Ein Künstler durch und durch
Günther Uecker gehörte zu den ersten Künstlern, die den Bahnhof Rolandseck zu einem Ort der Kunst machten. Dort ist jetzt die beeindruckende Schau „Die Verletzlichkeit der Welt“ zu sehen, an deren Konzeption Uecker bis zu seinem Tod im Juni 2025 noch selbst mitgearbeitet hat.
Sein Sohn Jacob Uecker, der gemeinsam mit seiner Mutter die Stiftung Uecker Archiv führt, war an der Ausstellung maßgeblich beteiligt. Er sieht im Menschen Günther Uecker den Vater und den Künstler zugleich.
Ich habe ihn erlebt als Menschen, der sich immer herausgefordert hat. Er hat sich an einen Punkt der Erschöpfung gebracht, wo wieder Energie entstand. Eine Grenze zwischen ihm als Mensch und Künstler gab es nicht.
In Rolandseck schließt sich ein Kreis
Dass die Hommage an seinen Vater nun im Arp Museum Bahnhof Rolandseck gezeigt wird, ist kein Zufall: Zu diesem Ort hatte Günther Uecker ein besonderes Verhältnis.
1964, als der Bahnhof noch kein Museum war, sondern ein halb verfallenes und zugleich hochherrschaftliches Haus über dem Rhein, nagelte sich der Künstler seinen Weg von außen über die Treppe bis in die oberen Stockwerke. Zu sehen in dem Film „Die Treppe“, der heute noch zum Bestand des Museums gehört.
Das zweite Uecker-Kunstwerk aus der Sammlung, das einen Ausgangspunkt für die Ausstellung bildete, ist das „Bett zum Aufwachen“. Es ist eine Art Himmelbett mit Nagelrelief, das er für den Museumsgründer Johannes Wasmuth gebaut hat.
Wasmuth hatte das Potential des Bahnhofs als Ort der Kunst erkannt und außer Günther Uecker weitere Künstler aus der Düsseldorfer Kulturszene eingeladen, darunter Arman, Yves Klein, Sigmar Polke und Gerhard Richter.
Als der Bahnhof noch nicht heimelig war, hat Uecker diese Schlafstätte geschaffen, damit Wasmuth sich wohler fühlte zwischen den Ratten und dem Müll.
Von Staub, Gerümpel und Ungeziefer ist heute freilich nichts mehr zu sehen: Johannes Wasmuths Vision von einem Hort der Kunst ist längst Wirklichkeit geworden, im ehemaligen Bahnhof sowie in dem dazugehörigen Bau des Stararchitekten Richard Meier. Mit der Ausstellung von Günther Uecker schließt sich nun ein Kreis zu den Anfängen des Museums.
Der Nagel als vielseitiges Symbol
„Barrikade“ heißt eine Installation von Günther Uecker, entstanden in den späten 1960er-Jahren. Wie mächtige Kanonenrohre sind dicke meterlanger Nägel auf den Betrachter gerichtet. Mit den Spitzen nach vorne. Dazwischen Sandsäcke. Eine Szenerie, die an Krieg erinnert, die beängstigend wirkt und die die Verletzlichkeit der Welt widerspiegelt.
Mit diesen Nägeln ist Uecker durch die Welt gereist. Es ist wie so ein Angriff und man weiß nicht, will man drauf zulaufen oder sich besser drumherum bewegen.
Günther Uecker erhob den gewöhnlichen Handwerksnagel zu seinem künstlerischen Ausdrucksmittel und wurde mit seinen übernagelten Objekten weltberühmt. Seine Arbeiten erzielen immer wieder sechs- bis siebenstellige Rekordsummen bei Auktionen.
Ein Leben für die Kunst
Der Nagel ist für ihn der Ausdruck zweier Möglichkeiten: Zerstören oder Reparieren. Gewalt oder Schutz. In seiner Jugend, am Ende des Krieges, nutzte Günther Uecker Nägel, um das elterliche Gut zu verbarrikadieren. Um seine Mutter und seine Schwestern vor den Russen zu schützen. Eine Erfahrung, die noch lange in ihm nachwirkte.
Aufgewachsen ist Günther Uecker im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, aber nach der Niederschlagung der Proteste vom 17. Juni 1953 suchte er eine Gelegenheit, in den Westen zu fliehen und fand sie.
In Düsseldorf studierte er an der Kunstakademie, später sollte er dort selbst lehren. 1961 schloss sich Günther Uecker der Künstlergruppe ZERO an, gegründet von Heinz Mack und Otto Piene. ZERO, die Null, symbolisierte die Sehnsucht nach einem Neuanfang sowie den Bruch mit der Tradition.
Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit da Widerstand erzeugt wird, so dass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben.
Zeit seines Lebens rieb sich Günther Uecker an gesellschaftlichen Verhältnissen, kommentierte mit seiner Kunst politische Ereignisse, wollte sich einmischen. Dabei reiste er um die ganze Welt.
Einer eindeutigen Kunstrichtung war er nie zuzuordnen, passte in keine Schublade. Er glaubte, dass die Welt durch die Kunst eine bessere werden könne. Und es war ihm wichtig, dass seine Kunst im Publikum Assoziationen weckt.
Das zentrale Thema bei ihm war das Aufbrechen und Versöhnen. Das Verletzen und Verbinden. Das ist für ihn eine universelle menschliche Erfahrung.
Günther Uecker nagelte unfassbare Mengen Zimmermannsnägel verschiedener Größen auf Holzplatten, auf Klaviere oder auf Stühle. Die Nägel scheinen sich zu vermehren, spiegeln sich im Licht, werfen Schatten oder bahnen sich ihren Weg wie eine Armee auf dem Schlachtfeld.
Bewegte Objekte für Pina Bausch
Eine Weltpremiere in der Ausstellung ist das bewegte Objekt „Die tanzende Nadel für Pina Bausch“. 2019 entstanden und jetzt im Arp Museum zum ersten Mal ausgestellt. Der Nähmaschinentisch stammt von einer Schneiderin, die für die Tänzerin und Choreographin Pina Bausch Kostüme genäht hat. Die Nadel der Nähmaschine wird hier zu einer Tänzerin wie in einem Stück von Pina Bausch.
Bewegung spielt im Werk von Günther Uecker eine wichtige Rolle: Sei es durch das Licht, das den Schatten der eingeschlagenen Nägel wandern lässt, oder sei es durch eingebaute Maschinen, die die Kunst tatsächlich bewegen. Im Arp Museum ist auch die „Sandmühle“ zu sehen, in der an einem Balken befestigte Schnüre Kreise durch einen Sandhaufen ziehen.
Zerstören und wieder aufbauen, bedrohen und versöhnen. Diese Dialektik zieht sich durch das Werk von Günther Uecker, das oft laut und groß ist.
Doch der Künstler hatte auch eine ganz andere Seite: Frei schwebend verzaubert eine rund 800 Gramm schwere kleine weiße Kugel. Übersäht mit vielen kleinen Nägeln. Sie schwingt sanft mitten in der Ausstellung, als sei sie die Leichtigkeit des Seins persönlich. Eine Arbeit, die auch seinen Sohn Jacob Uecker sehr berührt.
Das ist ein Juwel, eine Zelle, kosmisch. Für mich war mein Vater ein Mensch, der sehr intensiv lebte und liebte und das hat etwas sehr Liebevolles, diese Arbeit.
Die Intensität von Günther Ueckers Kunst kann man nun im Arp Museum Rolandseck erfahren. Mit rund 45 Werken des Künstlers bietet „Die Verletzlichkeit der Welt“ eine umfassende Schau, nicht nur durch die beeindruckenden Exponate, sondern auch durch deren stimmige und abwechslungsreiche Inszenierung – ein Besuch ist unbedingt empfehlenswert.
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