Mythos, Mutterliebe, Skandal
Malerei, Skulptur, Installation, Performance, Collage, Theater – Jonathan Meese ist bekannt für sein vielseitiges Repertoire. Ein Gesamtkunstwerk als permanenter Prozess, in dem Kunst nicht nur geschaffen, sondern gelebt wird.
Meeses Credo dabei: Kunst ist total — sie herrscht in einer „Diktatur der Kunst“, in der Ästhetik, Liebe und Evolution die zentralen Werte sind.
Aus Japan an die Hamburger Kunstschule
Geboren wurde Jonathan Meese 1970 in Tokio. Seine Mutter, Brigitte Meese, kehrte Mitte der 1970er Jahre mit ihm und seinen Geschwistern nach Deutschland zurück, während sein Vater, ein Waliser, in Japan blieb.
Nach der Rückkehr sprach Meese nach eigenen Angaben zunächst nur Japanisch. Später studierte er bildende Kunst in Hamburg, bei Professoren wie Franz Erhard Walther, brach das Studium aber ohne Abschluss ab.
Seine Kunst: Was macht er – und warum ist das so besonders?
Auch ohne Abschluss: Meese ist ein Macher, dessen Werke sich nicht nur aufgrund der enormen Bandbreite an Kunstformen kaum in eine Schublade stecken lassen.
Auch seine inhaltliche Themenauswahl ist breit: Einerseits stark mythologisch und historisch aufgeladen, zugleich durchdrungen von Popkultur, Science-Fiction und politischen Symbolen.
Der Stil: oft energiegeladen, expressiv, manchmal gar ekstatisch. Meese nutzt auch Schrift, Neologismen und symbolische Figuren. Die heißen dann meist irgendwas mit „Erz-“ als Vorsilbe.
Das Konzept dahinter: Für Meese ist Kunst nicht nur Ausdruck, sondern auch Herrschaft: Seine „Diktatur der Kunst“ steht für die Idee, dass Kunst die höchste Autorität besitzt, eine utopische Ordnung schafft und Macht und Geschichte neu interpretiert.
Rezeption & Kontroversen
Einerseits schätzen Fans ihn als radikalen Visionär, der mit theatralischer Kraft das Politische und Persönliche neu zusammensetzt. Seine Werke waren in renommierten Museen weltweit zu sehen, und er arbeitet mit großen Institutionen und Galerien zusammen. Andererseits ist Meese auch immer für einen Kunstskandal gut.
Größer Provokation und Streitpunkt: sein mehrfacher Hitler-Gruß bei Performances. Meese erklärte, es sei Teil seiner künstlerischen Inszenierung, die historische Tabus entleere, nicht bejahe. 2013 stand er deshalb vor Gericht, das Landgericht Kassel entschied jedoch, dass er die Geste im Rahmen seiner Kunstfreiheit gezeigt habe, und sprach ihn frei.
Kritiker sehen in seinen Provokationen eine Verharmlosung belasteter Symbole, Befürworter verteidigen ihn mit dem Verweis auf satirische, entmystifizierende Kunst.
Welche Rolle spielt Mutter Meese?
Ein zentraler Teil von Meeses Leben und Werk ist seine Beziehung zur Mutter, Brigitte Meese. Die 96-Jährige ist nicht nur seine Mutter, sondern seine „Erzmami“, wie er sie nennt: seine Muse, Managerin, manchmal Performance-Partnerin. So bringt er sie immer wieder auch bei Auftritten und Stücken auf die Bühne – etwa beim Theaterprojekt „Muttersöhnchen im Kunstglück“ in Wien.
Für den Künstler ist sie strukturierende Kraft in seinem kreativ-chaotischen Universum – zugleich emotionale Instanz und strenge Autorität. Er sagt: „Meine Mutter ist die einzige Kontrollinstanz meines Schaffens.“
Ausstellung in Ludwigshafen: Meeses Buchkosmos öffnet sich
Jonathan Meese bezeichnet sich selbst als Buch-Fanatiker. In seinem Gesamtwerk spielen Bücher eine zentrale Rolle. Seine ersten Künstlerbücher entstanden in seiner Zeit an der Kunsthochschule Hamburg. Dort begann er auch, eigene Texte zu verfassen und vorzutragen.
Aktuell zeigt das Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen eine Ausstellung, die einen bislang eher wenig bekannten Teil von Meeses Schaffen beleuchtet: seine Künstlerbücher. Unter dem Titel „Gesamtkunstwerk Erzbuch! (Buch der Bücher)“ sind rund hundert seiner Werke und eine Installation zu sehen.
Meese selbst sagt, dass das Buch für ihn die Form ist, in der seine fließenden Gedanken, seine Welt-Entwürfe und sein kreatives Chaos strukturiert werden – jede umgeblätterte Seite generiere einen neuen Eindruck, einen neuen Sinn.
Darum sollte man Jonathan Meese kennen
Jonathan Meese ist eine Institution der Gegenwartskunst. Kunst bei Meese ist nicht nur Objekt, sondern soziales, performatives, politisches Ereignis.
Er verbindet Provokation mit Tiefe, Pop mit politischer Symbolik. Doch was bei ihm schockiert, ist selten bloße Provokation – oft steckt eine reflektierte Auseinandersetzung mit Macht, Geschichte und Identität dahinter.
Meese zwingt uns, die Grenzen der Kunstfreiheit zu hinterfragen und gleichzeitig die Schönheit im Chaos zu sehen. Wer sich auf Meese einlässt, begegnet einer kreativen Kraft, die sich nicht bändigen lässt – und das macht ihn zu einer streitbaren, aber auch faszinierenden Figur.
Ob einem diese Art der Kunst gefällt, ist letztlich Geschmackssache. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich ja vortrefflich streiten. Das würde Jonathan Meese bestimmt gefallen.