Beeindruckend mächtig ist der Eingang des Stuttgarter Linden-Museums: ein großes Rundportal, ganz klassizistisch von Säulen getragen. Im Rundbogen zwei Figuren, die wahrscheinlich Menschen aus Ozeanien und Afrika verkörpern sollen. Eine stereotype rassistische Überzeichnung, typisch für den kolonialen, weißen Blick auf das Fremde.
Das Gebäude, 1911 entstanden, atmet noch immer den Geist seiner Bauherren, der württembergischen Kolonialgesellschaft. Doch Ironie der Geschichte: Seit einigen Jahren erklimmen wechselweise Delegationen aus Namibia, dem Benin oder Kamerun die große Freitreppe, um die ihnen geraubten Kulturgüter zurückzuholen.
So stellt sich die Direktorin das neue Linden-Museum vor
Museumsdirektorin Ines de Castro, eine der führenden Stimmen in der Debatte um koloniale Raubkunst in Deutschland, hat daher mit Blick auf den geplanten Umbau klare Vorstellungen vom zukünftigen Auftritt des Museums.
Sie wünscht sich, „dass der Eingang auf Platzniveau erfolgen soll, um gerade auch dieses Demokratische des Museums besser zu verdeutlichen. Im Unterschied zu jetzt, wo man erst einmal die Treppe erklimmen muss, bevor man ins Museum kommt.“
Auch andere Änderungen schlägt Ines de Castro vor: „Dass die Fassade in irgendeiner Form gebrochen wird, so dass das Museum aus der Kolonialzeit architektonisch in seiner Konzeption etwas gebrochen erscheint.“
Offenes Museumskonzept mit Lichthof in Planung
Vor anderthalb Jahren erteilte der Verwaltungsrat des Museums, in dem die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg vertreten sind, einem Neubau an einem anderen Standort eine Absage. Nun muss im Bestand völlig neu gedacht werden.
Zusammen mit dem Landesbetrieb Vermögen und Bau hat das Museumsteam in den vergangenen Monaten daran getüftelt, wie der alte Bau mit einem neuen Museumskonzept in Übereinstimmung gebracht werden könnte. Und dabei gab es erst einmal eine Überraschung: ein bislang verbauter Lichthof.
„Wenn Sie vor unserem Haus stehen, sind wir ein großes Karree mit einem Flügel an der Seite“, erklärt Museumsdirektorin de Castro. „Und in diesem großen Karree befindet sich dieser Lichthof, den wir bei der Sanierung wieder freilegen möchten, sodass wir einen Blick nach oben haben mit Verglasung über die vier Etagen. und das wird, glaube ich, sehr schön.“
Aufenthaltsqualität: „In unserem Haus gibt es die fast nicht“
Zunächst aber geht es vor allem darum, das Museum barrierefrei zu gestalten: ein ebenerdiger Eingang, ein größeres Foyer mit Shop und Gastronomie sowie Veranstaltungsräume. Der erste Stock ist für Sonderausstellungen gedacht, die zweite und dritte Etage für die eigenen Sammlungen in einer Dauerausstellung.
Neben diesen baulichen Planungen ist es Museumsleiterin Ines de Castro wichtig, das Haus stärker als bisher für die Stadtgesellschaft zu öffnen: „Vor allem die Aufenthaltsqualität überhaupt zu etablieren, weil in unserem Haus gibt es die fast nicht. Leute, die zu uns kommen, wissen, dass wir nicht barrierefrei sind, dass man sich bei uns nirgendwo hinsetzen kann.“
„Wenn wir ein neues Gebäude konzipieren“, so de Castro weiter, „konzipieren wir das so, dass es viel mehr Bereiche hat, wo man einfach reinkommen kann, einen Kaffee trinken kann, ein gute WLAN hat und vielleicht sich mal einen Moment hinsetzen kann, um die Zeitung zu lesen. Das gehört für mich heute zum Konzept eines guten Museums.“
Linden-Museum hofft auf schnelle Entscheidung seitens der Politik
Um mehr Platz für Besucherinnen und Besucher, aber auch für Ausstellungen zu haben, soll die Verwaltung in ein Nebengebäude am Hegelplatz einziehen, das dem Land Baden-Württemberg gehört. Auch ein neues Depot wird benötigt.
Nachdem das Linden-Museum jetzt seine Hausaufgaben gemacht und einen Bedarfsplan erstellt hat, liegt nun der Ball bei der Politik. Gemeinderat und Landtag müssen über die geplante Sanierung beraten, erst dann kann eine ein Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden. Und erst dann lässt sich auch etwas über Kosten und Bauzeiten sagen.
Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen hofft Ines de Castro auf eine rasche Entscheidung. Kopfschmerzen bereitet ihr auch die angespannte Finanzsituation der Stadt Stuttgart, die gerade erst empfindliche Kürzungen für den gesamten Kulturbereich beschlossen hat: „Uns macht das natürlich große Sorge, wie sich die Finanzen der Stadt weiter entwickeln. Bei den Nachfragen im Verwaltungsrat, ob diese Kürzungen auch die Sanierung des Gebäudes tangiert, wurde zumindest mit Nein geantwortet.“