Kaum zu fassende Fülle
Was hatte man erwartet? Dass Jonathan Meese ganz brav schwarze Skizzenbücher füllt? Sicher nicht. Aber diese Fülle an gebastelten, geklebten, mit Pralinenschachtel-Goldband zusammengeknoteten oder in Schlangenlederimitat gebundenen Büchern voller Gedichte, Collagen, Fotos, Skizzen, Manifesten ist kaum zu fassen.
Aber diese Überwältigungsstrategie gehört dazu. Jonathan Meese produziert nicht nur massenhaft Bücher, sondern konsumiert sie auch exzessiv:
Ich habe Bücher immer geliebt. Ich bin Buchfanatiker, Buch-Extremist und ich sammle Bücher. Ich habe 50.000, 60.000 Bücher jetzt schon und ich kaufe und kaufe und kaufe, weil ich das um mich herum haben muss.
Ohne Bücher ist Jonathan Meeses künstlerisches Werk gar nicht denkbar. Ohne all das Gedankenmaterial: sei es von Heidegger, Nietzsche, Tolkien, Edgar Wallace oder Astrid Lindgren.
Riesige Bücher-Sammlung mitgebracht
„Und daraus ziehe ich meine Kraft, schon als Kind. Meine Mutter hat mir Bücher vorgelesen, mit Liebe, immer am Abendessenstisch. Dann habe ich selber wahnsinnig viel gelesen“, sagt der Künstler.
Bei Jonathan Meese stehen sie alle gleichberechtigt nebeneinander. Ebenso seine Heldenfiguren aus Filmen oder Büchern - Krimis, Groschenromanen oder Kinderbüchern.
In der Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum hat Meese einen Teil seiner riesigen Bücher-Sammlung mitgebracht und zusammen mit Fotos, Plattencovern und Kuscheltieren in einer Ecke aufgetürmt.
Bücher zentral in Meeses Schaffen
„Das Medium Buch spielt eine besondere Rolle im Werk von Jonathan Meese, weil alles aus dem Buch kommt und alles in das Buch zurückkehrt“, erklärt Robert Eikmeyer, Kurator der Ausstellung und Herausgeber des Werkverzeichnisses von Meeses Künstlerbüchern.
Die Künstlerbücher belegen den unheimlichen Schaffensdrang von Jonathan Meese und seine Vielfalt an Materialität und Ausdrucksformen.
In einem orangefarbenen Skizzenbuch findet man die Zeichnung einer „möglichen Kunstmaschine“, daneben in einem linierten Schulheft handgeschriebene Gedichte und Erzählfragmente, in großen Folianten Malerei, Collagen aus Fotos, Glanzbildern, Zeitungsartikeln. Oder natürlich den großen Zeichnungsroman „Die Monosau“.
Auf dem Cover eines Edgar Wallace Krimis hat er einfach seine eigenen Texte drübergeschrieben: „Immer, wenn ich was lese, will ich das sofort umformulieren. Also, ich will da sofort mein eigenes Ding schreiben“, so Meese
Rund 380 Bücher in gut 30 Jahren
Jonathan Meese hat sich darin auch an der Kunstgeschichte abgearbeitet. Klappt man einen Akten-Ordner auf, kleben da zum Beispiel drei rote Plastik-Cowboys, die einen mit gezogener Pistole auffordern: „Rede über Malerei“, „Rede über Konzeptkunst“ „Rede über die Banal-extremistischen Scheinexistenzen dieser Zeit“. Manchmal gibt es aber auch einfach Seiten voller Stempeldrucke: „Erledigt“.
Jonathan Meese nimmt sich selbst nicht wichtig. Er setzt auf die Macht der Kunst. Das zeigt sich auch in seinem Fotobuch voller Selbstporträts: mit Zahnbürste im Mund, mit Polizei-Helm, mit rosa Fächer.
Keine Rücksicht auf „political correctness“
Alles Facetten der Kunstfigur, die er aus sich schuf. Der Künstler achtet nicht auf die ständig wechselnden Moden des Kunstmarkts oder auf „political correctness“. Er macht unbeirrt sein Ding - und neben all den Performances, Bühnenprojekten, Filmen und Ausstellungen füllt Jonathan Meese in seinen Künstlerbüchern Seite um Seite:
„Und das Blatt nimmt Besitz von mir. Ich schreibe dann sofort Kill the Bill drauf oder mache einen Kringel oder streiche die Seite durch. Ist alles möglich. Oder ich reiße die Seite raus. Ich hatte noch nie ein Problem, Kunst zu produzieren. Also man kann mich wecken und ich mache sofort Kunst.“
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