In der Werkstatt einer Künstlerin
Die Frau auf der Leinwand scheint sich nicht für ihre Betrachter zu interessieren. Nachdenklich und ein wenig traurig schaut sie an ihnen vorbei, in unbestimmte Ferne. Nase und Ohr sind nur andeutungsweise vorhanden, einige schnelle, aber bewusst gesetzte blaue Striche.
Künstlerin Helga Marten lehnt sich vor, in der Hand eine Tube mit Farbe. Noch ist dieses Werk auf ihrer Staffelei nicht vollendet. „Wenn ich Glück habe, ist die Leinwand, der Pinsel, die Finger und die Farben so gefügig, dass sie mir gehorchen und das zu Entstehende entstehen lassen“, sagt sie.
Von München nach Freiburg
1931 wird Helga Marten in München geboren. Schon als kleines Kind zieht sie mit ihrer Familie oft um: nach Frankfurt, Prag und Köln.
Kurz vor Beginn ihres Studiums der Malerei lernt sie bei einem Seminar über Friedrich Nietzsche ihren Mann kennen, den Philosophen Rainer Marten. Seit 1953 leben sie zusammen in Freiburg, und dort entstehen nach wie vor Helga Martens Bilder.
Später Durchbruch als Künstlerin
Trotz ihrer anfänglichen Erfolge – sie stellte unter anderem in Köln, Zürich und ihrer Geburtsstadt München aus – malt Marten lange im Verborgenen. Für sie ging es nie um die Karriere, sondern nur um das Malen an sich.
2014 begegnet Marten der Galeristin Ulrike Claeys, die die Arbeit der Malerin bereits seit 2001 verfolgte. Die Galerie Claeys befindet sich ebenfalls in Freiburg und schon bald beginnt die Zusammenarbeit der beiden Frauen: „Da gab es so viel zu entdecken“, schwärmt Claeys.
„Es war wirklich so, als wenn sie darauf gewartet hätte, dass jetzt mal jemand kommt und endlich mal ihr Werk wirklich auch entdeckt“, so die Galeristin.
Eine Sammlung des Lebenswerks
Claeys stellt Martens Frühwerk aus, das die Malerin selbst schon fast wieder vergessen hat. Zusammen mit dem Fotografen Bernhard Strauss legen sie daher ein Werkverzeichnis an, das 1400 Bilder umfasst.
Hinzu kommen weitere schätzungsweise 400, die Marten bereits verkauft hat. In den vergangenen zwölf Jahren entstehen zusätzlich noch etwa 100 weitere Bilder. Eine gewaltige Sammlung, da ist man sich einig.
Ein Teil der Fotografien wird 2016 in einem ersten Bildband veröffentlicht, ein zweiter Teil folgt 2019. Ein dritter Band soll folgen. Und in der Galerie? Da hängen aktuell Bilder aus allen Phasen von Helga Martens Leben, von einem Stillleben aus dem Jahr 1957 bis hin zu einem Porträt von Pablo Neruda aus dem Jahr 2024.
Fotos und Skizzen als Vorlagen
Ursprünglich malte Marten in einem Atelier, nur wenige Minuten zu Fuß von ihrer Wohnung entfernt. Heute kommt die 94-Jährige aber kaum noch aus dem Haus, in ihrer Werkstatt dort malt sie daher nach Fotos und alten Skizzen.
Zu ihrem Repertoire zählen Stillleben, Landschaften und Porträts – von ihr selbst, ihrem Mann und in letzter Zeit vor allem auch von Dichtern wie Franz Kafka und Paul Celan.
„Ich lasse mich dann leiten von einem schwer zu beschreibenden Vorgang, der durch das Malen und während des Malens entsteht“, versucht sie ihren Prozess in Worte zu fassen.
Kunst um der Kunst Willen
Trotz ihres hohen Alters malt Helga Marten weiter. Oder, in ihren eigenen Worten: „Ich schaufle mit dem Pinsel und lege etwas frei, was vorher nicht da war.“
Die Außenwirkung ist für sie allenfalls zweitrangig, Auszeichnungen wie der Reinhold-Schneider-Preis sind ein netter Nebeneffekt ihres Schaffens.
Inzwischen findet sie in ihren jüngsten Werken auch etwas „Unfertiges“, wie sie selbst sagt. Ein Hindernis ist das für sie jedoch nicht. „Das muss sicher auch mit dem Ende des Lebens zusammenhängen, dass die Kraft eben geringer ist und dennoch diese Bilder gemalt werden müssen“, sagt sie.