten Gruppen."
Sie habe diesen Tanzstil nach Istanbul gebracht, erzählt Aksu weiter. Dort habe sie mit einer Gruppe von Aktivist*innen zusammengearbeitet, darunter auch queere Personen, die wegen ihrer Körpersprache oft beleidigt und angegriffen werden. „Wenn wir alle zusammen mitten in Istanbul tanzen, hat das etwas sehr Ermächtigendes, eben eine Mischung aus Tanzen und Boxen – und Trollmann war meine Inspiration“, so Gizem Aksu.
Räume für die Menschen der Stadt schaffen
Gizem Aksu geht es mit ihrer choreographischen Arbeit auch darum, öffentliche Räume einzunehmen und Freiräume zu verteidigen. Und genau da trifft sich ihr Anliegen mit dem von Janusz Czech und Daria Schroth, dem neuen Leitungsteam des Kunstvereins Pforzheim. Auch sie wollen Räume für gesellschaftspolitische Diskurse schaffen, offene Räume gestalten, auch für Menschen, die sonst in der Stadt kaum gesehen und selten beteiligt werden.
Beide arbeiten schon länger in der Pforzheimer Kulturszene, Janusz Czech als Künstler und Kurator und Daria Schroth als Kulturmanagerin und Kunstpädagogin. Sie haben Erfahrung darin, neue Publikumsschichten anzusprechen und einzubinden und wissen auch, dass es nicht einfach ist.
Kulturarbeit erinnere manchmal an einen Box-Kampf
Manchmal erinnert Kulturarbeit eher an einen Kampf, sagt Janusz Czech – „Boxing Culture“ eben: „Wir haben gedacht: das ist eigentlich ein schöner Begriff, dieses ‚Boxen‘. Das hat auch verschiedene kulturelle Zuschreibungen. Es hat so was Ehrliches, Leute aus verschiedenen Sozialisationsgruppen mögen das.“
Auf der anderen Seite sage es auch etwas über den täglichen Kampf aus, so Czech: „Auch Künstlerinnen und Künstler oder Menschen mit Migrationshintergrund oder auch alle möglichen anderen Menschen sind ja im täglichen Leben damit befasst.“
Viel Unterstützug durch die lokale Kunstszene
Doch schon während der Vorbereitung auf die Ausstellung hat das neue Team viel Unterstützung durch die lokale Kunstszene erhalten, von allen Seiten wurde Hilfe angeboten und die Menschen wollten sich einbringen, was sie sehr freut, sagt Daria Schroth und für die zukünftige Arbeit optimistisch stimmt.
„Janusz und ich sind da nur ein wirklich kleiner Teil davon, die vielleicht etwas anstoßen“, so Schroth. „Aber da ist so viel, was es dann auslöst und was es an Menschen und kollektiven Stärken und Kräften in Bewegung bringt.“
„Boxing Culture“ als Brückenbauen
„Boxing Culture“ steht also für Kultur als verbindendes Element, das Menschen zusammenbringt, und keineswegs für einen „Kampf der Kulturen“, wie er ja oft in unserer immer diverser werdenden Gesellschaft propagiert wird.
Für dieses Brückenbauen steht auch die große Installation des Pforzheimer Künstlers Firat Yildiz, die er speziell für die neue Ausstellung des Kunstverein Pforzheim erarbeitet hat: Mitten im großen Saal liegen 70 zusammengerollte orientalische Teppiche, eng aneinandergeschmiegt.
„Und so ist es jetzt aus meiner migrantischen Perspektive, dass Geschichten aus der Türkei hergeholt wurden, aber man hat nicht wirklich hingeschaut“, sagt Firat Yildiz. „Und diese Geschichten gehen immer mehr verloren – und das macht dann auch etwas mit der Identität.“
Für den Künstler ein Bild für viele Geschichten der sogenannten Gastarbeiter-Generation, für die sich lange niemand interessiert hat und die darauf warten, entrollt zu werden. Der Kunstverein Pforzheim möchte diesen Geschichten jetzt Raum geben – eine Einladung!
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