Ausstellung „Sprich alte Haube wo fehlts“

Intensiv und emotional: Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur in Mainzer Ausstellung

Verstörend bunte Fotos vom brasilianischen Urwald, Skulpturen aus schwarzen Zöpfen: Eine Ausstellung in der Mainzer Kunsthalle zeigt, wie eng verbunden wir mit der Erdkruste sind, wie wir sie pflegen und anderseits zerstören.

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Stand

Von Autor/in Susanne Böhme

Die Erdhülle, die wir mitformen

Stefanie Böttcher, Chefin der Kunsthalle Mainz, fand den Titel ihrer neuen Ausstellung  im Werk des amerikanischen Lyrikers Walt Whitman: „Die Haube steht in dem Titel für die Erdhülle, auf der sich die Landschaft ereignet und die wir eben stark mitformen.“

Stefanie Böttcher führt in der Mainzer Schau die Werke von fünf Einzelkünstlern und zwei Kollektiven zusammen. Es sind vornehmlich skulpturale und installative Arbeiten.

Kunsthalle Mainz - Sprich alte Haube wo fehlts
Sarah Burger: „Two Towers“, aus der Serie „Landscapes, Alphabet“, 2024, in Zusammenarbeit mit Nikolay Pachev.

Landschaft ist nie unberührt

Denn die machen die Vielschichtigkeit des Themas beim Betrachten besonders intensiv spürbar, wie sie sagt. Manchmal gehe es um schlichte Bestandsaufnahme: Welche Einflüsse hat die Landschaft erlebt und woher kommt sie.

Andere Arbeiten stellen die Frage nach dem Verhältnis zwischen Landschaft und Mensch. Und schließlich spielen Lösungen eine Rolle. In jedem Fall ist Landschaft nie unberührt, das zeigt diese Ausstellung sehr deutlich. 

Binta Diaw symbolisiert die senegalesische Heimaterde

Die Künstlerin Binta Diaw hat beispielsweise gleich mehrere Aspekte von Landschaft in ihrer Hauptarbeit vereint. Wie ein Teppich wirkt die dünne Erdschicht auf dem Hallenboden. Sie symbolisiert die Heimaterde, die unzählige Menschen, vor allem mit afrikanischer Herkunft, verlassen mussten.

Darauf erhebt sich eine Skulptur aus geflochtenen, schwarzen Kunsthaarzöpfen. Wie Mangroven strecken sie sich Richtung Erde. Auch die Zöpfe sind eine Reminiszenz an die senegalesische Heimat der Künstlerin.

Binta Diaw, Reeni Yakar: Les racines de l'espoir, 2022
Binta Diaw, Reeni Yakar: Les racines de l'espoir, 2022, Kunsthaar, Eisendrähte, Erde.

Haare als Geheimsprache während der Sklaverei

„Während der Sklaverei wurde das Haar als Geheimsprache genutzt, um ein Vokabular zu entwickeln, das die weißen Eroberer nicht verstehen konnten“, erzählt Stefanie Böttcher. „Die Haare wurden auch als Transportmedium genutzt. Es wurden Samen und Reiskörner in die Haare hineingeflochten, um nach der Flucht an dem neuen Ort überleben zu können.“

Im Hintergrund der Installation erhebt sich eine Fotowand mit einer Körperlandschaft. Sie ist so stark vergrößert, dass es sich genauso gut um eine Dünenlandschaft handeln könnte. Eine weitere Dimension des Themas, sagt Böttcher: „Es ist ein Appell: Verwurzelt, verbindet euch mit der Erde! Das ist ein spiritueller Zugang zu Landschaft.“

Kunsthalle Mainz - Sprich alte Haube wo fehlts
Binta Diaw: Paysage Corporel XIV, 2021

Palmöl-Plantagen im Amazonas

In großformatigen Fotografien erzählt der Ire Richard Mosse hingegen von Landschaftszerstörung im Amazonas. Er benutzt eine spezielle Kameratechnik, wie sie beim Militär oder in der Forschung zu Hause ist.

Sie enthüllt Vorgänge in der Natur, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. Auf den ersten Blick wirken die Aufnahmen  wie farbenfrohe Traumlandschaften.

Der zweite Blick ist weniger heiter: „Die Palmölplantagen stechen in Rot bis Magenta raus. Sie erzählen die Geschichte dieses Waldes, der gebrandrodet werden musste, um Palmöl-Plantagen in Monokulturen anzulegen.“ Es sei dieser starke Kontrast, der aus den Bildern herausschreie, so Böttcher

Kunsthalle Mainz - Sprich alte Haube wo fehlts
Richard Mosse, Palm Plantation, 2021

Intensive und emotionale Arbeiten

Alle Arbeiten dieser Ausstellung haben eine große Intensität und wirken direkt auf emotionaler Ebene, auch ohne Hintergrundinformation. Darüber hinaus sind sie von eigentümlicher Ästhetik und deshalb absolut sehenswert.

Leider ist der Titel eher irreführend als einladend. Davon sollten sich potentielle Besucher keinesfalls abschrecken lassen.

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Susanne Böhme