Überrascht von den eigenen Figuren
Eine Frau lehnt gedankenverloren an Deck eines Schiffes. In der einen Hand eine dunkle Aktentasche, in der anderen hält sie ein Ticket mit der Nummer 17. Warum ist sie wohl auf dem Schiff? Und wohin fährt sie? Er lasse sich selbst gerne von seinen Figuren überraschen, sagt der Künstler Christian Brandl:
„Mich beschäftigt die Frage: Was ist mit ihr los, warum steht sie da? Fühlt sie sich wohl oder unwohl? Das fließt dann in die Malerei ein. Das gehört auch für mich zum Prozess. Ich lerne die Bilder, während ich sie male, kennen.“
Die Bilder von Christian Brandl erzählen keine ausgestalteten Geschichten. Oft basieren sie nur auf einem bestimmten Gefühl: zum Beispiel „Kälte“ bei der weiblichen Figur, deren nackter Oberkörper neben einem Duschvorhang auftaucht.
Oder das Gefühl „Sehnsucht“ auf einem anderen Bild, das eine Frau zeigt, die zwischen Klinkerhauswand und akkurat geschnittener Gartenhecke wie eingezwängt wirkt.
Modemagazine der 1960er-Jahre als Inspiration
Viele der Frauenfiguren sehen in ihrem schicken Kostümchen und kurzen Kleidchen aus wie Models aus Zeitschriften oder Schauspielerinnen aus Hitchcock-Filmen. Tatsächlich nimmt Christian Brandl am liebsten Modemagazine der 60er-Jahre als Vorlagen für seine Gemälde.
Christian Brandl: „Damals gab es noch so Normen der Kleidung. Wie ist man zu welcher Gelegenheit gekleidet? Und damit spiele ich auch sehr gern, dass diese Menschen mit ihrer Kleidung etwas zum Ausdruck bringen wollen, um in der Gesellschaft bestehen zu können […]. Und hin und wieder merkt man dann, dass die selbstgegebene Verfasstheit nicht ganz hinhaut, dass es irgendwo unter der Oberfläche kriselt und sich kleine Erosionen auftun.“
Hinter den schönen Fassaden scheint oft Einsamkeit durch. Die meisten Figuren sind allein – und wenn Paare auftauchen, sehen sie sich meist nicht an. Christian Brandl spielt mit Nähe und Distanz.
Seine Protagonistinnen und Protagonisten könnten genauso im Heute leben wie zu den Glanzzeiten von Hollywood. Seine Bilder wirken alltäglich und inszeniert zugleich, oszillieren zwischen kühler Eleganz und kaltem Befremden.
Farben, Flächen und Transiträume
Christian Brandl verwendet vor allem matte, gedeckte Farben und Pastelltöne – auch das eine Reminiszenz an die 60er-Jahre. Seine Figuren wirken oft so flächig, dass man das Gefühl hat, sie wären nicht mit Pinseln, sondern mit kleinen Rollen gemalt.
Auffällig ist, dass der Künstler viele seiner Protagonistinnen und Protagonisten in Transiträume setzt: auf Schiffe oder in Bahnwaggons. Dann kann es schon mal passieren, dass zwei solcher Bilder direkt nebeneinander gehängt werden, sich die meist einsamen Figuren also zufällig begegnen und sich daraus vielleicht – ohne sein Zutun – eine gemeinsame Geschichte entspinnt, erzählt Christian Brandl lächelnd.
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