„Ich bin nichts weiter als eine Erzählerin des Lebens und des Krieges“, schreibt Aliyeh Ataei in ihrem Erzählband „Im Land der Vergessenen“ und stellt so ihr Schreiben in den Dienst ihrer prägenden Jugendjahre in Afghanistan.
192 Seiten, die randvoll sind mit den brutalen Folgen der Kriege, die die Sowjetunion und die USA in Afghanistan führten, randvoll mit den menschlichen Tragödien, die hinter den Nachrichtenmeldungen über die Herrschaft der Taliban stehen und die es selten in westliche Medien schaffen.
Geschichten aus der afghanischen Provinz Farah
Es sind autobiographisch inspirierte Erzählungen aus der Sicht der Ich-Erzählerin Aliyeh Ataei, die in einem Zeitraum von 30 Jahren vom Leben ihrer Familie und Bekannten in der südwestlichen Provinz Farah berichten. Farah grenzt unmittelbar an Iran.
Als Ataei 1981 geboren wird, sind die Eltern vor dem Einmarsch der Sowjets nach Iran geflüchtet, kehren aber wenig später zurück. Ihr Leben dort findet in einem nationalen Nirgendwo statt, das gleichermaßen von den gewaltsamen Geschehnissen beider Länder geprägt ist:
„Hier ruft niemand ‚Nieder mit dem und dem‘ oder ‚Es lebe der und der‘, aber jeder trägt in sich die tiefen Wunden, die von der Politik der Großstädte herrühren. Die geflüchteten Familien kamen mit ihren Wunden zu uns und blieben eine Weile, bevor sie in Richtung anderer Länder weiterzogen.“
Die Frage, ob sie nun Afghanin oder Iranerin sei, wird die Autorin auch im Laufe des Buches nicht loswerden.
Der Biss in die Schreibhand
Gleich in der ersten Erzählung, die Mitte der 1980er Jahre spielt, entschließt sich der Vater der Autorin, für Iran im Krieg gegen den Irak zu kämpfen.
Der friedliebende Mediziner, so stellt Ataei ihn dar, reist in die iranische Nachbarregion Süd-Khorasan für seine Grundausbildung und kehrt schon zwei Wochen später für den Rest seines Lebens gezeichnet zurück: Ein Streifschuss hat neurologische Schäden verursacht und zieht epileptische Anfälle nach sich.
Die können in der afghanischen Provinz nicht behandelt werden. Als die fünfjährige Tochter den Vater während des Krankentransports von seinen Gurten befreit, erleidet er einen Anfall. Damit der Vater sich dabei die Zunge nicht abbeißt, schiebt das Kind ihm die eigene Hand zwischen die Zähne.
Der zurückbleibende Schmerz in ihrer rechten Hand wird auch die erwachsene Autorin Aliyeh Ataei, wenn sie schreibt, für immer an ihren Vater erinnern:
„Ich beugte mich über sein Gesicht. Sein abgehackter Atem war verstummt. Ich presste meine Lippen an sein Ohr und flüsterte ihm zu, dass ich seit den Monaten im Krankenhaus auf einem Ohr taub sei, ich hätte das Stöhnen und Schreien der Kranken damals nicht mehr ertragen können.“
Ich vertraute ihm auch das Geheimnis meiner rechten Hand an, die beim Tippen auf der Computertastatur immer noch schmerzt, und wie sehr ich diesen Schmerz bis heute beim Schreiben genieße.
Schon hier zeigt sich eine der erzählerischen Stärken Ataeis: Ihre vermeintlich schlichte Prosa stattet sie mit einer großen Symbolkraft aus. Dies lässt die emotionale Dimension des Erzählten lange nachhallen und setzt ästhetische Knotenpunkte im Text. Beim Lesen ergibt sich ein immer feinmaschigeres Netz unter dem sonst nüchternen Erzählton.
Für eine bessere Zukunft in Afghanistan
Einfache Erklärungen sind nicht Aliyeh Ataeis Anliegen. Sie schildert Gewalterfahrungen, aber erzählt auch die Geschichten von Frauen, die trotz unmenschlicher Lebensumstände für eine bessere Zukunft in Afghanistan arbeiten.
Von Anar etwa, einer Verwandten von Aliyeh Ataei, die nach Afghanistan zurückgeht, um dort Kinder in Englisch zu unterrichten. Schließlich kehrt sie von den Taliban wegen ihrer Lehrtätigkeit verstümmelt zur Familie zurück.
Oder von Malalai, einer afghanisch-deutschen Filmemacherin, die die Autorin mit unermüdlichem Enthusiasmus davon zu überzeugen sucht, in Afghanistan als Schriftstellerin zu leben, um beim kulturellen Wiederaufbau des Landes zu helfen.
Eine Frau ist hier nicht einfach nur eine Frau. Solange Erdöl unter dieser Erde fließt, wird der Nahe Osten in Flammen stehen. Und Frauenrechte werden hier immer nur ein Täuschungsmanöver sein,
schreibt Ataei in ihrem Vorwort, das sie im November 2022 während der feministischen Revolution verfasst, die sich an den Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini anschloss. Der Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ wurde schnell weltweit bekannt. Ataei lebte damals noch in Iran.
Genau in dem Augenblick, in dem ich das Wort F-R-E-I-H-E-I-T tippe, könnte jemand die Stimme, die ich vor meinem Fenster das Wort »Freiheit« schreien höre, zum Schweigen bringen.
„Frau, Leben, Freiheit“ – der Widerstand geht weiter
Aliyeh Ataeis Erzählband ist ein eindringliches literarisches Plädoyer, die Frauen, die Menschen, die in Afghanistan und seiner Grenzregion auch in diesem Moment um ihr Überleben fürchten müssen, als solche zu sehen: als Menschen, die ein Leben ohne die Gewalt machtpolitischer Interessen verdienen.
Dabei erzeugt das Drastische des Erzählten im Zusammenspiel mit ihrer nüchternen Darstellung eine gekonnt konstruierte Spannung, die beim Lesen zwei scheinbar gegensätzliche Effekte gut gearbeiteter Literatur hervorruft: sowohl ein Hindurchgleiten durch den Text, als auch ein Innehalten.
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