Ist es abstrakte Malerei? Eine Satellitenaufnahme? Je näher man an die Bilder herantritt, desto unsicherer wird der Blick: Die Augen suchen, das Hirn versucht einen Sinn zu finden. Doch Farben lösen sich in digitale Artefakte auf, vermeintliche Landschaften entpuppen sich als Programmcode.
Die Werke des niederländischen Künstlers Jan Robert Leegte entstehen nicht aus Fotografien oder Vorlagen. Es gibt kein ursprüngliches Bild, das bearbeitet oder verfremdet würde. Stattdessen erzeugen Mathematik, Code und Kompression Bilder, die lediglich den Eindruck einer fotografischen Wirklichkeit hervorrufen. Nicht weil sie es unbedingt wollen, sondern weil unsere Sehgewohnheit einen Sinn zu erkennen versucht.
Wer heute an digitale Kunst denkt, hat dennoch oft zuerst KI-generierte Bilder oder den NFT-Hype der vergangenen Jahre vor Augen. Tatsächlich reicht die Geschichte der digitalen Kunst oder Medienkunst aber weit zurück. Bereits Mitte der 1960er-Jahre experimentierten Künstler wie Georg Nees, Frieder Nake oder Vera Molnár mit Algorithmen und Plottern – zu einer Zeit, als Computer noch ganze Räume füllten.
Später kamen Video-, Netz- und Medienkunst hinzu. Trotzdem blieb digitale Kunst über Jahrzehnte eher ein Spezialgebiet. Für viele war sie meist kaum mehr als ein technisches Experiment, nicht zu vergleichen mit Malerei oder Skulptur.
„Zero 10“ lenkte auf Art Basel Aufmerksamkeit auf Digitale Kunst
Dass sich dieser Blick gerade verändert, zeigte sich auch auf der Art Basel 2026. Mit dem kuratierten Format „Zero 10“ widmete die weltweit bedeutendste Kunstmesse digitalen Positionen erstmals eine eigene Plattform. Nach dem Debüt auf der Art Basel Miami Beach Ende 2025 folgte in Basel die bislang umfangreichste Präsentation.
Im Mittelpunkt standen Arbeiten, die den Einfluss von KI, Algorithmen und digitalen Bildern auf unsere Lebenswelt untersuchen und digitale Kunst nicht als Technikschau, sondern als selbstverständlichen Teil zeitgenössischer Kunst begreifen. Galerien berichten von wachsendem Interesse, denn immer mehr etablierte Sammlerinnen und Sammler öffneten sich dem Medium. Statt der Frage, ob Werke aus Software oder Code überhaupt Kunst sind, rückt zunehmend ihre künstlerische Idee in den Mittelpunkt.
Digitale Kunst war in den Neunzigern ihrer Zeit voraus
Für die Berliner Galeristin Johanna Neuschäffer kommt diese Entwicklung nicht überraschend. Mit ihrer Berliner Galerie Office Impart vertritt seit Jahren Künstlerinnen und Künstler, die im Bereich der digitalen und netzbasierten Kunst arbeiten – lange bevor digitale Kunst auf den großen Kunstmessen stärker in den Fokus rückte.
„Diese Art, Kunst zu machen, existiert schon lange“, sagt Neuschäffer. Gemeinsam mit einer niederländischen Partnergalerie präsentierte Office Impart auf der Art Basel Arbeiten des Künstlers Jan Robert Leegte, der bereits seit den 1990er-Jahren mit Software arbeitet. Dass digitale Kunst nun mit dem kuratierten Format „Zero 10“ sichtbar vertreten sei, bedeute deshalb vor allem eines: „eine neue Form der Anerkennung“.
Lange sei digitale Kunst vor allem innerhalb der Medienkunst-Szene diskutiert worden. Heute kämen zunehmend auch Besucher und Sammlerinnen, die bislang vor allem Malerei oder Skulptur gesammelt hätten. „Am Ende geht es immer um gute Kunst“, sagt Neuschäffer. Ob ein Werk zum Beispiel mit Öl auf Leinwand oder mit Software entstanden sei, trete dabei zunehmend in den Hintergrund.
Digitaler Werkstoff: Von der Bildhauerei zum Programmcode
Das digitale Kunst keineswegs ein neues Phänomen ist, zeigt der niederländische Künstler Jan Robert Leegte – wortwörtlich anschaulich. Seit fast 30 Jahren arbeitet er mit Software – nicht als Werkzeug, sondern als künstlerischem Material. Ursprünglich studierte er Architektur und Bildhauerei. Raum, Körper und die Beziehung zwischen Werk und Betrachtenden standen im Mittelpunkt seiner Arbeit. Als er 1997 das Internet entdeckte, veränderte sich seine Perspektive grundlegend.
„Der Browser fühlte sich für mich wie eine völlig neue Welt an – eine Erweiterung der Bildhauerei“, erinnert sich Leegte. „Es gab Objekte, Interaktion und Öffentlichkeit. Gleichzeitig wurde dort kaum Kunst gemacht. Ich hatte das Gefühl, einen Ort zu betreten, an dem Kunst erst noch erfunden werden musste.“
Bei den großformatigen Arbeiten seiner neuen Werkreihe „Sightings“ werden erst aus der Nähe Farbkompressionen, Pixel und digitale Artefakte sichtbar. Ausgangspunkt der Serie ist eine ungewöhnliche Frage: Kann JPEG-Kompression selbst zu einem künstlerischen Medium werden?
Wenn Software zum Material wird
Leegtes Arbeiten stehen in einer längeren kunsthistorischen Tradition. Denn jede Epoche erweitert die Frage danach, was überhaupt als künstlerisches Material gelten kann. Auf Höhlenwände folgten Holz, Marmor und Bronze, später Leinwand, Fotografie, Film oder Video. Neue Medien wurden dabei zunächst häufig skeptisch betrachtet, bevor sie ihren Platz in der Kunst fanden.
Digitale Kunst reiht sich ein in diese Entwicklung und führt sie fort. Nicht weil Software Farbe oder Stein ersetzt, sondern weil sie den Materialbegriff erweitert: Künstler arbeiten heute auch mit Code, Daten oder Algorithmen – also mit den Technologien, die nahezu allgegenwärtig unseren Alltag lenken und prägen.
Ich nutze Software nicht, um Kunst zu machen. Ich mache Kunst über Software.
Genau darin sieht auch Johanna Neuschäffer den Reiz der Künstlerinnen und Künstler ihrer Galerie. „Sie beschäftigen sich mit den Materialien unserer Zeit – und Technologie gehört selbstverständlich dazu.“ Entscheidend sei jedoch nicht die Technik selbst, sondern die Fragen, die daraus entstehen. Kunst werde dort spannend, wo sie gesellschaftliche Entwicklungen reflektiere und neue Perspektiven auf die Gegenwart eröffne.
Die Frage hinter der KI
Ausgerechnet der Boom der Künstlichen Intelligenz könnte dieser Entwicklung zusätzlich Schub verleihen. Denn erstmals diskutiert eine breite Öffentlichkeit über Fragen, mit denen sich digitale Künstlerinnen und Künstler seit Jahrzehnten beschäftigen: Wie entstehen Bilder? Wem gehören sie? Was macht ein Original aus?
Für Jan Robert Leegte ist KI deshalb weniger ein Gegenentwurf als ein weiterer Baustein in der Geschichte digitaler Bildproduktion. Computer erzeugten schließlich schon lange vor dem aktuellen KI-Boom Bilder, Künstlerinnen und Künstler hätten diese Prozesse schon früh reflektiert.
KI basiert auf Bildern, Texten und Videos, die bereits existieren. Meine Arbeiten haben dagegen keinen Bezug zu einer Vorlage. Sie entstehen ausschließlich aus Mathematik und Code.
Gerade dieser Unterschied interessiert Leegte. Seine Werke erinnern an Landschaften, Luftaufnahmen oder abstrakte Gemälde, obwohl ihnen kein fotografisches Motiv zugrunde liegt. Sie entstehen allein aus Berechnungen und digitalen Prozessen. Damit stellen sie eine grundlegende Frage, die weit über die digitale Kunst hinausweist: Wie entsteht ein Bild und warum erkennen wir darin überhaupt etwas?
Vom Material zur Idee
Die größere Anerkennung digitaler Kunst hat deshalb vermutlich weniger mit der Technologie selbst zu tun als mit einem veränderten Blick auf sie. Lange wurden Werke aus Software, Code oder Algorithmen vor allem als technische Experimente wahrgenommen. Heute rückt stärker in den Vordergrund, welche künstlerischen Fragen sie stellen: nach Bildern, Wahrnehmung oder dem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine.
„Wenn Menschen Dinge sehen, die sie zunächst nicht verstehen, beginnt die eigentliche Spannung“, sagt Johanna Neuschäffer. Kunst müsse nicht jede Frage beantworten. „Wenn wir mehr Fragen haben als Antworten, kann Kunst unser Leben bereichern.“
Vielleicht braucht digitale Kunst deshalb längst kein eigenes Etikett mehr. Sie ist keine Sonderdisziplin der Gegenwartskunst, sondern führt eine Entwicklung fort, die die Kunstgeschichte seit Jahrhunderten prägt: Immer wieder erschließen Künstlerinnen und Künstler neue Materialien und Ausdrucksformen, um ihre Gegenwart zu reflektieren. Software und Algorithmen sind heute Teil dieser Geschichte.