Kitsch erfreut und Kitsch erregt. Sieben Beispiele für Kitsch in der Kunst – und weshalb er ebenso erfolgreich wie verhasst ist.
Kitsch-Verdacht: Die Babys von Anne Geddes
Hans Zatzka und der Postkarten-Kitsch
Ölig aufgedonnert: Lawrence Alma-Tadema
Ich bin bei euch alle Tage: David LaChapelle
Kitsch als Kritik der Kitsch-Kritik: Jeff Koons
Alles ist ironisch: Vanessa Beecroft
Es geht ums Geld: Geschädelt mit Damien Hirst
Kitsch-Verdacht: Die Babys von Anne Geddes
Seit über 30 Jahren fotografiert Anne Geddes Babys, verkleidet als Bienen, Blüten oder Kohlblätter. Seitdem lebt die australische Künstlerin mit dem Vorwurf, ihre Fotos seien Kitsch.
Die Bilder seien leicht und humorvoll, hat sie dem SZ-Magazin zum Auftakt der Tübinger Ausstellung gesagt. Der internationale Erfolg gibt ihr recht. Doch ist damit auch der Kitsch-Vorwurf vom Tisch?
Die Frage lautet, was das Neue an diesen Fotos ist. Kitsch entsteht, wenn ein Motiv ständig wiederholt wird. Wenn es so oft zu sehen war, dass ein Klischee daraus geworden ist. Man sieht nichts Neues mehr, nur ein Abziehbild des längst Bekannten.
Hans Zatzka und der Postkarten-Kitsch
Glückliche, pausbäckige Kindergesichter gab es in der Kunst schon immer. Putten, Engelchen, als Figürchen und Postkarten, mit Glitzerstaub bestreut, immer süß anzusehen. Endmoränen dieses Genres sind die notorischen Gartenzwerge.
Massenware wurde daraus bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Erfolgreich waren Postkartenmaler wie der Österreicher Hans Zatzka alias Zabateri. Ölige Fantasien wie das Motiv „Sommerlust“ gab es hundertfach in ähnlichen Motiven.
Etwa zu dieser Zeit ist wohl auch das Wort „Kitsch“ entstanden. „Verkitschen“ bedeutete im Münchner Kunsthandel um 1870, seine Motive zu „verschmieren“ oder zu „verschleudern“.
Ölig aufgedonnert: Lawrence Alma-Tadema
Nicht immer sind es platte Postkarten. Auch in der hohen Kunst fühlt sich der Kitsch zu Hause. Erkennungsmerkmal: Alles wirkt enorm aufgedonnert, wie die tiefenentspannte Frau auf dem Gemälde von Sir Lawrence Alma-Tadema, „In the Tepidarium“.
Alma-Tadema wurde lange belächelt als „schlechtester Maler des 19. Jahrhunderts“. Heute sind Blumenbukett, Romantik-Fell und aussagelose Nacktheit in der Werbung für Wellnessurlaube angekommen.
Aus der Zeit der gehobenen Kitsch-Malerei stammt der Fluch des Schriftstellers Hermann Broch, „Kitsch“ sei „das Böse im Wertesystem der Kunst“. Gut getarnter Mist, der die Maßstäbe für das Schöne subversiv verhunzt.
Ich bin bei euch alle Tage: David LaChapelle
Getarnter Kitsch wabert auch durch die Gegenwartskunst. Darunter die klebrigen Imitationen alter Meister, die der amerikanische Künstler David LaChapelle hervorzaubert. Seine Bilder werden bevölkert von blaugeflügelten Engeln, Abendmahl-Szenen und anderem Jesus-Kitsch.
Woran erinnert doch gleich das hyperrealistisch nackte Personal dieser Wolkenlandschaft? Richtig, an die Sixtinische Kapelle und das Jüngste Gericht von Michelangelo. Allerdings ist man hier viel näher an den entscheidenden Details.
Kitsch als Kritik der Kitsch-Kritik: Jeff Koons
Genug gemeckert. Denn die ständige Kritik am Kitsch hat spätestens in den 1970er-Jahren eine neue Kunstform heraufbeschworen: den Kitsch als Kritik der Kitsch-Kritik. Schöner Zungenbrecher, oder?
Dahinter steckt ein diabolischer Spaß. Ständig monieren abgehobene Kunstkritiker den Kitsch in der Kunst? Dann sollen sie Kitsch bekommen. Und zwar extra dick aufgetragen, damit sie sich richtig schön darüber aufregen können.
Takashi Murakami und Jeff Koons sind Meister dieser ironischen Kitsch-Kunst. Von Koons gibt es die berühmten bunten Balloon-Figuren und aus der „Banality“-Ausstellung von 1988 das furchterregende Ensemble „Michael Jackson and Bubbles“.
Alles ist ironisch: Vanessa Beecroft
Die ironische Kitsch-Kunst ist bis heute erfolgreich. Mit einer unbeabsichtigten Folge: Sie wirkt wie eine Bakterienkultur, in der sich neuer Kitsch in Windeseile ausbreiten kann.
Das Label Ironie ist schließlich schnell zur Hand. Was, Sie finden, dieses Bild sei kitschig? Nun, es ist ironisch gemeint. Und es steckt eine Menge mehr dahinter.
Ein Beispiel: die Performance „VB Handmade“ der italienischen Künstlerin Vanessa Beecroft bei der Mailänder Modewoche 2016. Karlie Kloss räkelt sich sinnlos erotisch auf dem Tisch? Aber nein, sie bekommt ein hautenges Lederkleid verpasst. Ein Lob der italienischen Schneiderkunst.
Es geht ums Geld: Geschädelt mit Damien Hirst
Damien Hirst gehört zu den bekanntesten Künstlern der Gegenwart. Von ihm stammt zweifellos die witzigste Pointe zur Kitsch-Kunst: dass man eine Menge Geld damit verdienen kann. Wirkungsvoller lässt sich die Kunstkritik nicht verspotten.
Also schuf Damien Hirst seinen berühmten, mit Diamanten besetzten Schädel. Und Schädel in vielen weiteren Versionen, die uns aus hohlen Augen anglotzen und durch die Zähne zuflüstern: Diese Kunst mag tot wirken. Doch der Kitsch zeigt, dass sie lebt.