Schatten der Vergangenheit in Stuttgart
An einem sonnigen September-Nachmittag versammeln sich über hundert Menschen in einem kleinen Park im Stuttgarter Westen, direkt an der oberen Reinsburgstraße. Es könnte ein nettes Picknick sein – wäre da nicht diese mit schwarzem Tuch verhängte Stelle.
Sie soll später enthüllt werden und dem idyllischen Ort einen dunklen Teil seiner Geschichte zurückgeben – die manche im Publikum schon ihr Leben lang begleitet, wie die 1943 hier geborene Barbara Staudacher.
Platz wird nach Holocaust-Überlebendem benannt Nach Auschwitz in Stuttgart erschossen: Shmuel Dancyger bekommt eigenen Platz
Im Stuttgarter Westen lebten nach dem Zweiten Weltkrieg tausende Juden. Jetzt soll ein neuer Platz an einen schrecklichen Vorfall im Jahr 1946 erinnern.
„Es war unsere Ecke, da war der Milchmann, da war der Bäcker und der Metzger. Aber ich wusste immer, da ist was Furcht einflößendes“, sagt Staudacher. „Ich habe erst viel später erfahren, dass hier ein DP-Lager war.“
Jüdische Holocaust-Überlebende siedelten sich im Nachkriegs-Stuttgart an
„DP“ ist die Abkürzung für „Displaced Person“, zu Deutsch: ortslose Person, oder weniger poetisch „entwurzelter Mensch, Vertriebener“. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten hier an der oberen Reinsburgstraße jahrelang hunderte jüdische DPs - eine Art kleines Schtetl mit eigener Schule, Zeitung und Synagoge.
Ähnliches gab es an vielen anderen Orten im Nachkriegsdeutschland. Was das Stuttgarter Lager hervorhebt, ist ein furchtbares Ereignis: Am 29. März 1946 erschießt ein Stuttgarter Polizist den Auschwitz-Überlebenden Shmuhel Dancyger vor dem Haus Reinsburgstraße 220.
Tausende jüdische Überlebende wohnten im Stuttgarter Westen
Ermordung Shmuhel Dancygers war antisemitisch motiviert
„Ganz klar ein Fall von Polizeigewalt, von Antisemitismus“, sagt die junge Historikerin Anastasija Syzonov. Sie hat mitgearbeitet an der neuen App „Stuttgarter Erinnerungspfade“.
Projektleiterin Pia Preu zeigt auf eine interaktive Karte auf ihrem Handy. „Es werden am Ende über 1.500 Erinnerungsorte und Demokratieorte in Stuttgart sein, auch die Einweihung dieses Platzes wird in der App erwähnt.“
Feierliche Einweihung des Shmuhel-Dancyger-Platzes
Die Einweihung des Shmuhel-Dancyger-Platzes ist fast ein Staatsakt. Die Präsidentin des Landtages bittet offiziell um Entschuldigung, vor ihr in der ersten Reihe sitzt Howard Danziger aus Vancouver, der Enkel des Erschossenen.
Howard war in den vergangenen Jahren immer wieder vor Ort, auf Initiative der Filmemacherein Tina Fuchs und der Historikerin Josefine Geib, die ein paar Häuser entfernt aufgewachsen ist.
„Es war surreal. Von Josefines Zimmer aus sieht man genau auf die Stelle, wo er erschossen wurde“, sagt Danzinger. „Und ich bin mit Fotos des Toten auf dieser Straße hier groß geworden.“
Es geht nicht um Vergebung, sondern um Versöhnung
Nach der Zeremonie drückt Howard Danziger immer wieder Respekt aus für die Aufarbeitung seiner Familiengeschichte.
Doch bevor all zu viel Selbstzufriedenheit bei der Erinnerungsarbeit aufkommen kann, rückt die Historikerin Josefin Geib ein paar Dinge zurecht: „Dass es häufig deshalb jetzt so lebendig ist und gut funktioniert, weil es für niemanden mehr Folgen hat, weil niemand mehr Verantwortung übernehmen muss in einer tiefgreifenderen Weise, also auf eine Weise auch ganz bequem ist.“
Howard Danziger ist sich dessen sehr wohl bewusst. Es gehe nicht um Vergebung, sagt er, sondern um Versöhnung. Damit es weitergeht, besser als damals.