Lebensgefühl im frühen 20. Jahrhundert

Kraftvoll und kontrovers – Kaiserslautern zeigt Expressionismus von Kirchner, Kollwitz und Co

Die Pfalzgalerie Kaiserslautern feiert ihr 150-jähriges Bestehen. Die Sonderausstellung zeigt 80 Werke von bedeutenden Künstlern des Expressionismus. Darunter die Künstlergruppen „Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“, die in ihrer Kunst ihr Lebensgefühl im frühen 20. Jahrhundert widerspiegelten.

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Von Autor/in Natali Kurth

Kantige Körper, laszive Posen

Kantige Körperkonturen, Brüste spitz wie ein Trichter, unverdeckte Schamhaare und laszive Posen. „Drei Mädchen im Raum“ heißt die Kreidezeichnung mit Aquarell von Ernst Ludwig Kirchner aus dem Jahr 1909.

Kirchner gehörte der 1905 gegründeten Künstlergruppe „Brücke“ an. Neben dem „Blauen Reiter“ die wichtigste Vereinigung des Expressionismus.

Ernst-Ludwig Kirchner - Berglandschaft
Ernst-Ludwig Kirchner: Berglandschaft, 1920/25, Zeichnung

Erotische Szenen und außereuropäische Welten

„Viele der Damen waren Lebensgefährtinnen, die Model standen. Hier steckt auch das Thema Ursprünglichkeit drin. Was ist ursprünglicher als der nackte Körper“, sagt Kuratorin Denise Kamm. „Es waren junge Männer, das Erotik da eine Rolle spielt ist verständlich. So haben wir viele Badeszenen und viele Nacktszenen.“ 

Auch die außereuropäische Welt faszinierte die Expressionisten. Sie sahen exotische Kunstwerke in den großen Museen und ließen sich davon inspirieren. 

Tiere, Tanzende, Tote

Die Pfalzgalerie zeigt 80 Blätter aus dem reichen eigenen Bestand, der um die 600 Blätter umfasst. Die Ausstellung ist nicht chronologisch, sondern nach Themen wie Tiere, Tanzende, Tote konzipiert.

„Die Künstler des Expressionismus haben sich nicht nur mit dem scheinbar schönen beschäftigt, mit Landschaft, mit Akt, mit Nachtleben. Sondern sie haben auch ganz bewusst den Finger auf Dinge gelegt, die vielleicht tragisch waren, dramatisch brutal“, sagt Kurator Sören Fischer.

KuratorInnen: Sören Fischer und Denise Kamm
Kurator Sören Fischer und Kuratorin Denise Kamm in der Ausstellung „Unerhört expressiv!“ in der Pfalzgalerie Kaiserslautern.

Werke von Künstlern, die die Nazis verfolgten

Zu verdanken ist die Sammlung dem ersten Direktor der Pfalzgalerie Carl Maria Kiesel. Gezielt kaufte er Werke von Künstlern an, die durch die Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Deutlich dokumentiert in dem ebenfalls ausgestellten Ankaufsbuch. 50 bis 60 Mark für ein Werk der sogenannten „entarteten Kunst“ - etwa für einen Kirchner, Heckel oder Kandinsky. Aus heutiger Sicht unglaublich.

Unerhört expressiv! - Pfalzgalerie Kaiserslautern
Wassily Kandinsky, Lyrisches, 1911, Farbholzschnitt

Schrecken des Krieges in den Bildern von Otto Dix

Die Themen, mit denen sich die expressionistischen Künstler beschäftigten, waren sehr unterschiedlich. Viele verarbeiteten ihre Kriegserfahrung in ihren Bildern. so etwa in einer Radierung von Otto Dix, die einen gefallenen Soldaten zeigt.

„Das eine Bein ist völlig verstümmelt, der Knochen ragt raus. Er schaut mit hohlen Augen in den Himmel“, so Fischer. „Otto Dix gehörte zu denen, die von den Nazis bekämpft wurden, denn die wollten ein Soldatenbild und ein Kriegsbild, was positiv war.“ 

Unerhört expressiv! - Pfalzgalerie Kaiserslautern
Otto Dix, Penne, 1923, Aquarellfarbe, Bleistift

Meisterwerke des Expressionismus von Franz Marc

Ganz anders mutet der Holzschnitt „Schöpfungsgeschichte“ von Franz Marc an. Gelb, grün und schwarz dominieren, viele Wirbel und scharf gesetzte Konturen. Dazwischen auch breite Kringel, federhafte Schwünge.

Von weitem sieht der Holzschnitt von Franz Marc aus dem Jahr 1914 aus wie eine abstrakte Komposition. Bei näherem Hinsehen offenbart sich in einem der Meisterwerke des Expressionismus ein Trio aus Pferden, die auf einer grünen Koppel aufeinander zu galoppieren. Jedenfalls sieht es so aus.

Die Expressionisten wollten zurück zum Ursprung

Zusammen mit Wassily Kandinsky gründete Franz Marc 1911 in München den Blauen Reiter, die zweite wichtige Künstlergruppe des Expressionismus, die mit der gegenständlichen Malerei immer mehr brach. 

„Man kann sehen, wie Motive sich auflösen, abstrakter werden. Es geht auch um die große Frage nach Kosmos, Harmonie, Mensch und Natur. Verkörpert durch das Tier als Sinnbild des Ursprünglichen“, so Kuratorin Denise Kamm. „Das ist, was den Expressionismus ausmacht, sie wollten zurück zu dem Ursprung.“

Unerhört expressiv! - Pfalzgalerie Kaiserslautern
Franz Marc, Katzen, um 1910, Aquarellfarbe, Bleistift

Selbstporträts von Käthe Kollwitz oder Oskar Kokoschka

Davon zeugen auch die Selbstporträts von Käthe Kollwitz, Max Pechstein oder Oskar Kokoschka. Sie schnitzten ihr Antlitz in Holz, eine Technik, die der Expressionismus für sich entdeckte. Oder sie schufen schroffe lithographische Selbststudien, die weniger Abbild als Konzentrat ihrer Persönlichkeit sind. 

Der Expressionismus reagierte künstlerisch auf die gesellschaftliche und politische Situation Anfang des 20.Jahrhunderts und hatte viele Gesichter. Eindrücklich dargestellt in der Schau „Unerhört Expressiv!, Lebensgefühle von Kirchner, Kollwitz und Co“ in der Pfalzgalerie Kaiserlautern. 

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