Die SWR Bestenliste wird 50 Jahre alt!
Mit ihren monatlichen Empfehlungslisten und öffentlichen Diskussionen gehört die dreißigköpfige Jury zu den einflussreichsten Institutionen des literarischen Lebens im deutschsprachigen Raum. Seit 50 Jahren wählen 30 Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker aus den drei deutschsprachigen Ländern jeden Monat 10 Bücher auf die SWR Bestenliste.
Zum Jubiläum haben zwei Autorinnen und ein Autor das Wort: Nicola Steiner aus der Jury der SWR Bestenliste diskutiert im Literaturhaus Stuttgart mit Dana Grigorcea („Die nicht sterben“), Felicitas Hoppe („Prawda“) und Eckhart Nickel („Spitzweg“).
Wie beurteilen sie die SWR Bestenliste? Welche Rolle spielt die literaturkritische Debatte für ihre Arbeit? Lesen und hören sie die Besprechungen ihrer Bücher?
Das Lob des Intendanten
Zum Auftakt der Veranstaltung würdigt SWR-Intendant Kai Gniffke die Idee des damaligen SWF-Literaturredakteurs Jürgen Lodemann, eine Bestenliste zu erfinden, in der nicht die Verkaufszahlen, sondern die literarische Qualität entscheiden soll.
Gniffke nennt die SWR Bestenliste „ein Stück Kulturgeschichte“: Bei der Vielzahl der Veröffentlichungen biete die „Mutter aller Bestenlisten“ den Leserinnen und Lesern eine gute Orientierung. Als Ort des öffentlichen und nicht selten leidenschaftlichen Gesprächs erfülle sie den öffentlich-rechtlichen Auftrag vorbildlich.
Was Literaturkritik ausmacht
Auch die besprochenen Autorinnen und Autoren freuen sich, dass es dieses Ranking der literarischen Qualität gibt: Für Dana Grigorcea ist die SWR Bestenliste eine „Brausetablette“, Eckhart Nickel verglich die Bestenliste mit einer Bonbonbox von „Quality Street“.
Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe hält es für „beruhigend“, in einen Raum hineinzuschreiben, in dem eine „Truppe von dreißig Weisen“ arbeite, die wissen, „wie Lesen geht“. Entscheidend sei dabei, ob es der Literaturkritik gelinge, die eigenen Maßstäbe offenzulegen und zu beschreiben, was in einem Text „sprachlich passiert“.
Nähe und Distanz
Die Runde kommt immer wieder auf das verwickelte Verhältnis von Autorinnen und Autoren zur Kritikerinnen und Kritikern zurück, spricht über Nähe und Distanz etwa auf Literaturveranstaltungen wie dem Bachmannpreis, auf dem sogar „das Badewasser geteilt“ werde. Doch jenseits der persönlichen Begegnung – da ist sich die Runde einig – helfe nur ein professioneller Abstand.
Grigorcea sieht allerdings in den literarischen und literaturkritischen Texten eine Möglichkeit, zumindest gedankliche Nähe herzustellen. Hoppe verweist auf die produktiven und manchmal auch ärgerlichen Missverständnisse, die es im Verriss und im Lob gleichermaßen geben könne.
Nickel wünscht sich mehr Analyse in der Literaturkritik und weniger Artikel, die sich mit dem Buchlayout oder den Auftritt des Autors befassen.
Essay 50 Jahre Bestenliste oder Am Anfang war: das Bild. Was will die Literaturkritik im Fernsehen?
In den 50 Jahren seit Bestehen der Bücher-Bestenliste hat sich das mediale Umfeld der Literaturkritik radikal verändert. Wer braucht sie noch?
Weiter so, mit noch mehr Breitenwirkung!
Wie könnten die nächsten 50 Jahre Bestenliste aussehen? Dana Grigorcea hofft, dass die Literaturkritik und die Debatten der Bestenliste auch ihre Kinder begeistern möge. Eckhart Nickel würde sich freuen, wenn es künftig in jeder Buchhandlung ein Regal mit Bestenliste-Büchern gebe.
„Weiter so!“, ruft er in den Saal. Felicitas Hoppe setzt auf noch mehr Breitenwirkung der Literaturkritik und hat einen Vorschlag: Warum nicht mal eine Bestenliste-Tour durch Schulen und Universitäten organisieren?