Jüdisches Essen am Medientisch erleben
Der älteste erhaltene jüdische Grabstein aus Worms eröffnet „Shalom am Rhein“. Solche Originale, Kopien und digitale Exponate wechseln sich in der Ausstellung ab. Dem Thema Essen zum Beispiel kann man sich interaktiv an einem Medientisch nähern.
„Man bekommt eine Erklärung zum Feiertag. Man kann sich die Zutaten angeben lassen“, erklärt die Direktorin des Landesmuseums Dr. Birgit Heide. „Essen ist ganz wichtig. Was ist zum Beispiel koscher?“
Die Gelehrten der Schum-Region modernisierten das Judentum
Im Mittelalter war das Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz wegweisend für das aschkenasische Judentum. Auch was die Regeln für das Zusammenleben in den jüdischen Gemeinden angeht.
„Die Gelehrten, die hier gelebt und gewirkt haben, haben unter anderem die Vielehe aufgehoben. Sie haben das Scheidungsrecht erheblich reformiert, modernisiert, und zwar zugunsten der Frau. Es wurde das Postgeheimnis eingeführt“, sagt Ahron Vernikowski.
Der Rabbiner hat einige der Gesetze, die Takanot, für die Ausstellung übersetzt. „Das ist das große historische und geistige Vermächtnis der Schum-Gelehrten: Sie haben das Judentum modernisiert, aber sie haben die Tradition nicht gebrochen.“
Ausstellung würdigt Persönlichkeiten des Mittelalters
In jedem Themenfeld tauchen besondere Menschen aus jüdischen Gemeinden auf mit Portrait und Lebenslauf. „Wir möchten auch die Persönlichkeiten vorstellen, die hier in Rheinland-Pfalz gelebt haben und wegweisend waren für ihre Epoche oder für ihr Fachgebiet. Wir haben Rabbiner dargestellt aber auch Wissenschaftler, die heute nahezu unbekannt sind“, sagt Birgit Heide.
Auffallend ist der hohe Frauenanteil dieser herausragenden Persönlichkeiten. Zum Beispiel war Reynette von Koblenz im 14. Jahrhundert eine der erfolgreichsten Bankerinnen im Rheinland.
Als Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft zurechtkommen
Die Stellwände der Ausstellung sind als Davidstern angeordnet und in Themenfelder gegliedert. Ein wichtiger Aspekt ist das sogenannte Landjudentum. Durch antisemitische Tendenzen in den Städten flüchteten Juden ab der frühen Neuzeit in Scharen aufs Land und waren dort jahrhundertelang gut integriert trotz hoher Schutzgelder und Berufsverbote.
Davon zeugen Exponate wie ein Fanschal von Mainz 05 oder eine Narrenkappe aus Bingen. Als Minderheit in einer Gesellschaft zu leben ist eine Erfahrung, die auch heute Menschen machen.
„Sich in einer völlig neuen Gesellschaft zurechtzufinden und auf der einen Seite die Traditionen, die man mitbringt, weiterzuleben, umgekehrt aber nicht in Konflikt mit der Mehrheitsgesellschaft zu kommen – das wollen wir intensiv vermitteln und diskutieren“, sagt Stefanie Hahn vom Referat Kulturelles Erbe – „vor allem mit jungen Menschen, denn das hat Relevanz.“
Menschen in den Dialog bringen
Das Rahmenprogramm der Ausstellung bietet eine Vielzahl von weiteren Aspekten von Judentum in Rheinland-Pfalz – Frauen, Architektur, Fußball oder Gedenkkultur. Die Verantwortlichen erhoffen sich davon eine große Akzeptanz in den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen.
„Was ich kenne und verstehe kann ich ganz anders akzeptieren, als wenn etwas unbekannt ist. Eigentlich wir sind ja gar nicht weit voneinander entfernt. Wir wollen mit Lesungen, Workshops und Konzerten den Dialog öffnen“, sagt Birgit Heide.
„Shalom am Rhein“ ist umfassend, spannend, lehrreich und unterhaltsam. Unbedingt empfehlenswert.
„Shalom am Rhein – 1.000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz“ im Landesmuseum Mainz